120. Geburtstag von Hannah Arendt
«Das Erschreckende ist, dass sich der Blick in die Vergangenheit gar nicht so fremd anfühlt»
Frau Thoma, Sie inszenieren ein Stück des italienischen Autors Stefano Massini, in dem Hannah Arendt und Adolf Eichmann in einem fiktiven Gespräch aufeinandertreffen. Was hat Sie daran fasziniert?
Das Stück zeigt sehr gut, wie Hannah Arendt dachte und arbeitete. Sie hat den Prozess gegen Adolf Eichmann selbst verfolgt und auf dieser Grundlage ihre Theorie von der «Banalität des Bösen» entwickelt. Obwohl Arendt und Eichmann in Wirklichkeit nie miteinander gesprochen haben, macht der fiktive Dialog nachvollziehbar, wie Arendt ihre Gedanken entwickelt und dem Bösen allmählich auf die Schlichte kommt.
Wie setzen Sie diesen anspruchsvollen Stoff um?
Uns war wichtig, die Aufführung puristisch zu halten und den Fokus ganz auf die Texte zu legen. Wir hatten den Eindruck, dass zusätzliche theatralische Mittel den Kern des Stücks verfälschen würden. Gelesen werden die Texte von Klaus Hemmerle und Anna Sarah Waterstradt. Dazu gibt es Musik der jüdischen Komponistin Ilse Weber, die in Theresienstadt als Krankenschwester für Kinder tätig war und dort ihr berühmtes Wiegenlied komponierte. Das erschien uns passend, weil Hannah Arendt viel darüber nachdachte, wie Menschlichkeit unter extremen Bedingungen bewahrt werden kann. Wir hatten das Gefühl, dass das, was Ilse Weber unter diesen Bedingungen leistete, genau dem entsprach, was Arendt mit Menschlichkeit meinte.
Warum geht uns dieses Stück heute etwas an?
Wir arbeiten seit einigen Wochen an dem Stück, und gleichzeitig wurde die AfD Wahlsiegerin in Sachsen-Anhalt. Überall erstarken rechtsextreme, identitäre Bewegungen. Auch bei uns in der Schweiz trafen sich im August Rechtsextreme auf dem Simplon. Es geht uns also auch in der Schweiz etwas an. Und diese weltweit erstarkende Bewegung ist die Folie für unsere Lesung. Das Erschreckende ist, dass sich der Blick in die Vergangenheit gar nicht so fremd anfühlt. Wir hatten uns zuerst überlegt, ob wir das Stück irgendwie modernisieren sollten. Doch wir merkten, dass das gar nicht notwendig war. Alles fühlt sich sehr nah an.
Was können wir von Arendt lernen im Umgang mit diesen Entwicklungen?
Sie sagte einmal, das Problem nach 1933 sei nicht gewesen, was unsere Feinde getan hätten, sondern was unsere Freunde getan hätten. Das finde ich einen wichtigen Gedanken. Wenn heute antisemitische und antimuslimische Straftaten zunehmen, müssen wir bei uns selbst und bei anderen genau hinschauen. Spannend finde ich auch Arendts Beobachtung, dass sich das Böse in der Sprache entlarven kann.
Die am 14. Oktober 1906 in Hannover geborene Philosophin Hannah Arendt zählt zu den bedeutendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Als Jüdin musste sie 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen. Ihre Erfahrungen mit Verfolgung und Staatenlosigkeit beeinflussten ihre Auseinandersetzung mit totalitärer Herrschaft, die sie später im amerikanischen Exil fortsetzte.
Dort veröffentlichte sie 1951 ihr Hauptwerk «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft». Darin untersuchte sie die historischen Voraussetzungen totalitärer Herrschaft und analysierte die Entwicklung des modernen Antisemitismus, den europäischen Imperialismus sowie die Entstehung des Totalitarismus.
Mit ihrem Begriff der «Banalität des Bösen» löste sie später eine bis heute andauernde Debatte aus: In ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess von 1961 beschrieb sie, wie Gedankenlosigkeit und blinder Gehorsam Verbrechen ermöglichen. Arendt, die unter anderem bei Martin Heidegger und Karl Jaspers studiert hatte, entzog sich festen Denkschulen und politischen Lagern. Ihr Anspruch war es, auch dort selbstständig zu urteilen, wo einfache Antworten fehlen. Sie selbst bezeichnete diese Methode als «Denken ohne Geländer».
Hannah Arendt starb am 4. Dezember 1975 im Alter von 69 Jahren in ihrem New Yorker Exil. (no)
Wie zeigt sich das im Stück?
Eichmann spricht zum Beispiel von «Evakuierung», um zu verschleiern, dass es um Deportationen geht. Etwas ähnliches erleben wir, wenn die AfD von «Remigration» redet. Das Böse begegnet uns heute im Alltag mit einer grossen Normalität, manchmal sogar mit Freundlichkeit und Sympathie. Deshalb müssen wir genau hinhören, um zu erkennen, was sich hinter dem scheinbar Normalen verbirgt.
Was hat die Beschäftigung mit dem Thema mit Ihnen persönlich gemacht?
Für mich blieb die Auseinandersetzung damit immer erschreckend. Besonders eindrücklich fand ich die Mischung aus faschistischer Rhetorik bei Eichmann und seinem Versuch, menschlich und sympathisch zu wirken. Dem wirkt die Figur von Hannah Arendt entgegen, die das Schritt für Schritt entlarvt. Manche Aussagen im Stück sind so unfassbar, dass ich bei jeder Probe von Neuem Gänsehaut bekomme.
Die szenische Lesung aus Stefano Massinis «Eichmann – wo die Nacht beginnt», findet am 14. Oktober um 19.30 Uhr in der Heiliggeistkirche in Bern statt. Umgesetzt wurde das Stück vom Theaterkollektiv «moules frites», in dem Hanna-Lynn Schori, Silas Schmuckli und Elena Thoma mitwirken.