Architektur

Wie auf Pudding gebaut

Die reformierte Barockkirche La Fusterie in Genf droht weiter abzusinken. Ein 20-Millionen-Projekt soll den Verfall aufhalten und zugleich neue Nutzungsmöglichkeiten erschliessen. Das ist eine architektonische Herausforderung.

Die Kirche La Fusterie in der Genfer Altstadt war einst ein Vorzeigeprojekt: 1713 starteten die Bauarbeiten im damaligen Hafenviertel. Am 15. Dezember 1715 wurde das barocke Gotteshaus feierlich eingeweiht. Die Fusterie war in der Stadt Genf die erste reformierte Kirche. Sie inspirierte zahlreiche weitere reformierte Kirchenbauten in der Westschweiz und auch die Heiliggeistkirche in der Stadt Bern ist ihr nachempfunden.

Heute, 300 Jahre später, ist die Fusterie in die Jahre gekommen. Sie steht über einem ehemaligen, zugeschütteten Seehafen. Bauarbeiten an benachbarten Gebäuden haben dazu geführt, dass sich der Grundwasserspiegel gesenkt hat. Der Grund unter der Fusterie wird instabiler. Jährlich senkt sich die Kirche um einen Millimeter, an manchen Stellen des Fundamentes beträgt der Höhenunterschied bereits bis zu 25 Zentimeter. «Als wir die Kirche erstmals begutachteten, fielen uns sofort die Risse in den Mauern auf», berichtet Christian Foehr. 

Der Genfer Architekt ist für die Renovation der Kirche verantwortlich. Die grösste Herausforderung stelle der Untergrund dar. «Der Boden besteht überwiegend aus Schlickschichten des Genfersees – das ist fast wie Pudding», beschreibt Foehr das Problem.

Um das Gebäude zu stabilisieren, mussten auf beiden Seiten des Kirchenfundamentes Pfeiler in den Untergrund eingelassen werden. «Wir haben 194 Pfeiler rund 18 Meter tief verankert», sagt Foehr. Diese Pfeiler wurden über ein Zementfundament mit den Grundmauern verbunden.

Multifunktional genutzt

Die seit 2021 laufenden Bauarbeiten beschränken sich jedoch nicht nur auf die Sanierung der historischen Substanz. «Um die Pfeiler zu verankern, musste die gesamte Fläche unter der Kirche ausgehoben werden», erklärt Architekt Foehr. Dadurch ist ein zusätzliches Geschoss entstanden, um das die Kirche erweitert wird. 

Dort entstehen ein Mehrzweckraum, ein Lager und Umkleidekabinen für Künstlerinnen. In der Fusterie finden schon seit einiger Zeit keine traditionellen Gottesdienste mehr statt, sie ist ein Kultur- und Spiritualitätszentrum. Neben der Möglichkeit zur stillen Einkehr gibt es Ausstellungen, Debatten und klassische Konzerte.

Neu ermöglicht es ein grosser Warenlift, Instrumente vom Lager direkt ins Kirchenschiff zu transportieren. «Unsere Vision ist es, die Kirche mit moderner Infrastruktur auszustatten, ähnlich wie ein Konzertsaal oder Theater», sagt Stefan Keller, Generalsekretär der Evangelisch-reformierten Kirche Genf. 

Neue Finanzierungsrunde nötig

Das ambitionierte Vorhaben hat jedoch seinen Preis: Die Kosten belaufen sich auf schätzungsweise 22 Millionen Franken. Bauherrin ist eine von der Kirche gegründete Stiftung, die sich dem Erhalt historischer Sakralbauten widmet (siehe Kasten). 

Laut Keller sind inzwischen rund zwei Drittel der Finanzierung gesichert. «Die Bauarbeiten sind derzeit nicht gefährdet. Die Stiftung wird aber bald eine neue Finanzierungsrunde starten müssen.»

Finanzierung

Die Finanzierung der Renovationsarbeiten wird von der Stiftung «Fondation pour la conservation des temples genevois construits avant 1907» getragen. Diese wurde 1994 von der Evangelisch-reformierten Kirche Genf (damals: Église nationale protestante de Genève) ins Leben gerufen, um die insgesamt 34 vor 1907 errichteten Kirchen auf dem Kantonsgebiet zu unterhalten. In diesem Jahr hatte das Genfer Stimmvolk der Trennung von Kirche und Staat zugestimmt.

Die Stiftung leitet als Bauherrin die Renovationsarbeiten und ist für das Fundraising verantwortlich. Finanziell unterstützt wird das Projekt unter anderem vom Bund, dem Kanton und der Stadt Genf. Spenden gab es auch von der Loterie Romande, der Ernst Göhner Stiftung, der UBS sowie von der Reformationskollekte der Protestantischen Solidarität Schweiz und von Privatpersonen. (no)

An glanzvolle Zeiten anknüpfen

Mit den Renovierungsarbeiten soll an das historische Erbe von La Fusterie angeknüpft werden. Im 18. Jahrhundert erlebte Genf einen enormen Zuzug von hugenottischen Flüchtlingen, die aus Frankreich geflohen waren.

Sie brachten nicht nur ihr kulturelles Erbe und handwerkliches Können mit, sondern suchten auch nach einem Ort, an dem sie ihren Glauben frei ausüben konnten. Die bestehenden Kirchen der Stadt waren bald überfüllt, sodass das Konsistorium den Bau einer neuen Kirche beschloss – die Geburtsstunde des «Temple Neuf», wie La Fusterie ursprünglich genannt wurde.

Der damalige Architekt Jean Vennes, selbst hugenottischer Flüchtling, orientierte sich an der berühmten Kirche von Charenton bei Paris und schuf ein elegantes barockes Gotteshaus mit einem schlichten, weissen Innenraum. 

«La Fusterie ist symbolisch ein wichtiger Ort. Wir möchten den Glanz wieder verstärken», sagt Generalsekretär Stefan Keller. Bis Ende 2027 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema