«Für die Schwachen einzustehen, ist gelebter Glaube»

Die Berner Synodalrätin Pia Grossholz-Fahrni prägte fast 25 Jahre lang die Politik der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Nun ist sie am 1. April in Pension gegangen. In der Kirche engagieren will sie sich weiterhin.

Freut sich auf mehr Zeit für Freiwilligenarbeit: Die ehemalige Berner Synodalrätin Pia Grossholz-Fahrni. (Bild: ZVG)

Frau Grossholz-Fahrni, Sie sind seit wenigen Tagen im Ruhestand. Können Sie jetzt entspannen?
Pünktlich auf meine Pensionierung bin ich krank geworden. Das war nicht so erfreulich. Jetzt muss ich erst einmal ankommen. Im Moment gibt es noch viel aufzuräumen.

Sie waren fast 25 Jahre für die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn tätig, seit 2002 als Synodalrätin für das Departement Ökumene, Mission, Entwicklungszusammenarbeit und Migration. Was faszinierte Sie an dieser Aufgabe?
Es war immer mein Wunschdepartement. Das ist bis zum Schluss so geblieben. Denn hier wird Kirche wirklich gelebt. Hier geht es darum, für die Schwächsten in der Schweiz und weltweit einzustehen, für Migrantinnen, Asylsuchende und Notleidende. Das ist gelebter Glaube.

Was haben Sie in Ihrer Zeit als Vorsteherin dieses Departements erreicht?
Im Bereich Migration habe ich die Zusammenarbeit mit den kantonalen Behörden verbessert, zum Beispiel mit der Polizei- und Militärdirektion. Da habe ich intensiv den Dialog gesucht, damit wir mit unseren Anliegen vorsprechen konnten. So konnten oft gute Lösungen gefunden werden. Ein grosser Erfolg war für mich, dass das Haus der Religionen zustande kam. Wir haben dieses Projekt von Anfang an unterstützt, weil der interkulturelle und interreligiöse Dialog zu unseren Schwerpunkten gehört. Als das Projekt schliesslich 2014 eine feste Bleibe in Bern fand, war das eine grosse Freude.

Gab es auch Niederlagen?
Es gab auch frustrierende Momente. Zum Beispiel, wenn auf Bundesebene wieder ein neues Asylgesetz erlassen wurde und wir mit unseren Einwänden nicht gehört wurden. Erfreulich war hingegen, dass mir die Synode nie Steine in den Weg gelegt hat. So bekam ich immer die nötige Unterstützung für unsere Projekte.

Der Berner Landeskirche wird vorgeworfen, sie beanspruche innerhalb der Schweizer Landeskirchen eine Sonderstellung. Zum Beispiel, indem sie die Standards zur Ausbildung von Pfarrpersonen nicht übernommen hat. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?
Es stimmt, dass wir eine Sonderstellung haben. Aber dafür gibt es Gründe. Wir sind eine zweisprachige Kirche, die in drei Kantonen präsent ist. Zudem haben wir eine Brückenfunktion zwischen der West- und der Deutschschweiz und sind nach wie vor die grösste reformierte Landeskirche der Schweiz. Und was die Ausbildung angeht: Bei uns im Kanton Bern werden Pfarrpersonen noch bis Ende 2019 vom Kanton besoldet. Dadurch sind wir den kantonalen Regelungen unterworfen.

Welche Probleme sehen Sie in den nächsten Jahren auf die Berner Kirchen zukommen?
Die gleichen, die auf alle reformierten Landeskirchen zukommen. Wir werden mit der Frage konfrontiert sein, wie wir die Menschen wieder stärker für unsere Kirche interessieren können. In meiner Arbeit habe ich festgestellt, dass Migrationsthemen bei jungen Leute gut ankommen. Das soziale Engagement in der Gesellschaft ist nach wie vor vorhanden, und das stimmt mich optimistisch. Zudem müssen wir auch neue Gottesdienstformen ausprobieren. Zur Zukunft der Kirche gab es kürzlich auf der Tagung «Kirche bewegt» viele spannende Impulse.

Bleiben Sie der Kirche weiterhin erhalten?
Ich werde mich auf jeden Fall weiter in der Kirche engagieren, zum Beispiel in der Freiwilligenarbeit. Im Moment geniesse ich aber die Zeit, die ich für mich habe. Ich freue mich, wieder mehr Zeit für anspruchsvollere Bücher als Krimis zu haben – und nicht vor allem Sitzungsprotokolle und Akten lesen zu müssen.