Jubiläum Freie Evangelische Schule

Zurück zu den Wurzeln

Die Freie Evangelische Schule wird 150 Jahre alt und trennt sich vom «evangelisch» im Namen. Dieses sei in den letzten Jahren zur Hypothek geworden, erklärt der Stiftungsratspräsident der Privatschule.

Unweit des Bellevues in Zürich steht das Gebäude der der Freien Evangelischen Schule. Diese Aufnahme stammt von 2004. (Bild: Baugeschichtliches Archiv Zürich)

Angefangen hat alles mit einem kleinen Klassenzimmer in der Kappelle St. Anna in der Nähe der Bahnhofstrasse von Zürich. Zu Beginn wichen die Bänke und Stühle der rund 20 Schulkinder am Abend noch Schlafplätzen für Obdachlose. Seither ist die Freie Evangelische Schule kräftig gewachsen: Heute verfügt sie über zwei Schulgebäude und betreut über 400 Schülerinnen auf verschiedenen Stufen. 2024 feiert sie ihr 150-jähriges Bestehen.

« Konservative Zürcher Familien wollten, dass ihre Kinder weiterhin bibelfest aufwuchsen. »
Felix E. Müller, Stiftungsratspräsident der Freien Schule Zürich

Auf ihrer Website wirbt die Schule mit ihrer humanistischen Wertehaltung. «Momente der Reflexion gehören zu den Fixpunkten der Schulwoche», sagt Felix E. Müller, Stiftungsratspräsident der Schule und ehemaliger Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», auf Anfrage von ref.ch. Die Schüler hätten dabei die Gelegenheit, über Themen zu sprechen, die sie beschäftigen. Darin unterscheide sich die Institution von den öffentlichen Schulen, an denen ethische Debatten von der Lust und Laune einzelner Lehrpersonen abhängig seien. Kleine Klassen, wenig Bürokratie und engagierte Lehrpersonen würden es laut Müller ausserdem ermöglichen, mit pädagogischen Konzepten zu experimentieren.

Dabei war es ausgerechnet der Widerstand gegen Veränderungen, der zur Gründung der «Freien Schule Zürich» führte. 1869 trat im Kanton Zürich eine neue Verfassung in Kraft. Die Volksschule wurde darin als weltanschaulich neutral definiert. Die Folge davon war unter anderem der Rückgang des Religionsunterrichts. «Konservative Zürcher Familien wollten jedoch, dass ihre Kinder weiterhin bibelfest aufwuchsen», sagt Müller. So gründeten sie 1874 die Freie Schule Zürich. Um das «evangelisch» wurde der Name erst in den 1930er Jahren ergänzt, um sich von anderen Privatschulen mit ähnlichen Namen abzugrenzen.

« Wir haben zunehmend festgestellt, dass Eltern uns wegen des ‹evangelisch› im Namen nicht mehr in Betracht ziehen. »
Felix E. Müller, Stiftungsratspräsident der Freien Schule Zürich

Seither hat sich der religiöse Bezug der Schule, die längst allen Bevölkerungsgruppen offensteht, gewandelt. Obwohl er laut Müller in Form einer jährlichen Feier im Grossmünster oder Weihnachtsfeiern weiterhin besteht, nennt sich die Schule anlässlich des Jubiläums wieder «Freie Schule Zürich». «Wir haben zunehmend festgestellt, dass Eltern uns wegen des ‹evangelisch› im Namen nicht mehr in Betracht ziehen», sagt Müller. Er führt das auf die Verwechslung mit evangelikalen Schulen zurück. Dennoch konnte die Schule ihr Angebot in den letzten Jahren ausbauen. Im Sommer 2022 etwa startete der erste Jahrgang des neuen Kurzgymnasiums.

Das Jubiläum feiert die «Freie Schule Zürich» mit der Renovation der Schulzimmer des denkmalgeschützten Schulhauses an der Waldmannstrasse und der Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel «Ein festes Mass in unserer Zeit. Geschichte der Freien Evangelischen Schule in Zürich». Ausserdem findet am 14. November 2024 in der Predigerkirche ein Festakt mit Regierungsrat Mario Fehr statt.