Kino

Über Gefühle sprach man nicht

In «Der Mann auf dem Kirchturm» will der Filmemacher Edwin Beeler herausfinden, wieso sich sein Grossvater 1989 das Leben nahm. Die einfühlsame Spurensuche führt Beeler in seine Kindheit und zu Rollenbildern und Tabus, die teils noch heute existieren.
Edwin Beeler verehrte seinen Grossvater, er war Kaminfeger und Dachdecker. (Bild: PD, Calypso Film)

Wenn Edwin Beeler Geburtstag hat, muss er immer auch trauern. Denn ausgerechnet an jenem Tag nahm sich sein Grossvater, den er so sehr verehrte, das Leben. Ein kräftiger, angesehener Kaminfeger und Dachdecker aus Oberägeri ZG, dessen Wort im Dorf etwas galt. 1989 erschoss er sich mit einem Hasentöter, im Keller seines Hauses. 

Wie konnte es so weit kommen? Hätte jemand die Tat verhindern können? Diese Fragen beschäftigen den Innerschweizer Filmemacher Edwin Beeler schon lange. In «Der Mann auf dem Kirchturm» sucht er nach Antworten: in alten Familien- und Ortsbildern, in Spielzeugen seiner Kindheit, in Super-8- und 16mm-Filmausschnitten, die er einst ohne bestimmte Absicht von seinen Grosseltern aufnahm. 

Der Filmemacher als Bub im Haus seiner Grosseltern, gespielt von David Meile. (Bild: PD, Calypso Film)

Durch die Erzählung führt die Stimme von Hanspeter Müller-Drossaart und Beelers Alter Ego, ein Bub, gespielt von David Meile. Dieser begibt sich zurück in Beelers Kindheit, auf den Dachboden des Hauses seiner Grosseltern, wo er Kaminfeger-Zylinderhüte findet, damit Zauberer spielt und Schwarz-Weiss-Fotos entdeckt, auf denen sein Grossvater in Arbeitskluft posiert, das Gesicht verrusst, den Stossbesen geschultert. Bilder einer vermeintlich heilen Welt, die im Lauf der Recherche immer mehr Risse bekommt. 

«Für ihn konnte es nicht hoch genug hinaufgehen»: Edwin Beelers Grossvater war Kaminfeger und Dachdecker, im Bild zuoberst auf dem Kirchturm. (Bild: PD, Calypso Film)

Edwin Beeler ist 15 Jahre alt, als sein Grossvater bei der Arbeit von einem Scheunendach stürzt und sich schwer verletzt. Er muss lange in Spitalpflege, kann nicht mehr arbeiten, seine Frau ist ihm keine Stütze, sie liegt schwerkrank im Bett. Die Töchter sind mit der Situation überfordert. Hilfe holt man sich nicht, man kämpft sich allein durch – und schweigt.

Über Gefühle sprechen, sich mal in den Arm nehmen: «Das kannte man nicht – und hat es dadurch auch nicht vermisst», sagt Edwin Beelers Mutter im Film. (Bild: PD, Calypso Film)

Besonders deutlich wird dies in den Interviews, die Beeler mit seiner Mutter führt. «Damals wurde das Wort Depression kaum je benutzt», sagt sie, auf den seelischen Zustand ihres Vaters angesprochen. «Er hät halt eifach schlechti Lune gha.» Überhaupt sei eigentlich nie über Gefühle gesprochen worden. Sie könne sich auch nicht erinnern, dass Mueti oder Daddy sie mal in den Arm genommen habe. «Das kannte man nicht – und hat es dadurch auch nicht vermisst.»

Der Film erzählt aber nicht nur eine Familien- und Generationengeschichte, sondern auch den Wandel von Schweizer Dörfern und ihren Gemeinschaften. Aktuelle Aufnahmen zeigen Oberägeri mit seinen Luxushäusern, eine Wohngemeinde, in der immer mehr Englisch statt Dialekt gesprochen wird. Es folgen Archivaufnahmen von Oberägeri als Bauerndorf, volle Wirtshäuser, in denen Ländler gespielt wird, Fasnacht, Umzüge, Kirch- und Feiertage, gelebtes Brauchtum, eine Zeit, in der man sich noch kannte im Dorf. 

Eindrücklich unter Beweis stellt dies der ehemalige Bürgerratspräsident Alois Rogenmoser, indem er die Übernamen der damaligen Dorfbewohner aufsagt: «Da gabs den Gyreggler, die hiessen aber Schönmann, d’Birchäli, das sind Blattmanns, dann in Alosen natürlich die Melkä-Büebel, den Richel Seffel und den Richel Seffels Wysel, dann gabs auch noch den Gemeindepräsidenten, den Schluur, der hiess aber Meier …» 

Die Gyreggler, Birchäli und Seffel traf man «i de Möscht», erzählt Alois «Zwüschebäch-Wysel» Rogenmoser, man kam zusammen und unterhielt sich, vormittags oder nachmittags, irgendjemand sass immer dort. «Will ich heute ein Bier trinken gehen, muss ich jemanden anrufen, um nicht allein am Tisch zu sitzen. Die Gesellschaft ist tot!»

Es sind keine leichten Stoffe, denen sich der 67-jährige Beeler annimmt. In «Arme Seelen» besucht er in der ländlichen Innerschweiz Menschen, die von Mythen, Totengeistern und Freveltaten längst Verstorbener berichten. In «Weisse Arche» beschäftigt er sich mit dem Sterben und in «Hexenkinder», seinem letzten Film, arbeitet er die Geschichten von «zwangsversorgten Heimkindern» auf.

«Der Mann auf dem Kirchturm» ist ein sehr persönlicher Film, der zugleich gesellschaftlich relevant ist, weil er auf ein aktuelles Problem aufmerksam macht. Denn auch heute noch bleibt Suizidalität oft unbemerkt – gerade bei älteren Männern, die sich nicht in der Lage sehen, ihre Gefühle zu teilen oder über ihre Nöte zu sprechen. 

Beeler geht dabei behutsam vor, er klagt nicht an, er fragt nach und hört zu, seinen Verwandten, Zeitzeuginnen und Dorfbewohnern. Den Rest erzählen Erinnerungen, Bilder, Töne und Leerstellen. 

Ob er eine Antwort darauf gefunden hat, wieso sein Idol sich das Leben nahm? Er habe nur Vermutungen, sagt Beeler nach der Pressvorführung seines Films. «Aber ich verstehe nun auch meine eigene Geschichte etwas besser.» 

«Der Mann auf dem Kirchturm» von Edwin Beeler kommt am 15. Januar 2026 in die Deutschschweizer Kinos. Dauer: 80 Minuten. Erzähler: Hanspeter Müller-Drossaart. 

Sie haben Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe:
Die Dargebotene Hand, Telefon 143
Pro Juventute, Telefon 147 (für Kinder und Jugendliche)

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