Evangelische Bischöfe fordern am Reformationstag Toleranz ein

Am 31. Oktober gedenken die evangelischen Christen Deutschlands der Reformation. Dieses Jahr waren die Feiern geprägt durch Aufrufe, entschieden gegen Rassismus und Antisemitismus einzustehen.


Bei den Feiern am diesjährigen Reformationstag haben evangelische Geistliche zu mehr Toleranz aufgefordert. In einem Gottesdienst in der Schlosskirche in Wittenberg wandte sich die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, am Donnerstag gegen Ausgrenzung. Gegenwärtig zögen Spuren von Menschenverachtung und hasserfüllter Wut durch sämtliche Teile Europas und der ganzen Welt. Kurschus forderte, den Mund aufzumachen, «wo die Würde und die Freiheit anderer in den Dreck gezogen werden».

Der Bischof der hannoverschen Landeskirche, Ralf Meister, sagte: «Wir leben in Zeiten, in denen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass wieder laut werden.» Und der Berliner Bischof Markus Dröge schlug angesichts von völkischem Gedankengut und Übergriffen auf Juden vor, «den Reformationstag als einen Tag interreligiöser Verständigung insgesamt zu begehen».

Auch der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung nahm das Thema auf: Der jüdische und christliche Glaube an Gott führe zur Zuwendung zu Anderen, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion, sagte er laut vorab veröffentlichtem Predigtmanuskript in Wiesbaden. «Wer sich von Gottes Wahrheit und seiner Liebe leiten lässt, kann nicht anders, als Hassreden zu widersprechen», so Jung.

In der Schweiz kein Feiertag

Der Reformationstag erinnert an die Veröffentlichung der 95 Thesen gegen Missstände in der mittelalterlichen Kirche durch Martin Luther (1483-1546) am 31. Oktober 1517. Luther soll die Thesen der Überlieferung zufolge an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben.

Der Tag gilt in den evangelisch geprägten Teilen Deutschlands als gesetzlicher Feiertag, so vor allem im Norden und Osten des Landes. In der Schweiz wird dagegen am ersten Sonntag im November mit dem Reformationssonntag den Geschehnissen von vor 500 Jahren gedacht.

In Wittenberg gibt es am Reformationstag traditionell ein Fest mit Gottesdiensten, Konzerten und einem Marktspektakel. Nach Angaben der Stadt kamen in diesem Jahr rund 30’000 Besucher.

Debatte um die «Judensau»

Die andere grosse Kirche Wittenbergs, die Stadtkirche, steht derzeit selbst im Fokus einer Debatte um Antisemitismus. Seit langem tobt ein Streit um die Frage, ob das umstrittene Relief «Judensau» von ihrer Fassade entfernt werden soll.

Die Vize-EKD-Ratsvorsitzende Kurschus plädierte für die Entfernung. «Ich finde, dass Antisemitismus in unserer Gesellschaft nichts verloren hat», sagte sie im «Mittagsmagazin» des ZDF am Rande des Gottesdienstes in Wittenberg. Alles, was Antisemitismus befördern könnte, «sollten wir tatsächlich aus der Öffentlichkeit verbannen», fügte sie hinzu. (epd/vbu)