«Europa muss seine Grenzen öffnen, selbst wenn Millionen kommen»

Der reformierte Pfarrer Marcel Cavallo betreut als Seelsorger Flüchtlinge im Zentrum Juch in Zürich. Die Währung seiner Arbeit: Vertrauen. Und dieses kann er nur gewinnen, wenn er im Asylverfahren ein Aussenstehender bleibt. Was die Flüchtlingstragödien betrifft, sieht er Europa in der Pflicht.

Seelsorger Cavallo lobt die Schweizer Migrationspolitik: «Im Vergleich mit Ländern wie Italien, England oder Griechenland sind wir sehr vorbildlich.» (Bild: reformiert.ch/christian-aeberhard.ch)

Herr Cavallo, wann kommt ein Flüchtling im Asylaufnahmeverfahren im Zentrum Juch mit Ihnen als Seelsorger in Kontakt?
Ich habe das Ziel, innerhalb der ersten drei Tage mit ihm ins Gespräch zu kommen. Allerdings findet meine Arbeit in einem klar geregelten Verfahren satt, das jeder Asylsuchende durchläuft.

 

Können Sie dieses kurz schildern?
In einem der Empfangszentren an der Schweizer Grenze stellt der Flüchtling ein Gesuch um Asyl und wird innerhalb von 24 Stunden an ein Verfahrenszentrum zugewiesen. Dort angekommen, wird die Person über ihre Rechte informiert. Am dritten Tag folgt dann das Interview mit Fragen zur Gesundheit, dabei wird ihnen auch ein Informationsfilm zu HIV gezeigt. Spätestens in dieser Phase ergibt sich für mich oder meinen katholischen Kollegen die Möglichkeit, dass wir uns vorstellen.

 

Wie stellen Sie sich vor?
Als reformierter Pfarrer, also als Christ. Ich weise aber sehr klar darauf hin, dass ich für alle zuständig bin, egal welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören. Und ganz wichtig: Ich sage auch, dass ich dem Seelsorgegeheimnis unterstellt bin. Was sie mir erzählen, bleibt bei mir.

 

Warum ist das so wichtig?
Die Flüchtlinge wissen dadurch, dass ich zwar ein offizieller Vertreter der Kirche bin und somit auch Teil von diesem System, das sie gerade durchlaufen. Sie wissen aber auch, dass sie sich bei mir nicht immer überlegen müssen, was und wie sie etwas sagen. Erst so wird es möglich, dass sie wirklich darüber sprechen können, was sie belastet.

 

In welcher Verfassung sind die Menschen, die Sie im Zentrum antreffen?
Zuerst einmal sind sie müde, tiefmüde. Alle haben eine körperlich anstrengende Flucht hinter sich, die teilweise mehrere Monate gedauert hat. Viele sind traumatisiert und haben das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Bei fast allen ist auch eine tiefe Verunsicherung zu spüren, was nun genau mit ihnen geschehen wird. Da ist immer die Angst, dass sie etwas sagen, das im Asylverfahren zu ihrem Nachteil ausgelegt werden kann.

 

«Was die Religion betrifft, erlebe ich die Flüchtlinge sehr pragmatisch.»

 

Sie sind Vertreter des Christentums. Erfahren Sie von Flüchtlingen anderer Religionen Ablehnung?
Diese Frage wird mir oft gestellt. Meine Antwort mag Journalisten vielleicht enttäuschen, aber ich erlebte bisher nie eine Ablehnung meiner Person gegenüber, nur weil ich Christ bin. Offen gesagt spielt es gar keine Rolle, was ich bin. Hauptsache, da ist eine Person, die sie ernst nimmt, ihnen zuhört und auch mal zuversichtliche oder tröstende Worte spricht.

 

Irgendwie ist es kaum vorstellbar, dass in solch einem Zentrum der interreligiöse Frieden gleich von Beginn vorherrscht.
Ich sage nur, dass es uns Seelsorgern gegenüber keine Vorbehalte gibt. Was die Religion betrifft, erlebe ich die Flüchtlinge sehr pragmatisch: In dem Moment, wo beispielsweise praktizierende Muslime wissen, dass es ein Gebetsraum hat und sich darin der Koran und ein Gebetsteppich befinden, ist das Thema Religion für sie bereits geregelt und in Ordnung.

 

Wie würden Sie Ihre Aufgabe als Seelsorger im Zentrum konkret umschreiben?
Für die meisten Flüchtlinge bin ich eine Art Coach und Begleiter. Und für jene, die es wünschen, bin ich gerne auch ein Vertreter des Christentums.

 

Wie äussert sich das?
Ich betreute beispielsweise eine Familie mit vier Kindern, die am Ende einen negativen Entscheid erhielten. Sie mussten also die Schweiz verlassen. Daraufhin planten sie, illegal nach Frankreich weiterzureisen. Sie fragten mich an, mit ihnen zu beten.

 

Also eine Art Reisesegen. Erteilten Sie ihn?
Natürlich. Wer bin ich denn, wenn ich über eine illegale Weiterreise in ein anderes Land richten würde? An diesem Beispiel sehen sie sehr gut, was meine Aufgabe in solch einem Zentrum ist: Ich bin mit meiner Arbeit dort, wo wir als Kirche sein müssen, nämlich bei den Menschen und ihren oftmals sehr schwierigen Situationen.

 

«Krieg und Hunger sind Grössen, denen man mit repressiven Massnahmen nicht begegnen kann.»

 

Das Flüchtlingsproblem gleicht der Quadratur eines Kreises. Ist es überhaupt lösbar?
Ja, indem wir gewisse Dinge anders denken. Ich finde, wir sollten akzeptieren, dass die Grenzen nach Europa immer durchlässig sein werden, solange die Menschen aus lebensbedrohlichen Gründen fliehen. Europa muss seine Grenzen öffnen und die Flüchtlinge aufnehmen, selbst wenn das in den Millionenbereich geht. Wer glaubt, mit noch mehr Kontrolle und Abschreckung die Lage in den Griff zu bekommen, der soll wissen: Die Flüchtlinge kommen. Krieg und Hunger sind Grössen, denen man mit repressiven Massnahmen nicht begegnen kann.

 

Tatsache ist aber auch: Wir werden nicht alle Flüchtlinge aufnehmen können.
Darum sollten wir die Flüchtlinge in Europa so ausbilden, dass sie später mit Fertigkeiten im Gepäck Teil einer neuen Zivilgesellschaft in ihrer Heimat werden können. Nehmen wir ein Beispiel aus meiner Arbeit: Eine Familie aus Syrien, der Vater Ingenieur, die Mutter Lehrerin, zwei Kinder, alle sprechen sehr gut Englisch. Sie sind vorläufig aufgenommen und leben in der Zwischenzeit in einer eigenen Wohnung. Alle lernen nun Deutsch und der Vater strebt eine Weiterbildung an der ETH an. Das wäre eine Familie, welche Syrien zum Aufbau einer Nachkriegsgesellschaft benötigt.

 

Aber es ist doch unrealistisch, dass diese Familie in einigen Jahren wieder zurück nach Syrien will.
Doch, will sie. Aber der Vater hat mir gesagt, dass sie sicherlich zehn Jahre warten müssen, um wieder zurückzukehren. Die Generation, welche sie vertrieben hat, dürfe nicht mehr an der Macht sein. So geht es vielen. Und ich kenne keinen, der ohne Not einfach eines Tages den Entschluss fasste, seine Heimat und Familie zu verlassen. Es setzt sich kein Mensch freiwillig in ein Boot mit dem hohen Risiko, das Ziel nicht lebend zu erreichen.

 

Vor drei Wochen kam es zu einem Appell von reformierten Pfarrpersonen. Darin wurde gefordert, dass die Schweiz verfolgten Christen in Syrien eine prioritäre Stellung im Asylverfahren verschaffen soll. Was halten Sie davon?
Ich finde es legitim, dass Pfarrpersonen sich für die unhaltbaren Zustände der Christen engagieren. Mühe hätte ich aber, wenn sich in der Migrationspolitik durchsetzen würde, dass religiöse Minderheiten bevorzugt behandelt werden. Ein Staat wie die Schweiz oder auch die EU darf nicht einen Unterschied machen aufgrund der Religionszugehörigkeiten. Das garantieren auch die Verfassungen.

 

«Christen werden vertrieben, Jesiden versklavt.»

 

Wie schätzen Sie denn die Bedrohungslage der Christen in diesen Ländern ein?
Christen sind sicherlich bedroht in diesen Ländern, Jesiden aber wohl noch mehr – für IS-Anhänger sind sie Gläubige vom Satan. So berichteten mir Jesiden, dass sie in einem leerstehenden Hochhaus ohne fliessend Wasser und Strom mitten in der Wüste monatelang ausharren mussten, um nicht von der IS entdeckt und hingerichtet zu werden. Oder anders ausgedrückt: Christen werden vertrieben, Jesiden versklavt. Sie sehen an diesem Beispiel, wie schwierig und falsch es wäre, das Elend in eine Reihenfolge zu bringen. Es ist einfach überall – und als reformierter Seelsorger bin ich für alle Menschen im Asylzentrum da, unabhängig ob Christ, Jeside oder Moslem.

 

Engagieren sich eigentlich in der gegenwärtigen Situation die Reformierten ausreichend?
Es wird viel getan, auch wenn nicht alles in die Öffentlichkeit gelangt. So bietet die Kirchgemeinde Altstetten Ausflüge für Mütter mit ihren Kindern in der Stadt an. Ein anderes Beispiel sind die Freiwilligen der Citykirche Offener St. Jakob: Diese organisieren Mittagstische oder unterrichten Flüchtlinge in Deutsch. Auch laufen Kampagnen diverser Landeskirchen, die Menschen zur Aufnahme von Flüchtlingen bei sich zuhause motivieren möchten. Aber klar, man könnte immer noch mehr tun. Insgesamt leisten wir aber sehr gute Arbeit, gerade auch die Schweiz als Land.

 

Wie meinen Sie das?
Ich bin in Italien im engen Kontakt mit Personen, die sehr nahe am Elend der Flüchtlinge sind. Weiter erfahre ich während meiner Arbeit im Asylzentrum von Zuständen in Spanien, Griechenland, England oder Italien. Aus all diesen Schilderungen kann ich folgern, dass die Schweizer Migrationspolitik sehr vorbildlich ist. Sie nimmt auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Asylsuchenden und der Bevölkerung intelligent Rücksicht – was letztlich auch wieder den meist traumatisierten Flüchtlingen zugute kommt. Das sage ich als Seelsorger und Bürger der Schweiz.

 


Das Zentrum Juch in Zürich Altstetten

Seit Januar 2014 sind im Zentrum Juch Flüchtlinge untergebracht, die sich im Testbetrieb für beschleunigte Asylverfahren des Staatssekretariats für Migration (SEM) befinden. Das Zentrum befindet sich noch immer in einer Testphase und bietet Platz für rund 300 Personen. Die reformierten Landeskirchen sind mit einem Seelsorger vor Ort.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch». Oliver Demont/ref.ch