«Es gibt eine riesige Welle an Hilfsbereitschaft»

Rund zwei Wochen nach der verheerenden Detonation im Hafen von Beirut läuft die internationale Hilfe auf Hochtouren. Auch die kirchlichen Hilfswerke Heks und Caritas sind vor Ort. Momentan gehe es vor allem darum, den Menschen das Überleben zu sichern.

Menschen bei Aufräumarbeiten in den Strassen von Beirut, wenige Tage nach der Explosion vom 4. August. (Bild: Keystone/Newscom/Mustafa Jamaleddine)

Die Bilder der Explosion im Hafen von Beirut erreichten Tabea Stalder unmittelbar nach der Katastrophe per Whatsapp. Die reformierte Pfarrerin ist beim Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) für die kirchliche Zusammenarbeit verantwortlich und steht in engem Kontakt mit den Partnerorganisationen im Libanon. «Als erstes haben wir uns natürlich versichert, dass alle deren Mitarbeitenden wohlauf sind», sagt sie.

Zwei Wochen später tauscht sich Stalder immer noch täglich mit den Partnerwerken in Beirut aus und hilft bei der Koordination der Heks-Hilfeleistungen. In der Stadt herrsche nach wie vor das Chaos. Zwar seien zahlreiche internationale und nationale Helfer vor Ort, aber vieles laufe unkoordiniert ab. «Im Hafenquartier gibt es zum Beispiel beinahe schon ein Überangebot an Essen», sagt Stalder.

Hilfswerke setzen auf Geldzahlungen

Gemeinsam mit einem kirchlichen Partner beteiligt sich das Heks unter anderem an der Instandsetzung von schwer beschädigten Gebäuden. Zudem leistet es direkte Geldzahlungen an bedürftige Familien. Der Vorteil dieser Hilfeleistung sei, dass sie genau auf die dringendsten Bedürfnisse abgestimmt werden könne, so Stalder. Rund 1750 Haushalte sollen davon profitieren; sie erhalten vom Hilfswerk jeweils 200 US-Dollar. «Mit dem Geld können sich die Familien mit lebensnotwendigen Gütern versorgen oder kleinere Reparaturen an ihren Häusern vornehmen.»

Durch die Detonation sind rund 300’000 Menschen in Beirut auf einen Schlag obdachlos geworden. Viele haben Unterschlupf bei Verwandten auf dem Land gefunden, andere sind in ihre zerstörten Häuser zurückgekehrt – auch aus Angst vor Plünderungen.

Beschädigungen an der Unterkunft seien das Hauptkriterium bei der Verteilung der Heks-Gelder, sagt Stalder. Zudem müsse eine Familie besonders vulnerabel sein. «Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sie nur über ein geringes Einkommen verfügt oder pflegebedürftige Personen im Haushalt sind.» Nationalität oder Religionszugehörigkeit spielten bei der Verteilung der Gelder hingegen keine Rolle.

Eine ähnliche Strategie bei der Soforthilfe verfolgt das katholische Hilfswerk Caritas. Auch hier setzt man unter anderem auf Bargeldhilfe. «Mit Geldleistungen können wir den Menschen am effizientesten helfen», sagt Richard Asbeck, Programmverantwortlicher bei der Caritas Schweiz. Eine Schwierigkeit sei allerdings, das Ausmass des Bedarfs zu erfassen. «Unsere Mitarbeitenden sind derzeit dabei, die betroffenen Menschen und die Schäden zu registrieren. Danach können wir die zu verteilenden Geldbeträge festlegen», so Asbeck.

Mitten in der Wirtschaftskrise

Die Caritas verfügt vor Ort über ein ausgedehntes Partner-Netzwerk sowie über ein Regionalbüro in Beirut. «Deshalb konnten wir die bedürftige Bevölkerung relativ schnell mit Lebensmitteln, psychosozialer Beratung und Unterkünften versorgen», sagt Asbeck. Bis Ende August will das Hilfswerk laut einer Mitteilung rund 50’000 Menschen mit seiner Nothilfe erreichen.

Die Katastrophe hat den Libanon inmitten einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise getroffen. So hat das libanesische Pfund in den letzten Monaten rasant an Wert verloren. Hinzu kommt eine hohe Arbeitslosigkeit. «Eigentlich wäre die Versorgung im Land gewährleistet», sagt Asbeck, «aber immer weniger Leute können sich die notwendigen Alltagsgüter leisten.»

Dies bestätigt auch Randa Aouad, Mitglied im Lebanese Christian House, in dem sich christliche Libanesinnen und Libanesen in der Schweiz zusammengeschlossen haben. Während der Explosion war Aouad zu Besuch bei ihrer Familie im Libanon. Die Situation sei schon länger schwierig gewesen. «Selbst wer jetzt noch Geld hat, kann es nicht von der Bank abheben, weil die Bezüge begrenzt sind», sagt sie. Aufgrund der politischen Proteste und des Corona-Lockdowns seien für viele Selbständige zudem die Aufträge weggebrochen. «Mein Bruder hat in seiner Produktionsfirma für Werbung seit Monaten keine Arbeit mehr.»

Solidarität wichtiger als Religionszugehörigkeit

Wie verheerend die Schäden in Beirut sind, hat Aouad selbst erlebt. «Ich war am Tag nach der Explosion in der Stadt. Der Anblick war schrecklich, überall waren Türen und Fenster kaputt, auf den Strassen lagen Trümmer und Scherben.» Aouad beschreibt aber auch, wie die Strassen innert Tagen geräumt wurden. Eine riesige Welle von Hilfsbereitschaft sei durchs Land gegangen, und von überallher seien Freiwillige gekommen. «Muslime, Drusen, Christen, alle halfen einander. Das gab den Menschen Hoffnung. Die Libanesen wollen leben, nicht sterben», sagt sie.

Auch die internationale Hilfe läuft inzwischen auf Hochtouren. Momentan gehe es vor allem darum, dass die Menschen die nächste Zeit überleben könnten, sagt Tabea Stalder vom Heks. Das Hilfswerk hat seine Hilfe gerade auf 600’000 Franken aufgestockt. Viel mehr als notdürftige Reparaturen könne damit allerdings nicht gemacht werden, sagt Stalder. «Der eigentliche Wiederaufbau Beiruts wird noch viele Monate dauern.»