Armut im Libanon

Am Dienstagabend erschütterte eine heftige Explosion Beirut, die Hauptstadt des Libanons. Doch schon viel länger ist das Land in einer grossen Krise.


Mehr als hundert Menschen sind der gewaltigen Explosion, die sich am Dienstagabend in Beirut ereignet hat, zum Opfer gefallen. Mehrere Tausend wurden zum Teil schwer verletzt. Es ist ein weiterer trauriger Höhepunkt, den der schon jetzt von Armut gebeutelte Libanon erleben muss.

Der Libanon wurde früher gern als die «Schweiz des Nahen Ostens» bezeichnet – wegen der einst mächtigen Banken, der Luxus-Shoppingmeilen, der edlen Clubs in Beirut sowie der hohen Berge. Heute überwiegt das Elend: Bittere Armut eines grossen Teils der Bevölkerung, die derzeit noch dramatisch zunimmt.

Unregelmässiger Strom

Wer das Zentrum von Beirut verlässt, sieht schnell die dicht bebauten Armutsviertel, in denen Bewohner nur unregelmässig Strom haben und wo salziges Meerwasser aus den Leitungen kommt. Nach Angaben der Weltbank lebte schon 2018 etwa ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Wirtschaftskrise und Corona-Pandemie haben die Lage dramatisch verschärft. Nach UN-Schätzungen dürften inzwischen mehr als 55 Prozent der etwa fünf Millionen Libanesen im Land von Armut
betroffen sein. Selbst Familien mit bisher mittlerem Einkommen rutschen in die Armut ab: Gehörten im vergangenen Jahr noch 57 Prozent der Bevölkerung der Mittelklasse an, sind es in diesem Jahr weniger als 40 Prozent.

Ungerechte Verteilung

Das Land gehört zu den Staaten weltweit, in denen Vermögen am ungerechtesten verteilt sind. So besitzen die sieben libanesischen Milliardäre zusammen umgerechnet mehr als elf Milliarden Euro (Stand: 2019). Die reichsten zehn Prozent aller erwachsenen Libanesen verfügen über mehr als 70 Prozent des gesamten Privatvermögens. Korruption – auch von Regierungsmitgliedern – ist ein seit Jahrzehnten bekanntes Problem.

Syrische Kinder müssen betteln

Der Libanon hat bis zu 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, von denen viele unter dramatischen Umständen leben. Auf den Strassen von Beirut sind syrische Kinder zu sehen, die betteln oder beispielsweise Taschentücher an Autofahrer verkaufen. Es gibt keine offiziellen Flüchtlingslager, weil der libanesische Staat argumentiert, dass aus den einstigen palästinensischen Flüchtlingscamps nach Jahrzehnten Stadtteile geworden sind, in denen die Menschen bis heute leben. Syrische Flüchtlinge wohnen in Städten, Dörfern oder in Zeltsiedlungen, die nicht offiziell als Flüchtlingscamp deklariert sind. Sie leben in überfüllten Wohnungen, Garagen, auf Baustellen, ohne Küche und Toilette, ohne Strom und fliessend Wasser.

Seit dem arabisch-israelischen Krieg 1948 leben im Libanon palästinensische Flüchtlinge. Ihre Zahl beträgt etwa 450’000, von denen fast die Hälfte noch in zwölf Flüchtlingslagern wohnen. Etwa 65 Prozent der Palästinenser leben nach wie vor in Armut. Für Palästinenser gelten im Libanon Einschränkungen: Sie dürfen nicht in allen Berufen arbeiten und kein Eigentum besitzen. (Mey Dudin (epd)/bat)