Nachgefragt

«Eine kleiner werdende Kirche darf nicht unpolitisch werden»

Nach der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative berichten die Landeskirchen von zahlreichen Austritten. Doch wenn es um das Engagement gehe, dürfe der Bestandeserhalt für die Kirchen nicht der entscheidende Punkt sein, sagt der Praktische Theologe David Plüss.

Zur Person

David Plüss studierte Evangelische Theologie in Basel und Berlin. Nach einem Vikariat und der Ordination wechselte er in den Bereich Lehre und Forschung. Seit 2010 ist Plüss Professor für Homiletik, Liturgik und Kirchentheorie am Institut für Praktische Theologie an der Universität Bern. Ein Forschungsschwerpunkt von ihm ist das Verhältnis von Religion und Gesellschaft. (vbu)

Die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) tangierte mit den Menschenrechten und der Bewahrung der Schöpfung zentrale christliche Anliegen. Dennoch lehnten Reformierte und Katholiken die Vorlage laut Vox-Analyse mehrheitlich ab. Wie erklären Sie sich das?
Die Ablehnung ist zumindest auf den ersten Blick verblüffend. Und sie enttäuscht all jene, die sich auf kirchlicher Seite für die Initiative engagiert haben. Andererseits ist sie Ausdruck eines Sachverhalts, der bekannt ist: Der statistische Durchschnitt der Kirchenmitglieder ist signifikant älter, konservativer und ländlicher als die Pfarrschaft, die Kirchenleitungen und die kirchlichen Mitarbeitenden. Zudem gab es prominente Stimmen aus den Kirchen und der akademischen Theologie, die sich gegen die Initiative aussprachen. Wer sich mit dem Thema befasste, konnte rasch feststellen, dass es vernünftige, moralische und theologische Argumente für beide Seiten gibt. Ein beflaggter Kirchturm ist in diesem Sinne nicht mehr als eine etwas extravagante Abstimmungsempfehlung, an die man sich aber nicht halten muss.

Das Abstimmungsverhalten steht im Widerspruch zum starken Engagement der Kirchen für die KVI. Spüren die Kirchen ihre Basis zu wenig?
Die Frage ist ja, ob das Engagement der Kirche die politische Einstellung der Mitglieder abbilden soll. Das kann es schon darum nicht, weil die Landeskirchen Institutionen sind, die eine grosse Vielfalt unterschiedlicher Frömmigkeiten und politischer Einstellungen unter ihrem Dach versammeln. Diese Vielfalt ist zudem in der reformierten Theologie durch den Grundsatz des allgemeinen Priestertums begründet, der seit dem 16. Jahrhundert durch beträchtliche Bildungsanstrengungen befördert wurde. Den Glauben lassen sich die Reformierten – und zunehmend auch die Katholikinnen – nicht vorschreiben, ebenso wenig wie die Einstellung zu gesellschaftlichen und politischen Fragen. Sie sind Gewissenssache. In diesem Sinne interpretiere ich die Eigenwilligkeit im Abstimmungsverhalten als Erfolg, mal abgesehen vom Ergebnis.

«Die Austritte sind Ausdruck davon, dass, auch wenn die Kirchen in der Gesellschaft an Bedeutung verlieren, ihre Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Fragen noch immer gehört werden.»

Die reformierten Kantonalkirchen berichten im Nachgang zur Abstimmung von zahlreichen Kirchenaustritten. Wäre es da nicht angemessen, besser auf die Basis einzugehen?
Nochmals: Der Auftrag der Kirche besteht darin, das Evangelium zu kommunizieren, von Gott und seinem Reich und nicht den Mitgliedern nach dem Mund zu reden. Die Botschaft Jesu war politisch. Eine gehaltvolle Predigt ist es noch immer, wenn auch nicht in einem tagespolitischen Sinn. In Bezug auf die Tagespolitik und Abstimmungsempfehlungen sind die Kirchen ja in aller Regel sehr zurückhaltend. Mit guten Gründen. Denn es darf nicht der Eindruck entstehen, dass, wenn ich in einer politischen Sachfrage anders denke und anders votiere, mir der rechte Glaube abgesprochen wird. Die Austritte sind Ausdruck davon, dass, auch wenn die Kirchen in der Gesellschaft an Bedeutung verlieren, ihre Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Fragen noch immer gehört werden, ihnen Gewicht zukommt. Zudem stellt sich die Frage, ob nicht auch dann Menschen ausgetreten wäre, wenn sich die Kirche im Abstimmungskampf anders verhalten hätte. Bestandeserhalt ist kein theologisch sachgemässes Argument für die Verkündigung.

Welche Schlüsse müssen die Kirchen Ihrer Meinung nach aus der Kontroverse ziehen?
Keine grundsätzlichen. Die Botschaft Jesu ist und bleibt politisch. Wenn die Kirchen die politische Ladung ihrer Botschaft, wenn sie ihr Engagement für marginalisierte, entrechtete und geflüchtete Menschen aufgibt, verrät sie ihren Auftrag, verrät sie das Evangelium. Aber die Form der Einmischung muss bedacht und immer wieder diskutiert und justiert werden. Abstimmungsempfehlungen von der Kanzel oder von Kirchtürmen sind zu Recht strittig.

Die Kirchen wurden schon früher kritisiert, wenn sie sich in die Tagespolitik eingemischt haben. Der Unterschied ist allerdings, dass sie in der heutigen, säkularen Welt eine andere Stellung haben. Was bedeutet das für das politische Engagement der Kirchen?
Historisch gesehen haben die Kirchen mit dem Armen- und Krankenwesen den modernen Sozialstaat mitgeprägt. Diakonie und Seelsorge können in diesem Sinn durchaus als politische Tätigkeiten verstanden werden, weil sie nie nur an die Mitglieder gerichtet waren, sondern immer an die gesamte Öffentlichkeit. Interessant ist, dass sowohl die distanzierten Mitglieder wie die Ausgetretenen schätzen, dass sich die Kirchen hier mit viel Herzblut, Augenmass und Flexibilität engagieren, anders und oft zielgenauer als der Staat dies tun kann. Dies zeigt etwa die vor 20 Jahren durchgeführte Ökumenische Basler Kirchenstudie. Und es gilt noch heute. Dieses Engagement wird von der Kirche erwartet. Eine kleiner werdende Kirche darf nicht unpolitisch werden, sonst verliert sie ihre raison d’être.

«Der Laizismus verbannt die Religion ins Private. Religion ist aber eine Angelegenheit, die unser Zusammenleben und also die Öffentlichkeit und die Politik betrifft.»

Den Jungfreisinnigen schwebt nach der KVI-Debatte eine komplette Trennung von Staat und Kirche vor. Was halten Sie davon?
Das Modell des Laizismus kennen wir aus Frankreich. Auch in Genf und Neuenburg sind Kirche und Staat weitgehend getrennt. Die Kirchen haben dort vereinsrechtlichen Status, sind jedoch weiterhin parochial organisiert und im öffentlichen Raum sozialdiakonisch und seelsorglich präsent. Ihre Finanzierung ist aber ausgesprochen prekär. Zu Ihrer Frage: Ich sehe den Laizismus kritisch. Er verbannt die Religion ins Private. Das ist unsachgemäss. Religion ist eine Angelegenheit, die unser Zusammenleben und also die Öffentlichkeit und die Politik betrifft. Sie ist von öffentlichem Interesse und bedarf der sachgemässen politischen Regelung und Einbindung. Die hinkende Trennung von Kirche und Staat, wie sie in der Deutschschweiz die Regel ist, scheint mir noch immer und in vielerlei Hinsicht sachgemäss.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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