«Als grosse Verliererin ginge die reformierte Kirche vom Platz»

Am Sonntag entscheiden die Reformierten der Stadt Zürich darüber, ob die städtischen Kirchgemeinden zu einer einzigen Kirchgemeinde fusionieren sollen. Roland Diethelm, Pfarrer und Mitglied des Pro-Komitees sagt im Gespräch, warum eine gesamtstädtische Kirchgemeinde entscheidend für die Zukunft ist. Bei den Gegnern ortet er Verzweiflung.

Sieht eine gesamtstädtische Kirchgemeinde in der Stadt Zürich als beste Lösung für die Zukunft: Roland Diethelm, Pfarrer und Mitglied im Unterstützungskomitee «Gemeinsam für 1 Kirchgemeinde», dem sogenannten «Modell 1». Bild: Reformierte Medien/Gion Pfander

ref.chHerr Diethelm, das von Ihnen befürwortete «Modell 1» will, dass die Kirchenpflegen vor Ort in eine zentrale Kirchenpflege zusammengeführt werden. Die Gegner befürchten, dass dadurch eine «alles dirigierende, administrative Zentrale mit einem teuren Verwaltungsgebilde» entstehen würde. Droht bei der Annahme von «Modell 1» tatsächlich ein bürokratischer, zentralistischer Moloch?

Roland Diethelm: Das «Modell 1» führt insgesamt zu deutlich weniger Bürokratie gegenüber heute mit einem Stadtverband und parallel 34 Kirchgemeindeverwaltungen. Diese 35 Verwaltungen werden durch eine ersetzt. Die Zentrale sorgt für eine gerechte und zukunftsorientierte Mittelverteilung und koordiniert die Aufgaben. Die künftigen Teilgemeinden können sich auf das konzentrieren, warum sich auch heute Menschen für die Kirche engagieren: Programm, Diakonie, Gottesdienste, Glaubenskurse, Spiritualität im Alltag, Kindern die Schätze der Bibel zu erschliessen, Zeugnis für eine humane Welt zu geben. Den Liegenschaftenpark unterhalten und die Buchhaltung machen zieht wenige an, verbraucht aber heute ungeheuer viel Zeit in den Behörden. Die Gegner von «Modell 1» arbeiten mit Klischees und Schlagworten. Mit «Modell 2» wollen sie aber selber einen stärkeren Stadtverband, sprich noch mehr Parallelstrukturen. «Modell 1» sorgt endlich wieder dafür, dass die Strukturen einfach sind und Kompetenzen und Verantwortung in der Hand einer direktdemokratisch gewählten Behörde liegen.

 

ref.ch: Sie sprechen in der Kampagne für eine gesamtstädtische Kirchgemeinde von einer Chance, die gepackt werden soll, ja gar von einer «Erneuerung der Kirche» ist die Rede. Was bedeutet das konkret?

Roland Diethelm: Heute sollte reformierte Kirche neben dem Quartierbezug auch eine gesamtstädtische Sicht und Wirkung haben. Der Zweckverband kann keine theologische Verantwortung übernehmen, er ist für Liegenschaftsunterhalt und Steuerverteilung gemacht. Eine direkt vom Volk gewählte Stadtkirchenpflege oder Stadtsynode kann diese Verantwortung übernehmen. Das ist reformierte Tradition. Ein zweites Argument kommt dazu: Wir brauchen frische Ausdrucksformen von lokalen Gemeinden. Wir brauchen mehr verschiedene Gemeinden, nicht wenige gleichere. Wenn sich in Zürich 7-12 Grossgemeinden die Mittel aneignen, wird dafür wenig Gehör bleiben. Eine gesamtstädtische Verantwortung kann hier die Balance zwischen herkömmlichen lebendigen Gemeinden und neuen besser halten. Mit «Modell 1» können wir die Ausgaben nachhaltig zugunsten des Programms verändern. Heute gehen zwei Drittel in die Aufrechterhaltung einer zu grossen Infrastruktur. Das ist nicht tragbar und muss sich ändern.

 

ref.ch: Beim «Modell 1» drohe eine Enteignung der Liegenschaften, weiter führe es zu Verlusten von Orten und Gebäuden. Was sagen Sie dazu?

Roland Diethelm: Das Gegenteil ist wahrscheinlich. Im «Modell 1» verlieren alle bisherigen einen Teil ihrer Autonomie – allerdings ist viel davon bereits heute eine Art Schein-Autonomie. Wo heute engagierte Leute lebendige Gemeinde bilden, wird auch künftig die Kirche ihren lokalen Ort haben. Neu gehören aber alle Liegenschaften der Gesamtheit der Stadtzürcher Reformierten. Diese entscheiden künftig demokratisch über die Verwendung. Einige Lokalfürsten sehen das nicht gerne und haben deshalb das «Modell 2» konstruiert. Bei diesem werden 34 Kirchgemeinden zu 7-12 fusioniert, das heisst: 22 bis 27 werden verlieren. Es müssten fast alle Gemeinden neu gegründet werden, sogar Höngg und Affoltern würden Neugründungen mit einer oder zwei Nachbargemeinden bevorstehen. Dass dies mit einem immensen Identitätsverlust einher gehen würde, ist klar.

Roland Diethelm über die Kritik der Fusionsgegner: «Da ist die Verzweiflung eines Fürstentums spürbar.»

 

ref.ch: Birgt nicht viel eher eine Einheitsgemeinde die Gefahr von Identitätsverlust bei bestehenden Kirchgemeinden?

Roland Diethelm: Der Begriff «Einheitsgemeinde» ist ein Kampf- und Schimpfwort der Gegner. Das «Modell 1» erlaubt viele verschiedene lokale Teilgemeinden mit einfacheren Strukturen. Nicht so das «Modell 2». Paradoxerweise brächte genau dieses sogenannte «Einheitsgemeinden» hervor: alles Imitate der Kirchgemeinden Höngg oder Affoltern, mit beispielsweise einer Grenze vom Escher-Wyss-Platz bis zum Bellevue, inklusive sechs Kirchen. Denn nur durch solche «Einheitsgemeinden» würden überhaupt 5000 bis 8000 Reformierte zusammenkommen, welche eine neue «ideale» Grossgemeinde benötigt.

 

ref.ch: Im ref.ch-Gespräch meinte der Höngger Kirchenpflegepräsident Jean E. Bollier, dass bei einer Annahme von «Modell 1» als letzte Option auch ein Austritt von einzelnen Kirchgemeinden eine Option sei.

Roland Diethelm: Da ist die Verzweiflung eines Fürstentums spürbar. Ich erwarte eine gesamtstädtische Solidarität aller. Die Stadt Zürich würde im übrigen eine Steuerausscheidung für einzelne Kirchgemeinden gar nicht mitmachen.

 

ref.chWas, wenn Sie am Sonntag als Verlierer vom Platz gehen? Was dann?

Roland Diethelm: Es ginge als grosse Verliererin die gesamte reformierte Kirche in der Stadt Zürich vom Platz. Die meisten Menschen würden nicht verstehen, warum sie der Kirche jährlich 60 bis 70 Millionen Franken für Partikularinteressen zur Verfügung stellen sollen.

 

ref.ch: Warum ist die Abstimmung am Sonntag so wichtig für die Reformierten in der Stadt Zürich?

Roland Diethelm: Seit rund 20 Jahren macht man an Reformen herum, aber kommt nicht weiter. Es gab in der Vergangenheit mindestens vier lokale Fusionprojekte, allesamt sind aber gescheitert. Ein Ja zu «Modell 1», also einer gesamtstädtischen Kirchgemeinde, überwindet diese Blockade.

 

ref.ch berichtet am Sonntagnachmittag, 28. September über den Ausgang der Abstimmung.

 


Roland Diethelm ist Pfarrer und Beauftragter für Verkündigung und Gottesdienst und leitet die Fachstelle Gottesdienst und Musik bei der Reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Als Leiter der Reformprozess-Teilkommission 5 und Mitglied im Unterstützungskomitee «Gemeinsam für 1 Kirchgemeinde», dem sogenannten «Modell 1», das am nächsten Sonntag zur Abstimmung gelangt. Dieses sieht vor, dass die 33 Stadtzürcher Kirchgemeinden und eventuell die Kirchgemeinde Oberengstringen zu einer einzigen gesamtstädtischen Zürcher Kirchgemeinde fusionieren. Anders das «Modell 2»: Dieses will grössere Kirchgemeinden auf freiwilliger Basis, nicht aber die Kirchenpflegen vor Ort antasten.


 

Zum ref.ch-Gespräch mit dem Höngger Kirchenpflegepräsidenten und Fusionsgegner Jean E. Bollier

 


 

 

Offizielle Seite vom reformierten Stadtverband zur Urnenabstimmung am 28. September

www.kirchenreform-zh.ch

 

Die Befürworter einer Fusion

www.kg-zuerich-ja.ch

 

Die Gegner einer Fusion – und Befürworter des 2. Modells

www.kirchgemeindereform.ch