Reformierte Zürich-Höngg: Stadtverband-Austritt «möglich»

Am Sonntag entscheiden die Reformierten der Stadt Zürich darüber, ob die städtischen Kirchgemeinden zu einer einzigen Kirchgemeinde fusionieren sollen. Der Höngger Kirchenpflegepräsident Jean E. Bollier erläutert im Gespräch, weshalb er gegen eine Fusion ist - und bringt als letzten Ausweg auch den Austritt aus dem reformierten Stadtverband ins Spiel.

Will, dass am Abstimmungssonntag keinesfalls die Einheitsgemeinde angenommen wird: Jean E. Bollier, Kirchenpflegepräsident der reformierten Kirche Höngg. Bild: Reformierte Medien/Gion Pfander

ref.ch: Herr Bollier, die Stadtzürcher Kirchgemeinden sollen zu einer einzigen Kirchgemeinde fusionieren. Sie halten nichts von dieser Idee, die auch «Modell 1» genannt wird. Dafür befürworten Sie das «Modell 2», welches grössere Kirchgemeinden vorsieht und die heutigen Strukturen nicht antastet. Warum?

Jean E. Bollier: Weil wir uns sicher sind, dass auch weiterhin die Behörden und Kirchenpflegen vor Ort die Kompetenzen beibehalten sollten – und dies nicht wie beim «Modell 1» in einer weit entfernten, zentralen Kirchenpflege geschehen soll.

 

ref.ch: An einer Podiumsveranstaltung antworteten Sie auf die Frage, ob Sie als Kirchenpflegepräsident bei der Annahme des «Modell 1» einen Machtverlust fürchten, mit einem ehrlichen «Ja». Müssten Sie die Interessen aller reformierten Kirchen in der Stadt Zürich nicht höher gewichten als diejenigen einzelner Kirchenpflegen?

Jean E. Bollier: Damit es klar ist: Es geht mir nicht um meine persönliche Macht. Sehr wohl aber darum, dass Kirchenpflegen als leitende Behörde auch weiterhin Führungsverantwortung vor Ort wahrnehmen – und ja, diese Aufgabe ist auch mit Macht der Kirchenpflege verbunden. Aber warum wird die Macht einer Behörde auch immer gleich so negativ gewertet? Verantwortungsvolle und mit Kompetenzen ausgestattete Behörden sind von uns gewollt. Diese stehen auch in der Tradition einer demokratischen Kirche und sind somit zutiefst reformiert. Ich bin mir sicher: Ohne Kompetenzen wird niemand mehr in kirchlichen Gremien mitarbeiten wollen. Warum auch? Das wäre fatal für die Kirche.

 

Jean E. Bollier: «Viele kirchliche Mitarbeitende verklären das Modell der Einheitsgemeinde.»

 

ref.chDer reformierte Stadtverband fuhr im vergangenen Jahr 12 Millionen Franken Defizit ein, und auch für die kommenden Jahren sind Minusbeträge in Millionenhöhe budgetiert. Es besteht also auch ein gewisser Zwang zur Reform. Glauben Sie tatsächlich, dass Kirchgemeinden sich freiwillig mit anderen Kirchgemeinden zusammenschliessen werden, so wie es das «Modell 2» vorsieht?

Jean E. Bollier: Ja, das glaube ich. Und zwar nicht nur, weil die Leute motiviert sind dafür, sondern vielmehr, weil der finanzielle Druck gegeben ist. Kleine Gemeinden mit teuren Leitungsgremien – jede Kirchenpflege kostet mindestens 60 000 Franken! – und mit vielen Liegenschaften sind gezwungen, mit anderen Gemeinden zu fusionieren. Aber diese Fusionen sollen, ganz in reformierter Tradition, die Verantwortlichen vor Ort freiwillig vollziehen.

 

ref.ch: Die Hälfte aller Kirchenpflegen unterstützt das «Modell 2», nicht aber Organe wie die Bezirkskirchenpflege und der Kirchenrat. Und auch die kirchlichen Mitarbeitenden befürworten grossmehrheitlich eine gesamtstädtische Kirchgemeinde. Warum?

Jean E. Bollier: Das stimmt, der Pfarrkonvent und der sozialdiakonische Konvent haben sich mehrheitlich für das «Modell 1» ausgesprochen. Ich glaube, viele kirchliche Mitarbeitende verklären dieses Modell. Sie glauben, dass nur so, also ohne mit der in ihren Augen «lästige Administration», eine neue Kirche gebaut werden kann.

 

ref.ch: Inwiefern?

Jean E. Bollier: Es sind eben nicht wenige, die glauben, dass man sich dann nur noch um inhaltliche Fragen kümmern muss und die Behörde, welche sie beaufsichtigt, weit weg ist. Und das stimmt sogar: Die zentrale Kirchenpflege wäre tatsächlich weit weg. Das erachten wir als Fehler und hätte auch einen Führungsmangel in den einzelnen Kirchgemeinden zur Folge.

 

ref.ch: Was, wenn Sie am Sonntag als Verlierer vom Platz gehen?

Jean E. Bollier: Dann respektieren wir diesen Entscheid, werden aber unseren Widerstand gegen eine gesamtstädtische Kirchgemeinde im Folgeprozess weiterführen. Auch müssten wir uns dann ein paar andere Fragen stellen.

 

ref.ch: Welche?

Jean E. Bollier: Ich sage es ganz offen: Die Möglichkeit, als Kirchgemeinde Höngg aus dem Stadtverband auszutreten und sich als selbstständig zu erklären, bleibt bestehen. Aber soweit sind wir nicht.

 

ref.ch berichtet am Sonntagnachmittag, 28. September über den Ausgang der Abstimmung.

 


Jean E. Bollier ist Kirchenpflegepräsident der reformierten Kirchgemeinde Höngg und präsidiert das Abstimmungskomitee für grössere und  selbstständige Kirchgemeinden anstelle einer gesamtstädtischen Einheitsgemeinde. Die Kirchgemeinde Höngg ist mit 6537 Reformierten die grösste aller Kirchgemeinden des reformierten Stadtverbandes Zürich.


 

Zum ref.ch-Gespräch mit dem Fusions-Befürworter, Pfarrer und Reformkommissionsmitglied Roland Diethelm.

 


 

Offizielle Seite vom reformierten Stadtverband zur Urnenabstimmung am 28. September

www.kirchenreform-zh.ch

 

Die Befürworter einer Fusion

www.kg-zuerich-ja.ch

 

Die Gegner einer Fusion – und Befürworter des 2. Modells

www.kirchgemeindereform.ch