Fernsehabend zur Sterbehilfe

«Wir flüchten uns in eine Hypermoral»

Auf Basis eines fiktionalen Falls liess das Schweizer Radio und Fernsehen sein Publikum darüber abstimmen, ob ein kerngesunder Mann Sterbehilfe erhalten soll. Der Theologe und Ethiker Frank Mathwig beantwortete die Frage mit Nein. Er findet: Für solche Entscheidungen fehlen uns die moralischen Grundlagen.

Erläutert seinen Fall vor dem Ethikrat: Richard Gärtner (Matthias Habich) zusammen mit seinem Anwalt (Lars Eidinger) im Film «Gott». (Bild: SRF / ARD / Degeto / MOOVIE / Julia Terjung)

Richard Gärtner, ein pensionierter Architekt, kerngesund, aber nach dem Verlust seiner Frau lebensmüde geworden, tritt vor den Ethikrat und legt dar, warum er sterben möchte: «Ich will nicht mehr», beginnt er schlicht, und auf die Frage, was sich mit dem Tod seiner Frau für ihn verändert habe: «Alles.» Sie fehle ihm, jeden Tag und bei allem, was er tue. «Sie ist weg, und ich bin noch da. Das ist falsch.»

So beginnt der Film «Gott», der auf dem gleichnamigen Stück des deutschen Autors und Strafverteidigers Ferdinand von Schirach beruht. Das Schweizer Radio und Fernsehen SRF machte daraus am Montag ein abendfüllendes Programm: Am Ende des Films konnten die Zuschauerinnen abstimmen, ob Gärtner das todbringende Medikament bekommen soll oder nicht. Eine Expertenrunde debattierte anschliessend darüber in einer «Club»-Spezialsendung. Die ARD konzipierte für das deutsche Publikum die gleiche Versuchsanlage – mit dem fast gleichen Resultat: 68 Prozent der Schweizer und 70 Prozent der deutschen Zuschauer sprachen sich dafür aus, dass Richard Gärtner sterben darf.

Das Argument des Leidens

Eine andere Entscheidung hätte Frank Mathwig getroffen. Der Beauftragte für Theologie und Ethik bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) machte im «Club» darauf aufmerksam, wie schwierig die Diskussion auf einmal wird, wenn ein Mensch – wie im Fall von Richard Gärtner – nicht krank ist und keine Schmerzen hat. «Uns kommt ein Argument abhanden, das wir bisher beim Thema Suizidhilfe immer stark betont haben: Das Leiden der Person.»

Warum er für eine Erweiterung des Leidens-Begriffs plädiert, die Abstimmungsfrage kritisch sieht und er dennoch Positives aus dem Themenabend mitnimmt, erklärt Mathwig im Interview.

Herr Mathwig, Sie sagten am Montagabend im «Club», dass Herr Gärtner aus Ihrer Sicht das todbringende Medikament nicht erhalten solle. Warum nicht?
Weil ich mir ehrlich gesagt unsicher bin. Ich tendiere zu einem Nein, weil die Debatten über Sterbehilfe immer einige eklatante Verkürzungen und Verzerrungen aufweisen: Im Zentrum steht die Frage, wem unser Leben und unser Sterben gehören. Und mit der mehrheitlichen Reaktion darauf: «natürlich uns selbst» wird suggeriert, alle anderen Fragen auch schon beantwortet zu haben. Doch aus dem Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben folgt eben keineswegs der Anspruch auf die Unterstützung Dritter beim Suizid.

Das hat die Philosophin Barbara Bleisch in der Sendung entkräftet. Sie sagte, kein Arzt sei dazu verpflichtet, Suizidhilfe zu leisten.
Ich würde es grundsätzlicher formulieren: Eine andere Person auf Suizidbeihilfe zu verpflichten, widerspricht genau den Freiheitsrechten, auf die sich die suizidwillige Person selbst beruft. Aus meiner Freiheit, Ski zu laufen, folgt nicht die Pflicht einer anderen Person, mir ihre Skier zu leihen. Deshalb habe ich die Frage in der Sendung mit Nein beantwortet.

Stattdessen warfen Sie die Frage nach den moralischen Ressourcen für den Entscheid auf. Was meinten Sie damit?
Ich wollte dem Phantom der Freiheit auf die Spur kommen. Wenn wir die Freiheitsrechte so ernst nehmen, wie wir es aus meiner Sicht zu Recht tun, können wir uns nicht darauf ausruhen. Vielmehr bürden wir uns auf, die moralischen Massstäbe bestimmen zu müssen, nach denen wir unsere Freiheit in Anspruch nehmen wollen. Ich behaupte hier eine zunehmende gesellschaftliche Überforderung, weil uns die dafür nötigen moralischen Fundamente und Ressourcen abhandenzukommen drohen.

«Empörung ersetzt Argumente und es entsteht ein Diskussionsklima der Verrohung durch Moral.»

Das müssen Sie ausführen.
Nehmen wir das Beispiel des Heidelberger Katechismus. Dessen erste Frage lautet: «Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?» Die Antwort darauf: «Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.» Das ist eine normative Orientierung, die keine moralischen Pflichten diktiert, sondern ein glasklares Selbstverständnis zum Ausdruck bringt. Dieses teilen heute jedoch selbst manche Reformierte nicht mehr. Sobald aber diese Position abgelehnt wird, entsteht eine Lücke und damit die Frage: Welchem Selbstverständnis folgen wir eigentlich, wenn wir urteilen und handeln?

Zur Person

Frank Mathwig (59) ist Beauftragter für Theologie und Ethik bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Zudem ist er als Titularprofessor für Ethik an der Universität Bern tätig und sitzt in der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin.

Mathwig ist gebürtiger Deutscher und hat in Marburg und Hamburg Theologie und Philosophie studiert. Für den Kirchenbund, aus dem die EKS Anfang Jahr hervorgegangen ist, hat er unter anderem 2007 die Position «Das Sterben leben» über Entscheidungen am Lebensende verfasst. (vbu)

Sie sagen also, uns fehlen die moralischen Grundlagen, um Fragen wie diejenige des SRF-Themenabends zu beantworten?
Ja. Aber nicht, weil wir eine unmoralische Gesellschaft wären, sondern weil wir im Gegenteil in eine Hypermoral flüchten. Politische Themen werden notorisch moralisch aufgeladen. Empörung ersetzt Argumente und es entsteht ein Diskussionsklima der Verrohung durch Moral. Verdächtig sind mir Denkweisen, die auf alle Fragen immer und sofort eine Antwort haben. Meine These ist, dass das Freiheitspathos der liberalen Gesellschaft auf den moralischen Fundamenten unserer Vorfahren aufbaut, die im Kern ziemlich unliberal sind. Wenn diese Ressourcen aufgebraucht sind, kann sich das liberale System nur noch auf sich selbst stützen. Und das wird dann höchst anspruchsvoll.

Stand es denn früher besser um die moralischen Fundamente?
Früher war die Gesellschaft natürlich viel stärker geprägt durch moralische Institution – die Kirche, den Staat …

… die mit ihren Regeln sehr einschränkend wirkten – und damit viel Leid verursachten. Denken wir beispielsweise an das Konkubinatsverbot oder die Ächtung von Homosexualität.
Da haben Sie völlig Recht. Und genau daraus ergibt sich die spannende Frage: Wie können wir uns normativ orientieren, ohne zu den alten paternalistischen Fleischtöpfen einer rigiden und restriktiven Moral zurückzukehren? Das ist die herausfordernde Zumutung liberaler Gesellschafen.

Kommen wir nochmals auf den Film «Gott» zurück, in dem neben Herrn Gärtner noch ein zweiter Fall geschildert wird: Eine junge Frau, die bei einem Autounfall ein Kind getötet hat, sieht keinen Sinn mehr in ihrem eigenen Leben – und möchte sterben. Denken Sie, die Abstimmung wäre anders ausgefallen, wenn dieser Fall zur Debatte gestanden hätte?
Absolut. Mit Herrn Gärtner protestieren wir solidarisch gegen die Bevormundung durch den Staat, der ihm verbietet, so zu sterben, wie er will. Bei der jungen Frau spüren wir dagegen eine negative Solidarisierung: Wir protestieren dagegen, dass sie sich schuldig fühlt und selbst bestrafen will. Deshalb würde ihr Sterbewunsch auf grössere Ablehnung stossen. Hier stellt unsere Moral unserem Freiheitspathos ein Bein. Denn wenn Herr Gärtner über sein Sterben frei verfügen darf, dann gilt das genauso für die junge Frau. Aber die formale Feststellung, dass beide über die gleiche Freiheit verfügen, ist eben moralisch völlig unbefriedigend.

«Welche Gründe zählen, wenn das Leiden als Anlass und das Mitleid als Motiv wegfallen? Worauf gründet dann unsere Empathie?»

Ihre Einwände beziehen sich auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene. Könnten Sie dennoch zum Schluss kommen, dass in einem bestimmten Fall Sterbehilfe gerechtfertigt ist?
Grundsätzlich ja. Mir ist aber die Ausgangsfrage des Films nach dem sogenannten Bilanzsuizid des kerngesunden Menschen sehr wichtig. Denn die hohe Zustimmung zur Sterbehilfe war ursprünglich durch die grosse Empathie für das körperliche und psychische Leiden schwerkranker Menschen motiviert. Das macht den Fall Gärtner so spannend: Welche Gründe zählen, wenn das Leiden als Anlass und das Mitleid als Motiv wegfallen? Worauf gründet dann unsere Empathie?

Herr Gärtner leidet doch aber auch – das scheint offensichtlich.
Dem stimme ich zu. Deshalb habe ich die Frage aufgeworfen, ob wir nicht unseren medizinisch definierten Leidensbegriff überdenken müssen. Denn einerseits suggeriert er, dass es objektive Kriterien für das Leiden gibt – aus denen sich dann generelle Regeln für die Suizidhilfe ableiten lassen. Andererseits ist er viel zu eng, um etwa die sozialen Leiden zu erfassen, die ebenso zu einer unerträglichen Last werden können.

Letzte Frage: Was nehmen Sie persönlich aus dem SRF-Themenabend mit?
Dass wir vor Fragen, Zweifeln und auch den Widersprüchlichkeiten im eigenen Denken und Urteilen nicht zurückschrecken sollten. Zugespitzt hat sich für mich die Frage, wie verhindert werden kann, dass der Respekt gegenüber der Freiheit der anderen Person nicht in eine Gleichgültigkeit ihr gegenüber umschlägt. Vor 15 Jahren war ich schon einmal Gast im «Club» und argumentierte gegen die assistierte Suizidhilfe und für den Lebensschutz. Heute stehe ich nicht mehr an der gleichen Stelle. Ich habe ausserdem mehr Fragen als früher. Aber Antworten, die keine neuen Fragen aufwerfen, haben mich eigentlich immer gelangweilt – auch meine eigenen.