Pfarrfrauen

«Ein Pfarrer brauchte eine Frau, die ihren Beruf aufgab»

Ursula Streckeisen ist emeritierte Soziologieprofessorin, Feministin und Pfarrerstochter. In ihrem Ruhestand schreibt sie ein Buch über reformierte Pfarrfrauen. Gibt es diese klassische Rolle überhaupt noch?
Ursula Streckeisen arbeitet an einem Buch oder einer Artikelserie über Pfarrfrauen. Dafür verbringt sie auch viele Stunden im Archiv. (Foto: Gabi Vogt / 13 Photo)

Frau Streckeisen, was interessiert Sie an Pfarrfrauen?
Zum einen habe ich viel über klassische Professionen geforscht. Das sind akademische, auf Männer zugeschnittene Berufe wie der Arzt, der Anwalt und auch der reformierte Pfarrer. Ein Pfarrer brauchte eine Ehefrau, die ihren Beruf aufgab und Pfarrfrau wurde. Sonst wurde er in einem Pfarramt nicht eingestellt. Zum Teil mussten diese Pfarrer die angehende Pfarrfrau zum Vorstellungsgespräch mitbringen. Hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. Zum anderen spielen auch persönliche Bezüge eine Rolle: Ich bin in einem Pfarrhaus aufgewachsen.

Zur Person

Ursula Streckeisen (77) ist emeritierte Soziologieprofessorin der Pädagogischen Hochschule Bern und Privatdozentin an der Universität Bern. Sie ist in einer Pfarrfamilie in Gächlingen SH und (ab dem 8. Altersjahr) in Dornach bei Basel aufgewachsen.

In den 1970er- und 1980er-Jahren engagierte sich im Rahmen der Neuen Frauenbewegung bei den «Radikalfeministinnen Bern-Fribourg-Biel». ​Ihr aktuelles Projekt heisst «Pfarrfrauen unterwegs. Ihr Selbstverständnis im Wandel». (eba)

War Ihre Mutter eine klassische Pfarrfrau?
Bis zum 45. Altersjahr schon. Sie kümmerte sich um den Haushalt und uns Kinder, war in der Kirchgemeinde sehr aktiv und hielt das Pfarrhaus stets für Gäste und Hilfesuchende offen. Sie hatte Tür- und Telefondienst, wenn ihr Mann weg war. Das Pfarrhaus musste offen sein, denn die Gemeinde war die Klientel: Da musste jederzeit jemand vorbeikommen können. Wenn beide Eltern nicht da waren, übernahmen wir Kinder diesen Dienst. Ansonsten war meine Mutter auch die erste Zuhörerin meines Vaters im Gottesdienst; oft hatte sie den Predigtentwurf gegengelesen und kommentiert.

Von einer Trennung von Arbeit und Privatleben konnte keine Rede sein.
So war es damals. Der Pfarrer heiratete auch eine künftige Mithelferin. Und die Frau heiratete nicht nur einen Mann, sondern auch dessen Beruf. Wenn mein Vater zum Beispiel mit einem Kollegen für einen Gottesdienst einen Kanzeltausch vereinbarte, dann war es ganz normal, dass dieser Pfarrer zu uns ins Pfarrhaus kam, um die Amtstracht anzuziehen. Denn unser Haus war auch eine Art Hinterbühne des Gottesdienstes. Hier wurden der Talar und das Beffchen parat gemacht und gepflegt.

Was Sie erlebten, war das der typische Alltag in Pfarrhäusern zu der Zeit?
Das kann man wohl so sagen. Anders als in vielen anderen Pfarrfamilien hielt die klassische Rollenteilung bei uns aber nicht stand. Meine Mutter ging mit 46 Jahren in ihren Beruf als Kindergärtnerin zurück. Sie bildete sich zur Erwachsenenbildnerin weiter und engagierte sich in der Politik. Schliesslich wurde sie für die SP ins Kantonsparlament gewählt. Sie war eine grosse Ausnahme und aus heutiger Sicht eine Pionierin. Aber sie musste für diesen Schritt kämpfen und auch leiden. Es half sicherlich, dass mein Vater sie bei dieser Neuorientierung unterstützte und dass wir in der Nähe von Basel in einem eher urbanen Umfeld lebten.

Nun planen Sie ein Buch oder eine Artikelserie über Pfarrfrauen. Wie gehen Sie vor?
Für den historischen Teil recherchiere ich im Archiv, analysiere die Publikationen meiner Mutter und damalige Debatten unter Pfarrfrauen. Mein Hauptinteresse gilt aber dem Selbstverständnis heutiger Pfarrfrauen. Dafür führe ich offene Interviews. Wie fühlen und definieren sich heutige Partnerinnen von Pfarrpersonen? Wie stehen sie zur Kirchgemeinde, zu ihrem Beruf, zur Familie? Mit welchen Erwartungen sehen sie sich konfrontiert? Dabei suche ich nach Fällen, die möglichst unterschiedlich sind.

Warum?
Die Vielfalt heutiger «Pfarrfrauen» ist vermutlich sehr gross. Neben Berufsfrauen gibt es 40-Jährige, die sich dafür entschieden haben, Pfarrfrau zu werden – mit dem grossen Unterschied zu früher, dass sie das freiwillig tun. Dann wiederum gibt es Paare, bei der sich die Partnerin nicht allzu sehr interessiert für das berufliche Leben des Pfarrers. In Pfarrhäusern leben auch lesbische Paare. Ausserdem wohnen nicht alle Pfarrer im Pfarrhaus. Das Feld ist eine riesige Forschungslücke. Wissenschaftliche Arbeiten zu Pfarrfrauen gibt es bislang kaum.

Sie sind eine engagierte Feministin und waren einst in der Gruppe «Radikalfeministinnen Bern-Fribourg-Biel» aktiv. Was taten Sie?
Wir waren vor allem in der Öffentlichkeit tätig, auch auf der Strasse, aber nicht innerhalb von politischen Institutionen. Die «Neue Frauenbewegung» als Ganzes forderte nicht nur wie die alte Frauenbewegung aus den 1920er- und 1930er-Jahren die Gleichstellung in einer bürgerlichen Gesellschaft, etwa durch die Einführung des Frauenstimmrechts. Als Post-68erinnen wollten sie die ganze Gesellschaft erneuern, den Kapitalismus überwinden. Innerhalb dieser Bewegung waren wir die radikalen, weil wir besonders deutlich auch Männer kritisierten.

Der Systemwechsel ist nicht gelungen.
Nein, aber die Bewegung hat viel erreicht – im Vergleich etwa mit den Protesten der Anti-Atomkraft-Bewegung, die etwa zur gleichen Zeit stattfanden. Viele Frauen sind heute berufstätig, verschiedenste Familienformen sind selbstverständlich geworden.

Auch die klassische Pfarrfrau ist passé. Sogar die Vereinigung der Pfarrfrauen löste sich letztes Jahr auf.
Im Gosteli-Archiv sind die Dokumente aller Tagungen der Vereinigung aufbewahrt, seit deren Gründung im Jahr 1928 bis zur Auflösung. Anfangs kamen 150 Frauen, gegen Schluss nur noch 10 bis 20.

Trotzdem werden nach wie vor viele Aufgaben im kirchlichen Umfeld von Frauen erledigt.
Das ist richtig. Doch vieles, was Pfarrfrauen früher gratis machten, ist verberuflicht worden. Früher spielten Pfarrfrauen Orgel, gaben Sonntagsschule, machten Hausbesuche, waren sozial tätig. Heute stellen die Kirchgemeinden bezahlte Sozialdiakoninnen, Altersbeauftragte oder Katechetinnen ein.

Sehen Sie das als Fortschritt?
Letztlich ja. Denn an die Stelle von fremdbestimmenden Selbstverständlichkeiten ist für die Partnerinnen von Pfarrpersonen die Möglichkeit getreten, bewusst zu entscheiden. Dass konkrete Entscheide auf selbstbestimmtem Weg zustande kommen, ist damit natürlich nicht garantiert.

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