Ein Kirchentag gegen die Angst

Fünf Tage lang ging in Deutschland der Evangelische Kirchentag über die Bühne. Zum abschliessenden Gottesdienst in Wittenberg kamen 120‘000 Menschen zusammen. Ein Rückblick auf die Highlights.

Rund 2‘500 Veranstaltungen wurden am Kirchentag geboten. Den Abschluss markierte der gemeinsame Gottesdienst auf den Elbwiesen bei Wittenberg. (Bild: Stefan Schneiter)

Bei schönstem Wetter und tropischen Temperaturen fanden sich am Sonntag 120‘000 Kirchentags-Teilnehmer auf einer riesigen Feldwiese vor den Toren der Lutherstadt Wittenberg ein. 6‘000 Blasinstrumente intonierten die Musik, die Menschen sangen gemeinsam, lauschten dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, beteten das «Vaterunser» und nahmen gemeinsam das Abendmahl ein.

Sich einmischen, wo es nötig ist

Am Gottesdienst traten prominente Redner auf. Erzbischof Thabo Makgoba etwa von der anglikanischen Kirche in Südafrika, der in seinem Land Korruption und Vetternwirtschaft anprangert und dabei auch dem Streit mit Präsident Jacob Zuma nicht aus dem Weg geht. In Wittenberg pries er Reformator Martin Luther als Mann, der Autoritäten hinterfragte und einer der «wahren Väter demokratischer Freiheit» sei. Auf die heutige Zeit bezogen, mahnte Makgoba unter Beifall zu mehr Mitmenschlichkeit und Engagement gegen Extremismus, Nationalismus und Isolation. Nicht die Interessen einzelner Gruppen gelte es im Auge zu behalten, sondern die der Gesellschaft insgesamt.

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, rief die Anwesenden dazu auf, nach dem Motto «Radikal glauben, radikal lieben und radikal hoffen» aktiv zu werden und sich überall dort einzumischen, wo die Würde des Menschen bedroht ist und die Natur als Gottes Schöpfung zerstört wird. Das sei die Berufung, aus der Christinnen und Christen lebten.

Streiten lohnt sich

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnerte in seinem Votum an Martin Luther, der vor 500 Jahren mit seinem Mut, festen Glauben und der Macht des Wortes die Welt verändert habe. Das wirke bis heute. Ohne das soziale und geistliche Engagement der Kirchen würden der Gesellschaft viel Wärme und Menschlichkeit fehlen.

Den Wert des Dialogs, wie er am Kirchentag gepflegt wird, hob Christina aus der Au hervor, die Schweizer Theologin, welche den Deutschen Kirchentag in diesem Jahr präsidierte. «Dialog heisst auch Kontroverse. Wir streiten wie einst Luther und Zwingli. Das ist urprotestantisch und es lohnt sich», so aus der Au.

Im Zeichen des Dialogs

Überhaupt war es ein Kirchentag des Dialogs. Ein Hauptereignis war das Treffen des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor. Die beiden reflektierten ihren Glauben, bekannten, dass er ihre Arbeit prägt und führten eine nachdenklich stimmende Debatte über Gesinnungs- und Verantwortungsethik zur Frage: Was will ich als Politiker im Idealfall – und was geht in der Wirklichkeit?

Im Zeichen des Dialogs stand auch das Gespräch zwischen dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière und Scheich Ahmad al-Tayyeb, Grossimam der Kairoer Azhar-Universität. Natürlich wurden dabei nicht die grossen Probleme erörtert, doch immerhin kam es zu einem Austausch der Meinungen und damit zu einem Stück christlich-muslimischer Begegnungsarbeit.

Viele weitere der rund 2‘500 Veranstaltungen des Kirchentages widmeten sich den grossen Herausforderungen der Menschheit. Wie die weltweite Armut zu verringern sei, fragte etwa ein Anlass, an dem Melinda Gates von der Bill und Melinda Gates Foundation teilnahm. Klimawandel und die Nachhaltigkeit generell wurden thematisiert, auch Flucht, Migration und Integration; mit einer Schweigeminute wurde am Kirchentag der Opfer an den europäischen Aussengrenzen gedacht.

Alles blieb friedlich

Der Kirchentag hat in Zeiten des Terrorismus auch ein Zeichen gesetzt: Er konnte ohne terroristische Attacken durchgeführt werden. Weit über 100‘000 Besucherinnen und Besucher kamen in Berlin und Wittenberg zusammen – und alles blieb friedlich. Die Stimmung war allgemein geprägt von Gelöstheit und Friedfertigkeit.

Kirchentagspräsidentin Christina aus der Au zog die Bilanz, man habe sich nicht einschüchtern lassen und sich nicht hinter Mauern zurückgezogen. Sie sprach von einem «Kirchentag gegen die Angst».

 

Stefan Schneiter/reformiert.info
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».