Terror diktiert Agenda des Kirchentags

Das Thema Terror und der Dialog mit dem Islam bestimmen den protestantischen Grossevent in Berlin. Erst recht, als der deutsche Innenminister Thomas de Maizière noch während einer Veranstaltung verkünden muss, dass in Ägypten gerade eben ein Anschlag auf koptische Christen verübt wurde.

Der Grossscheich der Kairoer al-Azhar-Universität, Ahmad al-Tayyeb grüsst den deutschen Innenminister Thomas de Maizière.
Der Grossscheich der Kairoer al-Azhar-Universität, Ahmad al-Tayyeb mit dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière (rechts sitzend, mit Brille). (Bild: Delf Bucher)

Punkt zwölf Uhr in einer Halle der Berliner Messe im Osten der Stadt: 1’000 Kirchentagsbesucher erheben sich, um in Stille der Opfer des Terrors, der Gewalt, den bei der Flucht im Mittelmeer Ertrunkenen eine Minute lang zu gedenken. Nur wenige Minuten später muss der deutsche Innenminister Thomas de Maizière, der sich gerade mit dem ägyptischen Grossscheich der Kairoer al-Azhar-Universität im Gespräch befindet, mitteilen: «Mir ist eben gesagt worden, dass mindestens 23 Kopten auf der Busfahrt zu einem Kloster bei einem Bombenanschlag getötet wurden.» Mit besorgter Miene nahm nun der oberste Geistliche der sunnitischen Welt das Mikrofon und sagte: «Es ist nun meine Pflicht, nicht nur den Angehörigen der Opfer von Manchester mein Beileid auszusprechen, sondern auch den koptisch-ägyptischen Familien.»

Der jüngste Terroranschlag in Ägypten hat am Kirchentag die Debatten um den Frieden unter den Religionen eingeholt. Dabei schloss der Direktor der renommierten Al-Azhar-Universität seine Rede eine Viertelstunde zuvor noch mit dem eindringlichen Appell: «Einstimmig sollen die Glocken der christlichen Kirchen und die Muezzins zum Gebet rufen und die Botschaft verkünden: Keine Gewalt im Namen der Religion! Überwindet die Kultur des Hasses, damit alle Menschen in Frieden leben können!»

Auslaufmodell «christliche Friedensethik»

Das Thema Terror durchzieht den Berliner Kirchentag auch unabhängig vom jüngsten Anschlag. Bereits gestern beim grössten Event des reformierten Kirchenfestes, als Barack Obama vor dem Brandenburger Tor mit Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutierte, wirkte die kritische Bemerkung eines Studenten, dass die von Obama ausgelösten Drohneneinsätze Hunderte von Zivilisten getötet haben, deplatziert. Obama antwortete: «Das sind Gruppen, die bei einer Veranstaltung wie dieser eine Bombe zünden würden.» Das Gebot «Du sollst nicht töten», das seit Ende der 1960er Jahre die Kirchentage zur Plattform des Pazifismus gemacht hatte, hat viel von seinem grundsätzlichen Anspruch eingebüsst. Das politische Klima des Kirchentags ist heute vielmehr geprägt von Realpolitik. Eine radikale christliche Friedenethik wirkt da wie ein Auslaufmodell.

Keine «Friede-Freude-Eicherkuchen»-Toleranz

Das spürte auch der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Seine Intervention, keine Flüchtlinge aus Afghanistan abzuschieben, nutzte die Kanzlerin zu einem staatsmännischen Plädoyer für den Rechtsstaat. Wie Obama erhielt auch die Rede des CDU-Politikers Thomas de Maizière, der den umstrittenen Begriff der Leitkultur erst vor Kurzem ins politische Wahlkampfvokabular aufgenommen hatte, viel Beifall. Darin kritisierte der Innenminister die Kirchen für ihre «Friede-Freude-Eierkuchen»-Toleranz und forderte den «wehrhaften Staat», der die «Toleranz gegenüber den Intoleranten» nicht überspanne. Die Muslime sollten zwar integriert werden – aber das Eintrittsbillet dazu sei, die «Grundwerte unserer Gesellschaft zu akzeptieren.»

 

Delf Bucher/reformiert.info
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».