«Ein Kirchenschiff kann mehr Druck auf die Regierungen erzeugen»

Die Schweizer Journalistin und Pfarrerin Constanze Broelemann ist mit dem kirchlichen Rettungsschiff «Sea-Watch 4» auf dem Mittelmeer unterwegs. Was sie dabei erlebt und wie Corona die Situation zusätzlich erschwert, erzählt sie im Interview.

Die Pfarrerin und Journalistin Constanze Broelemann vor dem kirchlichen Rettungsschiff Sea-Watch 4. (Bild: Thomas Lohnes, epd)

Frau Broelemann, können Sie kurz beschreiben, wie die Situation auf der «Sea-Watch 4» aussieht?
Aktuell haben wir rund 353 gerettete Flüchtlinge an Bord. Dazu kommen noch 28 Crew-Mitglieder aus zwölf verschiedenen Nationen. Sie müssen sich vorstellen, alle Decks sind voll. Die Menschen werden rund um die Uhr von der Crew versorgt. Nun haben wir aber zum Glück einen sicheren Hafen gefunden und werden die Menschen an die Italiener in Palermo übergeben. Dort kommen sie auf ein Quarantäne-Schiff, und auch wir als Crew müssen zwei Wochen in Quarantäne.

Wie ist die Stimmung?
Die Stimmung ist mal so, mal so. Hier und dort kann sich schnell mal ein Streit entzünden. Die Crew muss immer wachsam sein und Präsenz zeigen. Grundsätzlich sagen aber viele der Geflüchteten, dass sie zum ersten Mal seit Jahren an einem Ort sind, wo sie ohne Angst und in Frieden sein können.

Was ist Ihre Funktion auf dem Schiff?
Ich bin ein sogenannter «embedded Journalist». Also eine Journalistin, die mitten im Geschehen ist. Das bedeutet unter anderem, dass ich nicht nur über meinen Aufenthalt auf dem Blog «Seenotizen» berichte, sondern auch mithelfe.

Was waren Ihre bisherigen Aufgaben?
Ich habe Wasser verteilt oder geholfen, die Flüchtlinge nach der Rettung abzuduschen und in Rettungsdecken zu hüllen, ich habe gekocht und Nachtwachen übernommen.

Ist es nicht eine ungewohnte Situation, als Journalistin nicht nur zu beobachten und zu berichten, sondern auch mitzuhelfen?
Ich bin in die Aufgaben und die Situation an Bord immer mehr hineingewachsen. Die Crew-Mitglieder waren mir gegenüber sehr offen. Ausserdem liegt mir die Arbeit hier. Eine internationale Crew und Geflüchtete, die viel zu erzählen haben.

Fehlt da nicht die journalistische Distanz?
Ich bin ein Mensch, der trotz Nähe Distanz halten kann. Ich denke, das kommt mir bei dieser Aufgabe zugute. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, meine journalistische Distanz verloren zu haben.

Wie schaffen Sie das konkret?
Es ist einfach mein Naturell. Die Crew hilft mir, Abstand zu halten. Ich habe zum Beispiel auch einen «Buddy», mit dem ich mich hier austauschen kann. Ich habe zudem Kontakt zu Freunden und Familie und lese regelmässig Nachrichten. So kann ich mich immer wieder zurückziehen.

Wie wird mit dem Thema Corona an Bord umgegangen?
Das ist neben den ohnehin schwierigen Rettungsbedingungen eine zusätzliche Herausforderung. Wir alle tragen persönliche Schutzausrüstung bestehend aus Schutzanzug und Schutzmaske, wenn wir draussen bei den Geretteten sind. Es wird bei allen Menschen an Bord regelmässig Fieber gemessen und an Deck herrscht für alle Maskenpflicht.

Was hat Sie bis jetzt in Ihrem Aufenthalt am meisten zum Nachdenken gebracht?
Da gibt es vieles. Zum einen, mit welchen Hoffnungen und Träumen sich die Menschen auf den lebensgefährlichen Weg begeben. Einer sagte mir, dass er gerne Schauspieler werden möchte. Ein anderer will unbedingt in die Niederlande, weil er Kühe so liebt. Zu wissen, dass all das wohl nicht so schnell in Erfüllung gehen wird und dass Rassismus und Schikanen an Land für die meisten weitergehen, ist schwer zu ertragen. Zum anderen bin ich dankbar für mein Leben und bewundere die Lebensfreude vieler Afrikaner.

Im Vorfeld der Mission gab es innerhalb der Kirche Stimmen, die ein kirchliches Engagement in der privaten Seenotrettung kritisierten. Nehmen Sie diese Kritik anders wahr, seitdem Sie auf dem Schiff sind?
Ja. Ich bin kritischer gegenüber den Kritikern geworden mit ihren zum Teil polemischen Sätzen wie «nicht ganz Afrika kann nach Europa kommen». Dahinter steckt bei den meisten schlicht die Angst vor dem Fremden und noch mehr Unwissenheit.

Wie werden Sie als Pfarrerin diesen Kritikern künftig begegnen?
Ich halte viel von einer Kirche, die nicht nur redet, sondern vor allem etwas tut. Auf dem zentralen Mittelmeer ertrinken Menschen. Es geht um Leben und Tod. Wer Menschen kritisiert, die dort ehrenamtlich helfen, den verstehe ich nicht und möchte es auch gar nicht.

Die «Sea-Watch 4» wird von verschiedenen Organisationen, darunter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), unterstützt. Hat das die Suche nach einem sicheren Hafen einfacher gemacht?
Ich denke schon, dass ein Kirchenschiff mehr Druck auf die Regierungen erzeugen kann. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm setzt sich öffentlichkeitswirksam für die «Sea-Watch» ein. Es hilft sicher auch, dass Mitglieder von der international gut vernetzten Organisation «Ärzte ohne Grenzen» an Bord sind.

Stammen die Crewmitglieder aus einem kirchlichen Kontext?
Die wenigsten. Es hat einen Religionslehrer aus Österreich dabei. Ansonsten sind es Menschen aus unterschiedlichen Kontexten. Alle leitet der humanistische Gedanke, Menschenleben zu retten.

 Zur Person:

Constanze Broelemann ist Redaktionsleiterin von «reformiert.» in Graubünden sowie Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Ausserdolmeschg. Über ihre Zeit auf dem Rettungsschiff «Sea-Watch 4» berichtet sie auf dem Blog «Seenotizen»