Die Theologie wird weiblich

Vor drei Jahren stand die Theologische Fakultät der Universität Basel landesweit in der Kritik. Kein Lehrstuhl war mit einer Frau besetzt. Nun wurden gleich zwei berufen: Sonja Ammann und Andrea Bieler.

Andrea Bieler (l.) erhält in Basel die Professur für Praktische Theologie, Sonja Ammann übernimmt den Lehrstuhl für Altes Testament. (Bild: zVg)

Überraschung bei der Besetzung von zwei Professuren an der Theologischen Fakultät der Universität Basel: Auf die Lehrstühle für Praktische Theologie und Altes Testament wählte die Unileitung auf Vorschlag der Theologischen Fakultät zwei Frauen. Erstaunlich auch, dass mit Sonja Ammann eine erst 31-jährige Alttestamentlerin berufen wird. Mit ihrer Wahl erfüllen sich gleich drei Forderungen, die damals an die Nachfolge des Neutestamentlers Ekkehard Stegemann gestellt wurden: eine Frau, eine Schweizerin und Angehörige der reformierten Kirche. An den Lehrstuhl für Praktische Theologie wurde die Deutsche Andrea Bieler gewählt.

Mit den zwei neuen Lehrstuhlinhaberinnen wandelt sich die Theologische Fakultät der Universität Basel indes nicht vom Prügelknaben zur Musterschülerin. An den – allerdings grösseren – Fakultäten in Bern haben fünf Professorinnen, in Zürich drei einen Lehrstuhl inne.

Seit ein paar Jahren gibt es an den theologischen Fakultäten Bestrebungen, den Anteil der Frauen unter den Dozierenden zu vergrössern. Die Basler Fakultät führt seit 2010, die Berner seit 2012 Mentoringprogramme für Nachwuchswissenschaftlerinnen durch. Mit Erfolg: Die Frauen holen auf. Bei den Theologiestudierenden ist die Mehrheit weiblich. Mit steigender Hierarchie nimmt dieser Anteil jedoch ab. An der Theologischen Fakultät Zürich waren vor vier Jahren 60 Prozent der Studierenden Frauen, bei den Doktorierenden 43 Prozent und bei der Professorenschaft 21 Prozent.

Positive Rollenmuster

Georg Pfleiderer, designierter Dekan der Basler Theologischen Fakultät, begrüsst es, dass die Frauen aufholen: «Die Professorinnen bieten positive Rollenmuster für die vielen Theologiestudentinnen und Assistentinnen. Sie sind ermutigende Beispiele dafür, dass man als Frau engagiert Theologie studieren und erfolgreich akademische Karriere machen kann.» Wird sich dadurch die Theologie verändern? Zum Teil, meint Pfleiderer. «Theologinnen sind heute nicht mehr unbedingt Feministinnen. Modernen theologischen Texten ist es meist nicht anzusehen, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurden. Aber Frauen interessieren sich manchmal für andere Themen – etwa für Frauen in der Bibel und im Christentum. »

Frauen im Pfarramt selbstverständlich

Heute sind Pfarrerinnen in der reformierten Kirche selbstverständlich. Wird damit die Kirche weiblich? Die Kirche werde in der Tat seit längerem «weiblich», stellt Georg Pfleiderer fest. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert habe Religion das Image eines «weichen, gefühlsgesteuerten Feldes der Kultur» bekommen. «Die intellektuelle und die politische Seite der Religion wurden dabei freilich abgeblendet.» Seit zwei, drei Generationen sind Frauen zum reformierten Pfarramt zugelassen. Dadurch habe sich das Pfarrerbild, das traditionell männlich geprägt gewesen sei, stark verändert. «Solche Veränderungen schaffen aber auch wieder neue Chancen für Männer – man hört heute auch gerne mal wieder eine tiefere Stimme von der Kanzel.»

Die nächste Chance, die Frauenquote zu verbessern, bietet sich in Basel bald. Das Berufungsverfahren für die Nachfolge des Kirchengeschichtlers Martin Wallraff ist derzeit im Gange.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Franz Osswald, Tilmann Zuber / Kirchenbote