Kommentar zur EKS

Die Probleme sind noch nicht vom Tisch

Mit Rita Famos hat die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz vergangene Woche eine neue Präsidentin gewählt. Ist damit der Zeitpunkt gekommen, das Kreisen um sich selbst zu beenden und nach vorne zu schauen? Nein, denn die Institution hat Probleme, die weit über das Präsidium hinausgehen.

Die Synode der EKS konnte im November corona-bedingt nur virtuell tagen. Die Probleme der Institution sind aber nicht nur Folge der besonderen Umstände in diesem Jahr. (Bild: EKS/Nadja Rauscher)

Was war das für ein erstes Jahr: Präsident Gottfried Locher nach Vorwürfen von Grenzverletzungen zurückgetreten, eine publik gewordene Liebesbeziehung im Rat und obendrauf noch eine Pandemie, die das soziale und kirchliche Leben massiv eingeschränkt hat. Nicht überraschend also, dass die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) nach ihrem Start im Januar 2020 in eine Krise geraten ist.

Keine sauberen Rechtsgrundlagen

Doch die aussergewöhnlichen Umstände sind nur eine Erklärung für das jetzige Durcheinander. Die andere ist die EKS selbst. Sie verpasste es, den Übergang vom Kirchenbund zur Schweizer Kirchengemeinschaft sauber aufzugleisen. So ist die Organisation mit unvollständigen Rechtsgrundlagen gestartet. Zwar gab es eine Verfassung; Geschäftsordnung und Finanzreglement sind jedoch noch immer hängig. Dadurch entstanden zahlreiche Rechtsunsicherheiten, wie etwa in Bezug auf die Einberufung von Kommissionen und die Wählbarkeit ihrer Mitglieder. Als es dann um die Einrichtung einer Untersuchungskommission im Fall Gottfried Locher ging, mussten diese Fragen erst mühsam beantwortet werden – mitten in der Krise, während die Ressourcen eigentlich für anderes benötigt worden wären. Die Behandlung der Beschwerde gegen Locher wurde so zumindest verzögert.

Hinzu kommt, dass das Betätigungsfeld der EKS bis heute nicht definiert ist. Die Handlungsfelder wurden von der Synode zuletzt mit dem Argument zurückgewiesen, sie trügen noch zu sehr die Handschrift des ehemaligen Präsidenten. Damit mag für Eingeweihte klar sein, was es bedeutet, auf nationaler Ebene gemeinsam Kirche zu sein. Für Reformierte an der Basis bleibt dagegen undurchsichtig, wofür die EKS steht und welche Aufgaben sie wahrnimmt.

«Die EKS macht weiter wie bisher. Die Planung für die Sommersynode 2021 etwa ist gelinde gesagt ehrgeizig.»

Pandemie hin oder her, Rücktritt oder nicht – in der Privatwirtschaft wäre ein Projektmanager mit einer derart schwammigen Zielsetzung und einer quasi inexistenten Notfallstrategie seinen Job los. In der EKS dagegen wird weitergemacht wie bisher: Nach aktuellem Stand will die Synode erst im Juni 2021 wieder zusammenkommen. Dann muss sie nicht nur die Untersuchung im Fall Locher auswerten, sondern auch die Geschäftsordnung abnehmen, die erste Lesung des Finanzreglements durchpauken, die Handlungsfelder und den Finanzplan ab 2022 debattieren und die Rechnung 2020 genehmigen. Dies notabene noch bevor das Vereinsjahr 2019 abgeschlossen ist – die Décharge für den Rat steht nämlich noch aus. Eine gelinde gesagt ehrgeizige Planung.

Fakt ist: Es geht um Grenzverletzungen

Zu einem ähnlich kritischen Schluss muss kommen, wer die bisherige Untersuchung der Vorwürfe gegen Gottfried Locher mitverfolgt hat. Zwar hat die EKS auf dem Papier die notwenigen Schritte unternommen. Sie tat dies aber mit einer merkwürdigen Zurückhaltung. Von der geplanten Meldestelle etwa erfuhren die Synodalen und damit auch die anwesenden Medienvertreter an der Versammlung im September nur durch einen Nebensatz im Statement der Anwaltskanzlei Rudin Cantieni. Auf entsprechende Nachfrage hiess es bei der EKS zunächst, man wolle für die Stelle keine «Werbung» machen, schliesslich könne das «persönlichkeitsverletzend» sein. Für wen und wieso, blieb unklar. Ebenso, wie die Betroffenen von der Stelle erfahren sollten, wenn nicht durch «Werbung». Nach wiederholtem Nachhaken wurde dann schliesslich doch kommuniziert; eine offizielle Medienmitteilung allerdings blieb aus.

«Sechs weitere Frauen sollen Kirchenvertretern von Grenzverletzungen berichtet haben. Von ihnen ist seit einem halben Jahr keine Rede mehr.»

Fakt ist: Die unklaren Zuständigkeiten, die mangelhafte Kommunikation und die durch nicht erledigte Arbeiten entstandenen Nebenschauplätze haben das aus dem Fokus geraten lassen, worum es hier eigentlich geht: Vorwürfe gegen den Präsidenten wegen Grenzverletzungen. Vorwürfe – auch das muss an dieser Stelle gesagt sein –, die noch nicht erhärtet sind, die aber offenbar so massiv ausfallen, dass unklar war, ob sie neben der Beschwerde noch eine Strafanzeige nach sich ziehen würden. Hinzu kommen sechs weitere Frauen, die Kirchenvertretern von Grenzverletzungen berichtet haben sollen. Von ihnen allen ist seit einem halben Jahr keine Rede mehr.

Famos allein kann es nicht richten

Wo steht nun also die EKS, fast zwölf Monate nach ihrem Start? Auf der einen Seite ist festzuhalten, dass Rita Famos, die vergangene Woche zur Präsidentin gewählt wurde, eine neue Dynamik in Gang setzen wird. Famos will eine offene, transparente und partizipative Führungskultur etablieren, die beispielsweise auch die anderen Ratsmitglieder stärkt. Das klingt vielversprechend. Auf der anderen Seite jedoch ist es illusorisch zu denken, dass eine Person allein die ganze Institution transformieren kann – dafür gehen die strukturellen Probleme zu tief.

«Es braucht eine Professionalisierung auf allen Ebenen. Wer schweizweit Kirche sein will, sollte sicherstellen, dass die nötigen Strukturen dafür vorhanden sind.»

Was es deshalb braucht, ist ein möglichst schnelles Anpacken der Arbeiten, die eigentlich bereits vor einem Jahr hätten erledigt werden sollen – wenn nötig mit zusätzlichen Synoden. Fast noch wichtiger aber ist eine Professionalisierung auf allen Ebenen. Wer schweizweit Kirche sein will, sollte sicherstellen, dass die nötigen Strukturen dafür vorhanden sind: Eine GPK, die Berichte schreibt, die mit Sicherheit keine persönlichkeitsverletzenden Details enthalten. Ein Synodebüro, das die eigenen Reglemente kennt und auch in turbulenten Sitzungen den Überblick behält. Eine Geschäftsstelle, der in so wichtigen Vorlagen wie der Geschäftsordnung keine Copy-Paste-Fehler unterlaufen. Und ein Rat, bei dem klar ist, wofür er steht – und der Grenzverletzungen in der Kirche keinen Millimeter Raum gewährt.

Keine Frage, das wird aufwändig, kostenintensiv und für einzelne Personen womöglich eine Überforderung. Doch ein Weiter wie bisher ist keine Option. Das sollte nach dem Krisenjahr 2020 klar sein.