Chorproben

«Die Maske macht den Klang dumpfer»

Seit Oktober waren Chorproben verboten. Nun lockert der Bund auch hier die Vorgaben. Kantorin Gabriela Schöb über das Proben mit der Hygienemaske, Singen als Medizin und ihr Umgang mit Corona-Aerosolen.

Gabriela Schöb ist Kantorin an der reformierten Kirchgemeinde Thalwil. Hier ist sie noch ohne Maske am Weihnachtsspiel 2019 in Aktion. (Bild: Bernhard Maag)

Frau Schöb, ab dem 19. April dürfen Sie wieder mit maximal 15 Personen drinnen Chorproben abhalten. Freuen Sie sich?
Ich freue mich ausserordentlich. Es geht beim Singen ums gemeinsame Tun, Hören, Schwingen, das war mit Hilfsmitteln wie Zoom nicht möglich. Zusammenklang entsteht nur beim Zusammensein.

Neu dürfen Chöre auch ohne Maske singen. Dafür braucht jeder Sänger, jede Sängerin, allerdings 25 Quadratmeter Platz. Kann man so weit auseinander überhaupt vernünftig proben?
Nein. Diese Angabe entbehrt auch jeglicher Evidenz, nach all den Studien, die ich bis dato konsultiert habe.

Auftritte weiterhin verboten

Seit Ende Oktober war das Proben von Chören verboten. Nun wird dies ab dem 19. April wieder möglich, mit Maske und Abstand. Wo keine Maske getragen werden kann, muss für jede Person eine Fläche von mindestens 25 Quadratmetern zur ausschliesslichen Nutzung zur Verfügung stehen, oder es werden zwischen den einzelnen Personen wirksame Abschrankungen angebracht, heisst es seitens des Bundes. Weiterhin verboten sind Auftritte zum Beispiel in Kirchen.

Dafür darf dort wieder mit Maske gesungen werden. Die Obergrenze von 50 Besuchern an Gottesdiensten in Innenräumen bleibt bestehen. (bat)

Während den letzten fünf Monaten war das Proben nicht möglich. Wie hat sich das auf die einzelnen Mitglieder ausgewirkt?
Ich weiss von drei Erwachsenen und einer Jugendlichen, dass sie psychische Probleme bekamen, weil sie nicht zusammen mit den anderen proben konnten. Sie sagten, dass gerade das Singen ihnen als Medizin in dieser schwierigen Zeit fehlte. Ausserdem muss man nun schauen, in welchem Zustand die Stimmen sind. Die Stimmbänder sind Muskeln. Wenn man sie lange nicht trainiert, erschlaffen sie. Gerade bei älteren Stimmen hat das noch stärkere Auswirkungen.

Warum ist das Singen für manche eine Medizin?
Singen führt zur Ausschüttung von Glückshormonen. Ausserdem entstehen beim gemeinsamen Singen manchmal magische Momente, die sich nicht in Worte fassen lassen. Singen bedeutet eine gewisse Anstrengung, gibt aber auch enorm Kraft.  

Bereits seit Ende März dürfen Kinder- und Jugendchöre proben. Hatten Sie eigentlich nie Angst vor einer Ansteckung?
Überhaupt nicht. Ich habe mich exakt an die Schutzkonzepte gehalten, dank denen wir proben durften. Denen vertraue ich. Ich mache nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich kenne übrigens keinen einzigen Fall, bei dem sich jemand in einer Probe angesteckt hat, wenn das Schutzkonzept eingehalten wurde. 

«Wenn man tief Luft holt, hat man die Maske im Mund. Das ist sehr gewöhnungsbedürftig und auch anstrengend.»

Wie muss man sich eine Chorprobe in einer Corona-Pandemie vorstellen?
Zwischen den einzelnen Sängerinnen und Sängern herrscht ein Abstand von zwei Metern. Ausserdem muss neuerdings auch während dem Singen eine Maske getragen werden. Auch wird in regelmässigen Abständen gut gelüftet. Es ist ein grosser Aufwand. Ich bin mindestens eine Stunde vor der Probe schon da und bereite alles vor. 

Wie ist es, mit Maske im Gesicht zu singen?
Mühsam. Wenn man tief Luft holt, hat man die Maske im Mund. Das ist sehr gewöhnungsbedürftig und auch anstrengend. Ich habe mir deshalb extra von meinem Mann eine Art Gestell aus dem 3D-Drucker ausdrucken lassen. Das kann ich unter die Maske schieben, damit ich mehr Platz zwischen Mund und Maske habe.

Wie wirkt sich die Maske auf den Klang der Stimme aus?
Er wird dumpfer. Zusammen mit den grossen Abständen ist es für die Sängerinnen und Sänger manchmal schwierig, einander richtig zu hören.

«Ich finde das Thema Aerosole wird zu sehr aufgebauscht. Ich vertraue auf die Studien, die ich gelesen habe, sowie auf Maske und Abstand.»

Sie tragen keine FFP2-Maske?
Nein, das halte ich für unnötig. Ich habe genügend Abstand zu den Sängerinnen und Sängern. 

Was ist mit den berüchtigten Aerosolen? Es heisst, dass beim Singen besonders viele davon entstehen.
Ich finde, das wird zu sehr aufgebauscht. Wie gesagt, es sind keine Fälle an Chorproben aufgetreten, wo die Schutzkonzepte eingehalten wurden. Mit anderen Worten: Aerosole sind gefährlich – die Zahl der Ansteckungen ist bei der Risikoeinschätzung aber ebenso zu berücksichtigen. Ich vertraue auch hier auf die Studien, die ich gelesen habe, sowie auf Maske und Abstand. 

Gab es auch Mitglieder, die sich schon vor dem Verbot nicht mehr getraut haben, in die Proben zu kommen?
Ja. Und dafür hatte ich immer vollstes Verständnis. Wer eine Risikoperson ist oder eine solche in seinem Umfeld hat, der ist klar vorsichtig und muss eigenverantwortlich handeln. Manche haben mir gesagt, dass sie erst wieder zur Probe kommen, wenn sie geimpft sind. 

«Ich habe die Befürchtung, dass wir einige Chormitglieder verlieren werden.»
Zur Person

Gabriela Schöb ist Kantorin an der reformierten Kirchgemeinde Thalwil. Sie ist Kinder- und Jugendchorleiterin bei der Musikschule Thalwil / Ökumene Thalwil. Zudem unterrichtet sie kirchenmusikalische Fächer an der Zürcher Hochschule der Künste.

Wie gehen die Jugendlichen in den Chorproben mit der Pandemie um?
Sehr vernünftig. Bei denen sind, im Gegensatz zu manch renitenten Erwachsenen, die Masken kein Thema. Sie werden einfach getragen. Punkt. Aber für manche Jugendlichen ist die Situation schon herausfordernd. Seit wir wieder singen können, durften nur die unter 20-Jährigen proben. Das heisst, dass starke Mitsänger fehlten. So mussten einige mehr Verantwortung übernehmen. Das ist sicher eine Chance, aber manche waren davon eingeschüchtert.

Fanden auch Chorproben online statt?
Ja, mithilfe von Zoom. Wir haben zum Beispiel extra ein Weihnachtslied aufgenommen. Aber als eigentliche Probe würde ich den Online-Unterricht nicht bezeichnen. Es ist aufgrund der hohen Latenzen unmöglich, eine Gleichzeitigkeit hinzubekommen. Also habe ich mich vor allem auf Stimmbildung konzentriert. 

Glauben Sie, dass die Corona-Pandemie das Chorwesen verändern wird?
Ich habe die Befürchtung, dass wir einige Chormitglieder verlieren werden. Wer so lange wegblieb, der hat in der Zwischenzeit vielleicht bereits ein anderes Hobby gefunden. Ausserdem haben wir viel Probezeit verloren und konnten uns auch nicht um neuen Nachwuchs kümmern. Ich werde nun die Chöre wieder sortieren müssen und mit den Sängerinnen und Sängern den gemeinsamen Klang finden.