Verdingkinder: Kirchen müssen stärker Hand bieten

Die Landeskirchen haben dazu beigetragen, dass Kinder in Heimen und Pflegefamilien schweres Leid erfuhren. Eine Tagung des Kirchenbundes in Bern zeigte, dass gerade die Reformierten bei der Aufarbeitung des dunklen Kapitels eine noch aktivere Rolle spielen müssen.

Das Bild zeigt eine Szene aus dem Film «Der Verdingbub». Ein Junge spielt in einem Zimmer Ziehharmonika und blickt dabei traurig in den Raum.
Eine Szene aus dem Film «Der Verdingbub». (Bild: Ascote Elite Filmverleih GmbH)

Als eine Kommission Mitte des 20. Jahrhunderts in der Westschweiz ein von der Kirche geführtes Kinderheim mit Landwirtschaftsbetrieb inspiziert, muss sie ein trauriges Fazit ziehen: Während die Kuhställe blitzblank sauber seien, sehe es in den Schlafräumen der Kinder bedenklich aus. Die Zöglinge hausten in Massenschlägen und hätten zum Schlafen nur ein paar alte Decken zur Verfügung. Die Hygiene sei katastrophal; viele der Mädchen und Buben seien bleich, abgemagert und wirkten apathisch.

Das Beispiel stammt von Pierre Avvanzino, Honorarprofessor an der Ecole d’Etudes sociales et pédagogiques in Lausanne. Seit vielen Jahren untersucht er die Praxis des Verding- und Heimkinderwesens in der Schweiz, vor allem in der Romandie. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) hatte den Experten aus Lausanne und weitere Fachleute zur Tagung «Rolle der reformierten Kirchen in der damaligen Heim- und Verdingkinderpraxis» eingeladen, die am Montag in Bern stattfand. Laut Tagungsprogramm verbindet der SEK mit dem Anlass das Ziel, «der Frage nachzugehen, in welcher Art und Weise kirchliche Vertreterinnen und Vertreter in die damalige Praxis fürsorgerischer Zwangsmassnahmen involviert waren».

Unhaltbare Zustände – und nichts passiert

Im Verlauf der Tagung, die von Esther Gaillard, Mitglied des SEK-Rates, geleitet wird, zeigt sich: Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Das von Professor Avvanzino geschilderte Beispiel bringt die Komplexität der damaligen Praxis auf den Punkt. Die Behörde erkennt zwar die unhaltbaren Zustände – trotzdem passiert nichts, das Heim kann genau gleich weiterfahren wie zuvor. Denn das soziale Gefälle zwischen Opfern und Tätern ist zu gross. Wer wollte schon der Klage eines Zöglings aus einer kinderreichen, von Armut und Alkoholismus betroffenen Familie mehr Glauben schenken als der angesehenen Heimleiterin oder dem gebildeten Dorfpfarrer?

Auch die brutalen Körperstrafen und die harte Zwangsarbeit in den Heimen sind damals in den Augen vieler Seelsorger gerechtfertigt, wie neben Avvanzino auch Thomas Huonker darlegt. Huonker ist Mitglied der unabhängigen Expertenkommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgungen. In seinem Referat zeigt er, dass besonders die reformiert geprägten Anstalten bis weit ins 21. Jahrhundert die Haltung vertreten hätten: Wenn Kinder nur hart genug arbeiten, könnten sie gegenüber Gott ihre Schuld und jene ihrer Familie wiedergutmachen. Und genüge dies nicht, hülfen kräftige Schläge mit dem Rohrstock nach – am besten begleitet von ein paar markigen Bibelsprüchen.

Zwangsadoptionen

Dabei hätten die Reformierten teils noch kräftiger zugelangt als die Katholiken, wie Historiker Huonker sagt: «War der katholischen Lehre die Fürsorge für Arme ein gutes Werk, das den Spender vor Gott erhöhte, so war das in der reformierten Theologie anders, denn dort wurden Glaube und die Gnade gegen die guten Werke ausgespielt.» Hätten katholische Kreise die Armut mildern wollen, sei es bei den Reformierten darum gegangen, sie «als verworfene Form einer verfehlten, von Gottes Ungnade zeugenden Lebensweise gänzlich auszurotten».

Während einzelne Heim- und Pflegekinder ein gutes Plätzchen finden, erleben andere die Hölle auf Erden. Viele Betroffene, von denen einige auch an der SEK-Tagung anwesend waren, berichten von Schlägen, harter Arbeit, sexuellen Übergriffen, Hunger und mangelnder Zuwendung. In manchen Fällen greifen die Behörden zu noch drastischeren Mitteln wie Zwangsadoption, -sterilisation und -kastration, obwohl es dafür keine rechtlichen Grundlagen gibt. Diese harte Züchtigung passiert sowohl bei den Pflegefamilien, die oft Bauern sind und die Verdingkinder als billige Knechte benutzen; wie auch in den Heimen und Anstalten, die vielfach von kirchlichen Stellen oder christlichen Vereinen geführt werden.

200 bis 300 reformiert geprägte Institutionen

Doch diese Praxis ist in keiner Weise einheitlich, es gibt starke regionale und individuelle Unterschiede. Auch das schiere Ausmass der Platzierungen erschwert die Aufarbeitung: «Allein fürs 20. Jahrhundert müssen wir davon ausgehen, dass mehrere 100’000 Kinder und Jugendliche fremdplatziert worden sind», schätzt Loretta Seglias, eine weitere Referentin an der Tagung. Die Historikerin ist wie Huonker Mitglied der Expertenkommission. Für sie ist klar, dass die evangelische Landeskirche (wie auch die katholische) ein wichtiger Akteur in der Zwangsversorgung von Kindern ist. Allein für die Deutschschweiz rechnet Seglias mit rund 200 bis 300 reformiert geprägten Institutionen, die Kinder aufgenommen hätten.

Die an der Tagung anwesenden Facheute gelangen zum Schluss, dass gerade die reformierte Kirche vermehrt Hand bieten muss zur Aufarbeitung der Geschichte. Während die katholische Kirche bereits Studien in Auftrag gegeben und publiziert habe, gäbe es auf Seiten der Reformierten Nachholbedarf. Positiv sei, dass die Landeskirchen gemeinsam einen grösseren Geldbetrag für Soforthilfe gesprochen hätten. Doch daneben müssten die reformierten Kirchen, Heime und Vereinigungen vermehrt ihre Archive öffnen, sagt Florian Fischer, Synodalrat der Reformierten Kirche Kanton Luzern und ein weiterer Referent an der SEK-Tagung. Fischer ist von Beruf Archivar und weiss, worum es geht: Viele Archive enthielten wertvolle Dokumente, seien aber oft wenig professionell geführt. Nicht selten würden Akten weggeworfen, oft aus Unkenntnis der wichtigen Bedeutung dieser historischen Quellen.

Bisherige Bilanz

An der Tagung sprach auch Luzius Mader, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Justiz und Delegierter für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Er zog Bilanz über die bisherige politische Aufarbeitung der damaligen Ereignisse. Im Frühling 2013 habe ein nationaler Gedenkanlass stattgefunden, inzwischen habe der Bundesrat, gestützt auf die Empfehlungen des «Runden Tisches», einen Gesetzesentwurf erarbeitet. Vorgesehen sei eine Summe von 300 Millionen Franken für die Opfer; dies als rasch realisierbarer Gegenvorschlag zur hängigen Volksinitiative, die 500 Millionen Franken vorsieht. Die Einschätzungen von Mader deckten sich mit dem Referat von Manuel Tornare, ehemaliger Bürgermeister von Genf, der als Schlussreferent auftrat und seine Sicht als SP-Nationalrat darlegte.

 

Weitere Informationen:

Webseite Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK):
http://www.kirchenbund.ch/de/verdingkinder

 

Webseite der Vereinigung Rehabilitierung der administrativ Versorgten (Ravia):
http://www.administrativ-versorgte.ch/index.html

 

Webseite des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD):
http://www.ejpd.admin.ch/ejpd/de/home/aktuell/news/2015/ref_2015-07-09.html

 

Webseite des Delegierten für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen:
http://www.fuersorgerischezwangsmassnahmen.ch/index.html