Die Reformierten und die Verdingkinder: Geld alleine reicht nicht

Der Bundesrat will die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen mit bis zu 300 Millionen Franken entschädigen. Finanzieren sollen dies grösstenteils der Bund und die Kantone - aber auch die Kirchen. Eine hohe finanzielle Beteiligung sei illusorisch, sagt nun der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK). Die Reformierten Kirchen waren hauptsächlich im Verdingkind-Wesen involviert.

Geht es nach Simon Hofstetter vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, wird das Thema der Verdingkinder die Reformierten Kirchen auch in den kommenden Jahren beschäftigen. Im Bild: Szene aus «Der Verdingbub» (CH 2011) (Bild: Screenshot Youtube.com)

Der Bund will zwei Drittel der Kosten übernehmen, den Rest sollen die Kantone und weitere Akteure im Bereich der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen vor 1981 freiwillig übernehmen. Gemeint sind unter anderem auch die Kirchen. Luzius Mader, Delegierter für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen beim Bund und stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Justiz, sieht den Löwenanteil klar bei Bund und Kantonen: «Letztlich trug damals der Staat die Hauptverantwortung bei den Fremdplatzierungen von Kindern.» Trotzdem sei die Rolle der Kirchen im System der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen eine sehr ambivalente Angelegenheit, sagt Mader. So habe der Staat die Aufgabe von Fremdplatzierungen oder gleich die Betreuung von Kindern an die kirchlichen Institutionen oder Pfarrpersonen abgetreten. Diese hätten die Aufgabe wohl auch aus ethisch-christlicher Überzeugung angenommen, was wiederum die Behörden freute, denn: «Die Kirchen erbrachten die Leistungen günstig.» Das Resultat dieser unheilvollen Zusammenarbeit ist heute bekannt: Kindsmissbräuche in allen erdenklichen Dimensionen, ausgeführt von Kirchenpersonal aller Hierarchiestufen. Mader folgert aus dieser Dynamik, dass keine Zahlungsverpflichtung an die Kirchen abgeleitet werden kann. Dennoch sagt er, dass eine gewisse Erwartungshaltung bestehe, dass auch die Kirchen sich finanziell beteiligen.

Das grosse Geld für die grosse Geste fehlt

Für Simon Hofstetter, Vertreter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) am Runden Tisch für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ist es «illusorisch», dass die Reformierten Kirchen sich in einem vergleichbaren Ausmass wie Bund oder Kantone an den Kosten des Solidaritätsbeitrages beteiligen werden. Dafür seien die finanziellen Mittel gar nicht vorhanden. Klar sei aber, dass die reformierten Kirchen und ihre Exponenten Teil des damaligen Systems fürsorgerischer Zwangsmassnahmen waren, insbesondere im Verding- und im Heimkinderwesen.

Dies sei auch der Grund, weshalb die Oster-Kollekte aller reformierten Kirchen an einen Soforthilfefonds ging. Aus diesem erhalten Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen – oftmals Menschen im fortgeschrittenen Alter und gesundheitlich angeschlagen – Direkthilfe für eine Anschaffung oder einen besonderen Wunsch. Durchschnittlich beträgt der ausbezahlte Betrag rund 8000 Franken pro Person.

Reformierte müssen Sprachfähigkeit bei diesem Thema erst gewinnen

Nebst finanziellen Entschädigungen pocht Hofstetter aber auch auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Rolle der Reformierten Kirchen in der damaligen Zeit. «Wir wissen zwar von Verfehlungen und Missbräuchen von Einzelpersonen wie beispielweise einem Pfarrer oder einer Diakonissin.

Wir wissen aber wenig bis nichts über das Ausmass und wie stark auch hohe kirchliche Entscheidungsträger involviert waren oder davon wussten.» Hofstetter ist überzeugt, dass nur durch diese aufwändige, kostenintensive und jahrelange wissenschaftliche Recherchearbeit die Kirche überhaupt die vollständige Sprachfähigkeit bei diesem Thema erlangt.

Entschädigungen seien zwar wichtig, aber Wiedergutmachtung und Versöhnung könne nur geschehen, wenn die Kirche als Teil der Gesellschaft auch wirklich verstehe, welches Unrecht an Kindern damals begangen wurde, sagt Hofstetter. «Letztlich lässt sich das Leid der Menschen und all die verpassten Chancen nie finanziell aufrechnen.»

 

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Oliver Demont / ref.ch