«Die Geschichte der Juden im Surbtal ist einzigartig»

In den Aargauer Gemeinden Endingen und Lengnau lebten Juden und Christen ab Ende des 18. Jahrhunderts friedlich zusammen – zum Teil gar unter dem gleichen Dach. Diese aussergewöhnliche Geschichte soll nun in einem Begegnungszentrum erzählt werden. Ein wichtiger Beitrag zu mehr Toleranz, sagt Lukas Keller, Präsident des Vereins Doppeltür.

Zwei Eingänge zu zwei Wohnungen für ein Haus. So durften Juden und Christen im Surbtal zusammenleben. (Bild: zVg)

Herr Keller, weshalb ist ausgerechnet das Aargauer Surbtal so wichtig für die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Schweiz?
Das geht auf einen Tagsatzungsentscheid der Grafschaft Baden aus dem Jahr 1766 zurück. Damals wurde in einem Beschluss festgehalten, dass jüdische Personen nur in den beiden Gemeinden Endingen und Lengnau wohnen durften.

Weshalb kamen ausgerechnet die beiden kleinen Gemeinden im Aargau infrage und nicht etwa Zürich oder Genf?
Einerseits wohnten damals schon jüdische Menschen im Surbtal. Und anderseits ist dessen Lage von Bedeutung. Juden durften kein Handwerk ausüben, kein Land kaufen, keine Häuser bauen oder als Bauern tätig sein. Sie durften ihren Lebensunterhalt hauptsächlich als Viehhändler und mit Geldgeschäften bestreiten. Endingen und Lengnau liegen zwischen Baden und Bad Zurzach, also zwischen zwei damaligen Zentren. Bad Zurzach war ein wichtiger und bedeutender Handels- und Messeort in Europa. Hier hatten die Juden ein Auskommen und es fielen für die Obrigkeit wichtige Steuern und Abgaben an.

Wie muss man sich das Leben damals in diesen Gemeinden vorstellen?
Speziell ist, dass es keine Gettoisierung für die jüdischen Familien gab. Sie lebten zusammen mit der christlichen Gemeinde im Dorf, nicht abgeschottet, nicht aussen vor. Neben eigenen Organisationen teilte man sich viele Infrastrukturen wie zum Beispiel die Wasserversorgung, die Feuerwehr oder auch Vereine.

Der Verein Doppeltür

Der Verein Doppeltür wurde 2016 gegründet. Er will die Geschichte des jüdisch-christlichen Zusammenlebens im Surbtal einem breiten Publikum zugänglich machen sowie zum Nachdenken über gesellschaftliche Fragen der Gegenwart und Zukunft anregen. Herzstück ist dabei das geplante Begegnungszentrum in Lengnau, das in einem dreistöckigen Doppeltür-Haus untergebracht werden soll. Das Vermittlungsprojekt entsteht mit Unterstützung des Kantons Aargau sowie einer breiten Öffentlichkeit. Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf 11,2 Millionen Franken. Im zweiten Halbjahr 2023 soll das Zentrum eröffnet werden. (bat)

Gab es auch Orte und Lebensbereiche nur für jüdische respektive christliche Menschen?
Ja, es gab getrennte Schul- und Gotteshäuser, und auch das Steuerwesen war getrennt. Die Juden hatten zudem ihre eigenen Schlachthäuser und weiteres mehr. An Feiertagen wurden die unterschiedlichen Rituale ersichtlich. Trotzdem: Man hat sich recht gut nebeneinander arrangiert. Um 1850 lebten in Lengnau rund 500 Juden und knapp 800 Christen, in Endingen je knapp 1000 Menschen beider Religionen.

Leben heute noch viele Jüdinnen und Juden in den Gemeinden?
Nein. Einige wenige Familien sind in Endingen und Lengnau noch ansässig. Die diskriminierenden Bestimmungen der Niederlassungsfreiheit für Juden wurden 1866 bei der Teilrevision der Bundesverfassung aufgehoben. Erst mit diesem Schritt wurde der moderne Bundesstaat in der Schweiz Wirklichkeit. Die Juden nutzten die neue Freiheit, ausserhalb des Surbtals ihr Glück zu finden.

Doch noch immer sind Symbole aus der damaligen Zeit in den beiden Gemeinden zu finden. Unter anderem die sogenannten Doppeltüren in manchen Häusern, nach denen Ihr Verein benannt ist. Können Sie erklären, welche Funktion diese Türen hatten?
Es gab und gibt noch heute in den beiden Gemeinden Häuser, die zwei Türeingänge zu zwei Wohnungen haben. Die typischen Doppeltürhäuser. In dieser Form und Dichte sind sie praktisch nur in Endingen und Lengnau zu finden. Der Tagsatzungsbeschluss von 1766 hielt fest, dass die jüdischen und christlichen Menschen «nicht unter einem Dach leben» durften. Deshalb, so die historisch allerdings nicht gesicherte Überlieferung, statteten die Bewohner ihre Wohnhäuser mit zwei identischen, nebeneinander liegenden Eingängen aus – einem für die Juden und einem für die Christen. Mit zwei Eingängen, so die Deutung, lebte man nicht unter einem Dach.

Lukas Keller, Präsident des Vereins Doppeltür. (Bild: zVg)

Sind diese Doppeltürhäuser einzigartig?
Ja, sogar für ganz Europa. Die Doppeltüren sind inzwischen zu einer Metapher für das erfolgreiche Miteinander von Juden und Christen im Surbtal geworden, die weit über die Grenzen unseres Landes hinaus Menschen fasziniert.

Wie Juden und Christen zusammenlebten, wollen Sie in einem Begegnungszentrum zeigen, das unter dem Dach eines solchen Doppeltür-Hauses geplant ist. Was wird die Besucherinnen dort erwarten?
Schon jetzt gibt es in Endingen und Lengnau einen jüdischen Kulturweg mit verschiedenen Stationen, der sich diesem Thema widmet. Im Zentrum Doppeltür möchten wir die Vergangenheit mit der Aktualität verbinden. Das damalige Zusammenleben als Ausgangspunkt zu Anregungen und zur Auseinandersetzung mit Themen wie Respekt und Toleranz. Der Umgang mit Andersdenkenden und mit anderen Religionen steht dabei im Fokus. Diese Themen werden nicht trocken und museal vermittelt, sondern interaktiv und mit persönlichen Erlebnissen. Jährlich sollen, so das Ziel, möglichst viele Jugendliche, Schulen und Familien hier auf Entdeckungsreise gehen.

Warum halten Sie es für wichtig, auf diese friedliche Co-Existenz aufmerksam zu machen?
Dieses Thema ist aktueller denn je. Die Zeitungen sind voll von Konflikten. Das damalige Surbtal mit den Ortschaften Endingen und Lengnau, mit seiner jüdischen und christlichen Bevölkerung, sind Beispiele für ein respektvolles und tolerantes Zusammenleben. Diese Botschaft der Toleranz möchten wir an die heutige Gesellschaft vermitteln.