Holocaust

«Die Erinnerung vermag aufzuzeigen, wohin Hass führen kann»

Mit ihrer Stiftung unterstützt Anita Winter Holocaust-Überlebende und sorgt dafür, dass die Gräueltaten nicht vergessen werden. Dafür wurde sie nun mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Was das für sie bedeutet, erzählt sie im Interview.

Anita Winter (Mitte) bei der Übergabe des Bundesverdienstkreuzes in der deutschen Botschaft in Bern. Zusammen mit ihrem Mann Herbert Winter (links), ihrer Tochter Alisa Winter sowie dem deutschen Botschafter Michael Flügger (hinten) und Fried Nielsen, Gesandter der Botschaft in Bern. (Bild: Deutsche Botschaft Bern).

Frau Winter, Sie wurden am 17. Februar mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Die Freude, die ich empfinde, vermag ich kaum in Worte zu fassen. Ich bin überwältigt und dankbar. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, dass der Holocaust nie in Vergessenheit gerät. Als Schweizer und gleichzeitig deutsche Staatsbürgerin ehrt mich dieses Bundesverdienstkreuz, weil es viel über das Deutschland von heute aussagt. Es ist ein Deutschland, das sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt. 

Ihr Grossvater, der den Holocaust überlebte, durfte im Jahr 1985 bereits die gleiche Auszeichnung entgegennehmen. 
Wenn ich daran denke, bin ich zu Tränen gerührt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als Jugendliche im Saal sass, als mein Grossvater das Bundesverdienstkreuz entgegennahm. Und zwar aus den Händen von Manfred Rommel, dem damaligen Oberbürgermeister von Stuttgart und Sohn des Nazi-Generals Erwin Rommel. Ich war sehr stolz auf meinen Grossvater. Er hat sich für die Verständigung und Versöhnung zwischen Christen und Juden in Deutschland eingesetzt. Ich hätte nie gedacht, dass ich selbst mal die gleiche Auszeichnung bekomme. 

Die Schweiz und der Holocaust

Welche Rolle die Schweiz im Holocaust einnahm, thematisiert die Ausstellung «Last Swiss Holocaust Survivors», die von der Gamaraal Foundation und dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich initiiert wurde. Darin sind Porträts und Erzählungen von Holocaust-Überlebenden zu sehen, welche die Geschichte des Holocaust individualisieren und für künftige Generationen konservieren.

Die Porträtierten stammen aus unterschiedlichen Ländern Europas und leben heute in der Deutsch- und Westschweiz wie auch im Kanton Tessin. Sie stehen stellvertretend für all jene Menschen, die den Holocaust überlebt und in der Schweiz eine neue Heimat gefunden haben. (bat)

Auch Ihre Mutter hat den Holocaust überlebt. Sie fand Zuflucht in einem Kloster.
Meine Mutter war auf einem der ersten Deportationszüge, konnte entkommen und war dann ständig auf der Flucht oder im Versteck. Unter einem falschen Namen, ihr Name lautet eigentlich Margit Fern, ihre falsche Identität Marguerite Fontaine, fand sie Zuflucht in einem christlichen Kloster. Damit sie nicht auffiel, musste sie schnell alle Gebete auswendig lernen. Zu ihren Lieblingsarbeiten dort zählte das Polieren des Kirchenbodens mit dem Wachs einer Kerze. Denn dabei war sie im Trockenen und in der Wärme. Dass die Kirche ein Zufluchtsort für sie wurde, dafür danke ich von Herzen.

Sie haben 2014 die Gamaraal Foundation gegründet, die Holocaust-Überlebende unterstützt und sich gegen das Vergessen einsetzt. Aus welcher Motivation haben Sie die Stiftung ins Leben gerufen?
Die Erinnerung vermag aufzuzeigen, wohin Hass, Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus letztlich führen können. Das kann man am besten, wenn Zeitzeugen ihre Erinnerungen teilen. Ich habe immer allergrössten Respekt, wenn Holocaustüberlebende die Kraft aufbringen, uns von ihren Erfahrungen und Erinnerungen zu erzählen, die teilweise kaum in Worte gefasst werden können. Dafür kann man gar nicht genug dankbar sein. 

Auch in der Corona-Zeit unterstützen Sie die Überlebenden. Dafür haben Sie extra eine Hotline eingerichtet. Was bekommen Sie für Anrufe?
Manche Holocaust-Überlebenden sind sehr einsam. Sie rufen uns an, damit wir zum Beispiel Einkäufe für sie erledigen können. Die meisten haben ja keinen Computer und sind nur per Telefon oder Brief erreichbar. Beeindruckt hat uns immer wieder die Resilienz, die sie zeigen. Kein Wunder, schliesslich haben sie schon sehr viel schwierigere Zeiten erlebt. 

Anita Winter hält einen Judenstern in den Händen, den jemand aus ihrer Familie mütterlicherseits tragen musste. (Bild: zVg)

Jüngst haben antisemitische Vorfälle zugenommen. Ist die Zeit für Juden gefährlicher geworden?
Ich bin sehr besorgt. Es ist unsere Verantwortung, Demokratie und Rechtsstaat mit allen Mitteln zu verteidigen.

Bei Protesten gegen die Corona-Massnahmen sah man einige, die den Judenstern trugen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Bilder sehen?
Ich bewahre einen solchen Judenstern meiner Familie mütterlicherseits zu Hause auf. Wenn ich den anschaue, dann beschäftigt es mich sehr, wie manche mit diesem Symbol umgehen. Es ist eine unerträgliche Verharmlosung dessen, was die Juden damals mitgemacht haben.

Zur Person: Anita Winter gründete 2014 die Gamaraal Foundation. Diese unterstützt bedürftige Holocaust-Überlebende in der Schweiz. Winter ist Tochter von jüdischen Flüchtlingen vor dem Holocaust und Mutter von vier erwachsenen Kindern.