Online-Hetze

Corona-Krise fördert antisemitische Verschwörungs­­theorien

Antisemitische Übergriffe sind in der Schweiz nicht häufig. Die Covid-19-Pandemie lässt aber antisemitische Verschwörungstheorien im Internet ins Kraut schiessen. Besonders Corona-skeptische Kreise verbreiten sie.

2020 wurden 485 Fälle von antisemitischen Äusserungen im Internet gemeldet. Das schreiben der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) in ihrem am 23. Februar veröffentlichten Antisemitismusbericht 2020.

Das sind exakt gleich viele Onlinefälle wie im Vorjahr. Allerdings ist im Internet wegen des riesigen Umfangs eine vollständige Datenerhebung nicht möglich. Zudem geben die beiden Organisationen an, dass es eine Dunkelziffer geben kann, da die Erhebung auf freiwilligen Meldungen basiert.

Telegram als Spitzenreiter

Im Internet konnte aber eine signifikante Verschiebung in den Kanälen und bei der Herkunft beobachtet werden. So war das Coronavirus ein regelrechter Antisemitismus-Auslöser. Die antisemitischen Verschwörungstheorien nahmen weiter zu und hatten in knapp der Hälfte der Fälle einen Zusammenhang mit der Pandemie. Bei den Kanälen verlagerten sich die Äusserungen gegen Jüdinnen und Juden in den Messengerdienst Telegram. Allein 143 Vorfälle entfielen auf sieben Gruppenchats auf Telegram – knapp ein Drittel der Onlinefälle.

Gepostet wurden Verschwörungstheorien, Aussagen und Bilder antisemitischen Inhalts. Allerdings liess sich aufgrund vieler ablehnender Reaktionen kein mehrheitsfähiges antisemitischen Gedankengut bei den Corona-Rebellen erkennen. Verglichen mit anderen Ländern schienen die verbreiteten Verschwörungstheorien weniger antisemitische Ansätze zu haben.

Impfgegner mit Judenstern

Dennoch zeigen die Äusserungen mit Pandemiebezug gemäss SIG und GRA, welch grosse Anziehungskraft das Milieu der Corona-Skeptischen für Antisemiten hat. Prävention und Strafverfolgung müssten hier verbessert werden. Und die Plattformen müssten sich ihrer Verantwortung stellen, verlangen die Organisationen.

Als hochproblematisch schätzen SIG und GRA die Vereinnahmung der Schoah durch die Corona-Skeptiker-Szene ein. So zeigte diese an Demonstrationen und im Internet mehrfach gelbe Judensterne mit der Aufschrift «ungeimpft» oder «Maskenattest».

Aufruf gegen Instrumentalisierung der Schoah

Das ist gemäss der internationalen Antisemitismus-Definition zwar nicht als antisemitisch einzustufen. Es führe aber in der Menge, Häufigkeit und Verbreitung zu einer Abschwächung der Wahrnehmung des Völkermords und der Verfolgung der Juden durch die deutschen Nationalsozialisten.

Der SIG und die GRA rufen dazu auf, die Instrumentalisierung der Schoah als alltägliches Mittel der Debatte zu unterlassen und ihr vehement zu widersprechen.

Beschimpfungen und Schmierereien

Ausserhalb des Internets wurden in der Deutschschweiz 47 antisemitische Vorfälle gemeldet. Darunter waren elf Beschimpfungen, 15 Schmierereien und eine Sachbeschädigung. Die Vorfälle blieben damit wie im Vorjahr auf tiefem Niveau ausser einer Zunahme bei den Schmierereien. Tätlichkeiten gab es nicht.

Die Situation in der Westschweiz wird in einem eigenen Bericht erhoben. Demnach liess sich dort eine Abnahme von körperlichen und verbalen Übergriffen und kein Vandalismus an Synagogen feststellen. Im Onlinebereich wurde hingegen eine deutliche Zunahme von Vorfällen erfasst. Dabei nahmen die Verschwörungstheorien ebenfalls zu. In beiden Landesteilen ging die Leugnung des Holocaust zurück. (sda/mos)