Äthiopien
Die Angst vor einem neuen Krieg in Tigray
Die Angst vor einem neuen Krieg in Tigray ist gross. Seit Monaten schwelt in der nordäthiopischen Region eine politische Krise. Nun ist sie eskaliert: Teile der paramilitärischen Verteidigungskräfte von Tigray (TDF) haben mehrere grössere Städte in der Region eingenommen, die bisher unter Kontrolle der Übergangsregierung standen.
Auch den wichtigsten Radiosender in der Regionalhauptstadt Mekelle haben sie laut lokalen Medien unter ihre Kontrolle gebracht. Unter den Bewohnern Tigrays, wo die Infrastruktur nach einem verheerenden Krieg zwischen 2020 und 2022 zu grossen Teilen noch zerstört ist, schlägt die Kriegsangst laut einem Bericht des Magazins «The Africa Report» mit Sitz in Paris in blanke Panik um.
In dem Konflikt stehen sich die zwei Fraktionen der zerstrittenen – derzeit offiziell nicht als Partei anerkannten – Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) sowie der ebenfalls gespaltenen paramilitärischen Verteidigungskräfte von Tigray (TDF) gegenüber. Aber auch die äthiopische Regierung unter Ministerpräsident Abiy Ahmed sowie der Nachbarstaat Eritrea mischen mit.
Fehlende Unterstützung für Friedensabkommen
Hintergrund für die aktuelle Krise sind die Folgen des verheerenden Bürgerkriegs in Tigray, durch den zwischen 2020 und 2022 nach Schätzungen bis zu 600'000 Menschen starben. Damals kämpften TPLF und TDF gegen die äthiopische Armee, die unter anderem von Truppen aus Eritrea unterstützt wurde. Der Krieg wurde zwar im November 2022 im südafrikanischen Pretoria durch ein Abkommen beendet, dessen schleppende Umsetzung ist aber zugleich ein entscheidender Grund für die jüngste Eskalation.
Weiter ungeklärt ist etwa der Status von fruchtbaren und landwirtschaftlich wertvollen Gebieten im Westen Tigrays, die während des Krieges von regionalen Truppen des benachbarten Bundesstaates Amhara erobert wurden. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) leben mehr als zwei Jahre nach Kriegsende immer noch rund eine Million Vertriebene unter ärmlichen Verhältnissen und in Ungewissheit über ihre Zukunft.
Auch bei der Demobilisierung und Wiedereingliederung von Kämpfern der TPLF in die Gesellschaft, was auch einen wirtschaftlichen Neuanfang ermöglichen soll, gibt es kaum Fortschritte. Ein grosses Problem ist zudem, dass wichtige Akteure bei den Verhandlungen in Pretoria gefehlt haben. Eritreas Präsident Isaias Afewerki etwa soll damals mit dem Ende des Krieges nicht einverstanden gewesen sein: Er hätte die TPLF gerne ein für alle Mal vernichtet.
Konfrontation zwischen Äthiopien und Eritrea
Konkret stehen sich in Tigray die Parteiführung der TPLF und die von der Zentralregierung eingesetzte regionale Übergangsverwaltung TIRA gegenüber. Die TPFL-Fraktion wirft der Übergangsverwaltung vor, eine Marionette der Zentralregierung zu sein. Das Lager rund um die TPFL will eine Abspaltung von Äthiopien, zur Not mit Gewalt.
Bitter für die Bevölkerung ist, dass sich offenbar beide Seiten an Akteure von aussen gewandt haben. Die TIRA-Führungsriege etwa brachte eine mögliche Intervention der Zentralregierung in Addis Abeba ins Gespräch. Die TPFL soll sich an Eritrea gewandt haben.
Das Nachbarland soll nach Berichten lokaler Medien im Februar die Generalmobilmachung ausgerufen haben. In einer Analyse der US-amerikanischen Zeitschrift «Foreign Policy» warnen einige Fachleute nun sogar davor, dass Tigray der Ausgangspunkt für eine viel grössere Konfrontation zwischen Äthiopien und Eritrea werden könnte, die die gesamte Region erschüttern würde. (epd/ pef)