Utopische Freikirche
Die Designschätze der tanzenden Glaubens-Kommune
Sie waren die Avantgarde des minimalistischen Lebensstils und nahmen mit ihren Möbeln, Werkzeugen und ihrer Architektur bereits im 18. Jahrhundert viel von der klaren Formensprache der Moderne vorweg.
Die Rede ist von den Shakern, einer kleinen Freikirche mit Wurzeln im Quäkertum, beeinflusst vom Calvinismus und der Aufklärung, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten zuhause war. Heute soll es noch einige wenige Vertreterinnen geben. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein (De) zeigt derzeit charakteristische Objekte der Shaker in einer Ausstellung.
Während ihrer Blütezeit waren die Shaker regelmässig das Ziel von Spott. Das beginnt bereits bei ihrem Namen. Eigentlich nannte sich die Glaubensgemeinschaft «United Society of Believers in Christ’s Second Appearing», doch haften blieb die Bezeichnung «Shaker».
Sie ist entstanden aus dem Zusammenzug von «Shaking Quakers», die sich schüttelnden Quäker. Damit spotteten die Leute über den Tanz, der einen festen Bestandteil des Gottesdiensts der Glaubensgemeinschaft darstellte. Der rituelle Schütteltanz war für sie eine Form der Verehrung Gottes.
Lustig machte sich auch der britische Schriftsteller Charles Dickens, als er auf einer Amerikareise 1842 bei den Shakern einkehrte. An britische Üppigkeit gewöhnt, fand er den Aufenthalt in den kargen Räumen der Glaubensgemeinschaft schrecklich. Sarkastisch notierte er: «Wir gingen in einen düsteren Raum, in dem mehrere düstere Hüte an düsteren Stangen hingen und eine düstere Uhr die Zeit anzeigte.»
Dabei zeichnen sich die Shaker-Häuser durch helle Innenräume aus. Das erkannte ein anderer britischer Reisender, der Historiker und Mitorganisator der Weltausstellung von 1851 in London, William Hepworth Dixon.
Er hob hervor, wie aufgeräumt und hell seine Unterkunft war: «Ein Bett steht in der Ecke, mit Laken und Kissen von makellosem Weiss. Ein Tisch, auf dem eine englische Bibel, ein Tintenfass und ein Papiermesser liegen, vier in Winkeln angeordnete Rohrstühle, ein Stück Teppich neben dem Bett und ein Spucknapf in einer Ecke vervollständigen die Einrichtung. Ein Schrank an einer Seite des Zimmers enthält ein zweites Bett, einen Waschtisch, einen Wasserkrug und Handtücher; die ganze Wohnung ist hell und luftig.»
Gegründet hatte die Shaker-Gemeinschaft die Weberin Ann Lee in England. Mit einer kleinen Gruppe von Anhängern wanderte sie 1774 in die USA aus. Die Prioritäten der Gemeinschaft waren klar: Arbeitsfleiss, Ordnung halten und die Gemeinschaft pflegen. In der Gemeindeleitung waren Frauen und Männer gleichgestellt. Auf ihrem Höhepunkt zählten die Shaker 20 Gemeinden und rund 6000 Mitglieder – und das war keine Selbstverständlichkeit.
Denn die Shaker lebten asketisch und zölibatär zusammen, nicht als Familien, und ohne privates Eigentum. Sie hatten keinen Nachwuchs, nahmen aber Pflege- und Waisenkinder auf, von denen viele auch als Erwachsene in der Gemeinschaft blieben.
«Man schloss sich den Shakern nicht aus einer spontanen Laune heraus an», sagte Jerry Grant, Forschungsleiter des Shaker Museums im Bundesstaat New York, kürzlich in einem Interview. Vielmehr habe man sich ihren Überzeugungen mit ganzer Seele verschrieben.
In den Häusern der Gemeinden lebten üblicherweise bis zu fünfzig Personen unter einem Dach. Grund genug, um schlichte und praktische Einrichtungsgegenstände herzustellen – und die Räume sparsam zu möblieren. Die Shaker bauten wenn immer möglich Einbauschränke ein, als Arbeitsflächen befestigten sie Klapptische an der Wand.
Im Esszimmer stand jeweils ein langer schmaler Tisch für 50 Personen, darüber hingen Gewürzstreuer sowie Essigfläschchen von der Decke, um Platz auf dem Tisch zu sparen. Die Stühle hatten niedrige Lehnen, damit sie nach der Mahlzeit vollständig unter den Tisch geschoben werden konnten.
In einem Artikel der «New York Times» von 1975 heisst es, eine Mischung aus Sinn für Praktisches und spirituellem Idealismus habe die Shaker zu Design-Genies gemacht. Die Shaker hätten ihre Häuser als Orte verstanden, die dem Himmel am nächsten kommen sollten. Sie hätten sie nach ihrer Vorstellung eines himmlischen Ideals gestaltet: Geräumig, sauber, aufgeräumt, rechte Winkel überall und lichtdurchflutet.
Die Haupteinnahmequelle der Gemeinschaft war der Verkauf von Möbeln und Werkzeugen aus eigener Produktion. Ihre Bestseller waren ovale Spanschachteln, die in den USA als «Shaker Boxes» bekannt wurden.
«Die zeitlosen und funktionalen Objekte, Bauten und Interieurs der Shaker haben bis heute Kultstatus», schreibt das Vitra Design Museum anlässlich der Ausstellung über das Schaffen der Freikirche.
«Für die Shaker selbst waren sie jedoch Ausdruck religiöser Werte rund um Gemeinschaft, Arbeit und soziale Gleichheit.» Sie hätten mit ihrer reduzierten und zeitlosen Formensprache eine Ästhetik geprägt, die als «Shaker-Stil» bezeichnet werde.
Die Ausstellung «Die Shaker. Weltenbauer und Gestalter» im Vitra Design Museum in Weil am Rhein dauert noch bis zum 28. September 2025.