Evangelische Volkspartei Schweiz wird 100-jährig

Die EVP war 1919 inmitten politischer Polarisierung gegründet worden. Hundert Jahre später ist sie überzeugt, dass der Gründungsgedanke als verbindende Kraft weiterhin genauso nötig ist. Im diesjährigen Wahlkampf zielt sie auf einen dritten Nationalratssitz.


Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber, eine gespaltene Gesellschaft und soziale Unruhen: Was vor 100 Jahren die Gesellschaft herausforderte, ist auch heute teilweise noch aktuell. Die Evangelische Volkspartei (EVP), welche just zu jener Zeit gegründet worden war, «um auf Basis christlicher Werte mitzuhelfen, die schwere Polarisierung in Politik und Gesellschaft zu überwinden», sieht auch heute in den politischen Polen eine Blockade für «wichtige Reformprojekte».

Die Werte ihrer Partei brauche es daher heute «dringender denn je», sagte Parteipräsidentin Marianne Streiff-Feller am 19. Februar an einer Medienkonferenz zum Auftakt des Jubiläums- und Wahljahres. Breite Bevölkerungskreise würden sich wieder nach Werten sehnen. Damals wie heute versteht sich die EVP als Brückenbauerin – Glaubwürdigkeit, Wertschätzung, Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit seien die Werte der EVP.

Einen dritten Sitz gewinnen

Die Partei hat derzeit im Nationalrat zwei Sitze, welche von der Parteipräsidentin (Kanton Bern) und von Niklaus-Samuel Gugger (Kanton Zürich) besetzt sind. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, in mindestens einem weiteren Kanton einen Sitz dazuzugewinnen.

Zudem will sie einen Wähleranteil von mehr als zwei Prozent erreichen. Seit den 1970er-Jahren lag dieser gemäss dem historischen Lexikon der Schweiz gesamtschweizerisch bei durchschnittlich zwei Prozent – mit einem Ausreisser im Jahr 2004, als er bei 2,4 Prozent lag.

Gemäss eigenen Aussagen tritt die EVP die Wahlen im Herbst mit Kandidierenden aus voraussichtlich 16 Kantonen an. Auch die Junge EVP wird bei den Wahlen antreten und will in mindestens vier Kantonen eigene Wahllisten einreichen. In diesem Jahr beteiligt sich die EVP erstmals an den Grossratswahlen im Kanton Tessin.

Vielfalt der Religionen als Herausforderung

Für das Wahljahr hat sich die Partei den Kampf gegen Menschenhandel, eine ethische Marktwirtschaft, Religionsfrieden und eine nachhaltige Generationenpolitik auf die Fahne geschrieben.

Auch ihrem Kernthema, der Religion, bleibt die EVP weiterhin treu. Das Ausüben von Religionsfreiheit bedinge Respekt. Dieser dürfe nicht dazu missbraucht werden, «kulturell-identitäre Ghettos» in der Gesellschaft zu fördern. Dieser Ansicht ist etwa Vizepräsident François Bachmann, der für den Kanton Waadt in den Nationalrat will.

In der Vielfalt der Religionen und Kulturen sieht die Partei eine Herausforderung. Auf diese will sie mit einer Charta der Religionen reagieren, welche dieses Jahr veröffentlicht wird. Diese basiere «auf dem Respekt vor dem anderen, auf Menschenwürde, der Transparenz der Strukturen und der Gewissensfreiheit».

Anlässlich der 100. ordentlichen Delegiertenversammlung führt die EVP am 9. März die Jubiläumsfeier auf dem Gurten in Bern durch. Als Gäste werden unter anderen Bundesrat Ignazio Cassis, Kirchenratspräsident Gottfried Locher, Erwin Tanner, der Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz, sowie der CVP-Fraktionspräsident und Tessiner Ständerat Filippo Lombardi erwartet. (sda/bat)