Filmreihe

«Schockierend neu»: Wie das Christentum das Römische Reich eroberte

Im ersten nachchristlichen Jahrhundert fasste eine kleine jüdische Sekte im Römischen Reich Fuss. Ein Forschungsteam hat sich auf die Spuren einer Erfolgsgeschichte gemacht.
Der Peirene-Brunnen in Korinth war eine von zahllosen Kultstätten im Römischen Reich. (Bild: Schwarzfalter GmbH)

Der Hafen Ostia bei Rom war einer der bedeutendsten Handelsplätze des Römischen Reiches. Hier wurden Getreide aus Nordafrika, Wein, Olivenöl und Gewürze aus dem Osten umgeschlagen. Zugleich entwickelte sich die Stadt zu einem Schmelztiegel von Kulturen und Religionen. Kaufleute und Migranten brachten nicht nur Waren, sondern auch ihre eigenen Götter und Glaubensvorstellungen mit.

Seit der Zeit von Kaiser Augustus wurde das antike Rom so zu einem Sammelbecken religiöser Bewegungen: Unzählige Gottheiten, Kulte und Mysterien boten den Menschen Sinn und Gemeinschaft. Weite Verbreitung fanden etwa der Mithras-Kult oder der ägyptische Isis-Kult, zu dessen Anhängern selbst römische Adlige und Kaiser gehörten.

Doch alle diese Religionen waren früher oder später dem Untergang geweiht. Es war eine kleine jüdische Sekte aus dem Osten, die schliesslich die Oberhand gewann und zu einer der grossen Weltreligionen aufstieg. Wie ist dieser Erfolg des Christentums zu erklären?

Spurensuche in den Katakomben

Ein Team von Theologinnen und Theologen der Universitäten Bern und Bonn ist dieser Frage nachgegangen und hat dazu antike Schauplätze bereist. Aus dem gemeinsamen Forschungsprojekt ist eine Filmserie auf Youtube entstanden (siehe Kasten). Die erste Folge «Ein neuer Gott für Roms Imperium» zeigt: Es waren ganz verschiedene Faktoren, die dem Christentum zum Durchbruch verhalfen.

Auf der Suche nach Antworten besuchten die Forschenden die geheimen Stätten des Mithras-Kults, sie stiegen in die Katakomben von Rom und besichtigten die Überreste des Artemistempels im griechischen Ephesos – eines der sieben Weltwunder der Antike.

Viele der damals verbreiteten Religionen wiesen Parallelen zu den frühchristlichen Gemeinschaften auf: Mysterienkulte wie der Isis-Kult boten einen ähnlich individuellen Zugang zum Glauben an wie das Christentum. Und die Anhänger des Mithras-Kult hielten in Höhlen und Kellern Mähler zu Ehren ihrer Gottheit ab – eine Praxis, die an die Eucharistie erinnerte.

Das Projekt

Die Filmserie «Ein neuer Gott für Roms Imperium» entstand im Rahmen des Forschungsprojekts Ecclesiae der Universitäten Bonn und Bern.

Unter der Leitung der Theologen Jan Rüggemeier und Benjamin Schliesser machte sich ein Forschungsteam auf, um in den urbanen Zentren der Antike der Erfolgsgeschichte des Christentums auf die Spur zu kommen.

Die Filme entstanden in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Schwarzfalter GmbH und sind auf Youtube zu sehen. (no)

Frauen in Führungsrollen

In vielerlei Hinsicht unterschied sich das Christentum jedoch von anderen Religionen, erfährt man im Film. Während viele Kulte mehrheitlich Männern vorbehalten waren, hatten Frauen in den frühchristlichen Gemeinschaften eine zentrale Rolle: Zahlreiche von ihnen bekleideten Leitungsfunktionen und traten öffentlich auf. Werte wie Gleichheit, Nächstenliebe, Fürsorge für die Kranken und Schwachen verliehen den christlichen Gemeinschaften einen starken Zusammenhalt.

Von den vielen exotischen Kulten unterschied sich das Christentum zudem dadurch, dass es eine Bildungs- und Schriftreligion war. Darstellungen in den römischen Katakaomben, die Christus und die Apostel im Philosophengewand zeigen, unterstreichen diesen Anspruch, erklärt die Archäologin Lara Mührenberg.

Der einzig wahre Gott

Revolutionär war aber noch etwas anderes: Christinnen und Christen glaubten, dass ihr Gott der einzig wahre Gott und dass Christus für alle Menschen gestorben sei.  Daraus entstand der Wunsch, die eigene Botschaft zu verbreiten. «Der missionarische Impetus war eine schockierende Neuheit in der Antike», erklärt der Theologe Benjamin Schliesser vor den Ruinen auf dem Palatin in Rom. Der Gedanke, dass der wahre Herr und Retter erschienen sei und man sich für ihn entscheiden müsse, um beim Weltende gerettet zu werden, verlieh der Bewegung enorme Dynamik.

Die Filmserie zeigt eindrucksvoll, wie beim Erfolg des Christentums mehrere Faktoren zusammenspielten. In den kommenden Wochen sollen auf Youtube vier weitere Episoden erscheinen – sie führen in verschiedene Metropolen der Antike und behandeln die Themen Bildung, Soziale Gerechtigkeit und Gender. Kurz vor Weihnachten erscheint schliesslich eine Langfassung der bereits publizierten Folge «Ein neuer Gott für Roms Imperium». Zudem sind fünfzehn Expertinneninterviews geplant.

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