Weltgeschichte

Aus der Vergangenheit lernen, um die Demokratie zu schützen

Der reformierte Luzerner Pfarrer Carsten-Constantin Görtzen hat einen Roman über das Leben seines Grossvaters geschrieben. Aktuell arbeitet er an einem Buch über seine eigene Geschichte. Beide Texte erzählen vom Leben in einer Diktatur.
Pfarrer Carsten-Constantin Görtzen ist nach der Pensionierung zum Schriftsteller geworden. Sein Thema ist das Individuum in einem totalitären Staat. (Bild: zVg)

Das Schreiben allein sei leicht, erklärte dieser Tage ein norwegischer Schriftsteller. Schwierig sei nur, den Ort zu finden, an dem es sich leicht schreiben lasse. Wie viele Bücher blieben ungeschrieben, weil angehende Autorinnen und Autoren diesen Ort nicht fanden.

Für Carsten-Constantin Görtzen, 68, bis vor Kurzem evangelisch-reformierter Pfarrer im Kanton Luzern, ist das kein Problem. Will er schreiben, geht er in den Garten, wo er das Meer riechen kann, und setzt sich in einen Pavillon. «Da kann man sehr gut schreiben», sagt er. Meistens arbeitet er dann zwei Stunden am Stück. Das Gespräch mit dem Jung-Autor im Pensionärsalter findet online statt, denn Görtzen verbringt die Hälfte des Jahres in Thailand.

Damit löst der Pfarrer ein Versprechen ein, das er seiner Frau gegeben hat. Seit 27 Jahren ist er mit einer Thai verheiratet, die gemeinsamen Töchter sind erwachsen, leben in der Schweiz und bauen sich an der Uni ihr eigenes Leben auf. «Wenn ich einmal pensioniert bin», sagte er früher, «dann gehen wir nach Thailand.»

Wie ist das Leben in einer Diktatur?

Wenn Görtzen schreibt, geht er immer ins Land seiner Jugend. Sein erstes Buch hat er über das Leben seines Grossvaters geschrieben. Er nannte es «Der Komödiant», doch es spielt in einer der dunklen Phasen der europäischen Geschichte. Sein Grossvater erlebt den ersten und den zweiten Weltkrieg, kommt aus der Kriegsgefangenschaft zurück in ein Deutschland, das auf dem Weg in eine sozialistische Diktatur ist und zur DDR wird. Der Grossvater wollte Musiker werden, doch eine Verletzung vereitelte diese Karriere. So wurde er Schauspieler.

«Ich erzähle davon, wie es im Krieg ist und wie es ist, in einer Diktatur zu leben», sagt der pensionierte Pfarrer Görtzen. Damals sei die Demokratie angefeindet worden und viele hätten sich nach «dem starken Mann» gesehnt. Eine ähnliche Entwicklung beobachtet Görtzen heute. Aus den Erinnerungen seines Grossvaters und aus seinen eigenen Erfahrungen in der DDR weiss er, wohin eine solche Entwicklung führen kann. Er sagt: «Deshalb habe ich mir erlaubt, das aufzuschreiben.» Wenn man erst einmal in einer Diktatur lebe, sei es schwierig, da wieder rauszukommen – als Gesellschaft, aber auch als Individuum.

Was geschah mit Kritikern in der DDR?

Wie ihm das gelungen ist, schreibt Görtzen gerade auf. Sein zweites Buch trägt den Arbeitstitel «Der Dissident». Als junger Mann hatte ihn ohne sein Wissen die Stasi im Visier, das DDR-Ministerium für Staatssicherheit. Sein Vater lebte getrennt von der Familie in Westdeutschland, Görtzen war an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena eingeschrieben. «Ich hätte gerne Medizin studiert, aber das durfte ich nicht», sagt er. Der Staat versagte ihm einen Studienplatz und Görtzen wählte daraufhin evangelische Theologie.

Die Universität in Jena war damals ein Hort für Bewegte und Bürgerrechtler. «Wolf Biermann trat häufig dort auf», sagt der pensionierte Pfarrer, «er wurde zu einer Art Vorbild.» Er stand der Ein-Parteien-Regierung kritisch gegenüber und wollte sich nicht in die gleichgeschaltete Gesellschaft einordnen: «Ich hätte mich gefühlt, als hätte ich mich selbst aufgegeben.»

Als Görtzen schliesslich Kontakt mit seinem Vater aufnahm, nahm ihn die Stasi an die kurze Leine. Der Student fühlte sich verfolgt, ohne mit jemandem wirklich darüber sprechen zu können – und bald darauf wurde er exmatrikuliert. Einer seiner Professoren nahm ihn zur Seite und machte ihm klar: «Sie kriegen in der DDR keinen Fuss mehr auf den Boden.» Ein Studienplatz war für Görtzen somit ausgeschlossen, weshalb er einen Ausreiseantrag stellte.

Was kann man aus der Geschichte lernen?

«Zu einer Demokratie muss man Sorge tragen», sagt Görtzen. Er hat die Willkür erfahren, mit der ein Individuum in einem totalitären Staat behandelt werden kann. Er sieht die Demokratie gerade in mehreren Staaten in Gefahr und weiss aus erster Hand, was dann drohen kann. «In der DDR hat man sich die Demokratie hart erkämpfen müssen. Viele Menschen sind im Gefängnis verschwunden und nie mehr aufgetaucht.»

Der junge Carsten bekam 1984 die Erlaubnis zur Ausreise und setzte sein Studium erst im Ruhrgebiet fort, bevor er nach Bern ging und dort abschloss. Doch so weit er auch von der DDR entfernt war, ganz los liess sie ihn nicht. Als im Frühling 1989 sein Grossvater stirbt, der Komödiant, beantragt Görtzen ein Visum, um an der Beerdigung teilzunehmen. Doch der Staat, in dem er aufgewachsen war, verweigert ihm die Heimkehr. «Ich war zur persona non grata geworden», meint Görtzen. Kein halbes Jahr später, am 9. November 1989, fiel in Berlin die Mauer und mit ihr ein totalitäres Regime.

Am 20. Januar 2026, 19 Uhr liest Carsten-Constantin Görtzen im reformierten Begegnungszentrum Buchrain-Root. Das Buch: Görtzen, Carsten-Constantin: Der Komödiant. Erinnerungen an einen Künstler. In+auswendig Verlag, 29.90 Franken.

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