Brienz

Für die Sicherheit aller wird der Friedhof verkleinert

Ein Jahr nach dem verheerenden Murgang in Brienz weiss die Gemeinde, wie sie mit der Naturgefahr umgehen will. Der Bach, der Häuser zerstörte und den Friedhof überflutete, wird umgeleitet. Das klingt einfacher, als es ist.
Eine Schneise der Zerstörung in der Berner Gemeinde Brienz hinterliess der Milibach bei einem Murgang im August 2024. Stark betroffen war auch der Friedhof (am linken Bildrand). (Bild: zVg)

Sechs zerstörte und rund dreissig beschädigte Häuser, ein von Sand und Geröll bedeckter Friedhof, unterspülte Gräber und weggeschwemmte menschliche Überreste: Der Murgang am Milibach in Brienz vom August 2024 hinterliess ein Bild der Zerstörung. Rund 65'000 Kubikmeter Geröll und Bruchholz transportierte der Bach ins Dorf am Ufer des Brienzersees: Diese Menge an Geschiebe würde den Innenraum des Grossmünsters in Zürich fast bis zum Dach ausfüllen.

Dabei hätte es aus Sicht der Experten gar nie zu solch einem Ereignis kommen sollen, sagt Sandra Baumgartner, Kommunikationsverantwortliche der Gemeinde Brienz und des Wasserbauprojekts. Sie erklärt: «Bis vor einem Jahr gingen die Experten davon aus, dass der Milibach nicht derart grosse Mengen an Geschiebe mobilisieren kann.» Nun muss die Gefährdung des Dorfes durch den Milibach neu bestimmt werden.

Die Folgen des Unglücks sind auch nach einem Jahr immer noch spürbar in der Gemeinde. «Der Sachschaden ist immens», sagt Baumgartner, «und der administrative Aufwand ist bis heute riesig.» Versicherungszahlungen sind ein Thema und die Kosten für Ersatzwohnungen für die Menschen, deren Häuser zerstört oder unbewohnbar sind ein anderes.

Im Sommer 2024 hat ein Murgang in Brienz dutzende Häuser beschädigt oder zerstört. Der Milibach brachte Geröll, Schlamm und Geäst ins Dorf. Nun beginnt die Planung, den Bach umzuleiten. (Bild: SRF)

Trotzdem überwiegen laut der Kommunikationsverantwortlichen im Dorf Zuversicht und Verständnis für die Behörden. Zuträglich ist wohl auch, dass bald nach dem Murgang die Suche nach einer Lösung für den Milibach begann. Gemeinde und die für den Hochwasserschutz in Brienz verantwortliche Schwellenkorporation liessen prüfen, wie es weitergehen könnte. Denn der Status quo ist unhaltbar, wie Baumgartner bestätigt: «Heute gelten viele Bereiche am Milibach als stark gefährdet.» Das heisst auch, dass beschädigte und stark gefährdete Häuser nicht wieder instand gestellt werden dürfen – es sei denn, die aktuelle Gefährdung des Gebiets kann reduziert werden.

Weshalb wird der Bach verlegt?

Bereits im vergangenen Dezember war klar: Der Milibach muss raus aus dem Dorf. An einer Infoveranstaltung zeigten es die Verantwortlichen der Dorfbevölkerung auf. Fünf Projekte wurden geprüft und vorgestellt, am aussichtsreichsten und finanzierbarsten war «Brienz West»: Der Milibach soll am Dorfkern vorbeigeleitet werden statt wie bisher mitten hindurch. So könnten die beschädigten Häuser saniert und der historische Dorfkern erhalten werden. Ausserdem könnten die Schule für Holzbildhauerei und die Schweizerische Geigenbauschule sicher an ihren Standorten bleiben.

Doch umsonst wird es die Umleitung des Baches nicht geben. Jetzt beginnt die Arbeit am Vorprojekt und es ist bereits klar, dass die Kosten in die Millionen gehen werden. Aber nicht nur das: Dem neuen Bachbett wird mindestens ein Wohnhaus, mehrere Parzellen Landwirtschaftsland und voraussichtlich auch ein Teil des Friedhofs weichen müssen. «Das Projekt wurde von der Bevölkerung mehrheitlich positiv aufgenommen», sagt Sprecherin Baumgartner. Aber natürlich gebe es auch kritische Stimmen.

Was heisst das für den Friedhof?

Die Organisation «Begräbnisbezirk Brienz», die den Friedhof im Dorf unterhält, erklärt auf Anfrage von ref.ch: «Details zum Projekt werden erst im Sommer oder Herbst 2026 und den folgenden Jahren ersichtlich.» Der Begräbnisbezirksrat arbeite eng mit der Einwohnergemeinde und der Schwellenkorporation Brienz zusammen.

Wenn es darum geht, den Bach in ein anderes Bett umzuleiten, übernehmen spezialisierte Planerinnen und Planer die Arbeit. Jana Hess von der Flussbau AG leitet das Hochwasserschutzprojekt als Gesamtprojektleiterin. Sie sagt: «Eine Verlegung eines Baches erfolgt nicht allzu häufig. In Brienz sprechen aber viele verschiedene Argumente dafür.» Den Flussbauern stellen sich etliche Schwierigkeiten: Das Bachbett wird sowohl die Kantonsstrasse als auch das Trassee der Zentralbahn queren. Darüber hinaus sollen die Fachleute den Bachlauf so legen, dass möglichst wenig Fläche des Friedhofs und der privaten Grundstücke beansprucht wird.

So soll der Milibach verlegt werden: Der alte Bachlauf (rechts), der an der Kirche vorbeiführt (rechts unten) soll stillgelegt werden. Vorgesehen ist, das neue Bachbett innerhalb des blauen Korridors anzulegen. Neben den Gebäuden, die weichen müssten (rot und gelb markiert), wird auch der Friedhof (Parzelle 134) einen Teil der Fläche verlieren. Allerdings wird nicht die gesamte Breite des blauen Korridors benötigt werden. (Grafik: zVg)

Wie viel und welche Fläche für die Bachverlegung effektiv beansprucht wird, muss sich noch zeigen. Geographin Hess sagt, aktuell sei auf den Plänen zur Vorstudie der maximale Flächenbedarf eingezeichnet. Im Rahmen des Vorprojekts wird mittels Simulationen untersucht, wie das Bachgerinne ausgestaltet sein muss. «Sobald das Vorprojekt vorliegt, kann der Raumbedarf und die dadurch betroffene Fläche aufgezeigt werden», erklärt sie.

Das wird aus dem alten Bachbett

Ist der Milibach einmal nach Westen verlegt, wird das heutige befestigte Bachbett im Dorfkern zurückgebaut. Doch weil das Ortsbild als schützenswert inventarisiert ist, gelten auch hier Auflagen. Die Grenze, die der Bach heute zwischen dem Siedlungsgebiet und der Landwirtschaftszone bildet, muss weiterhin erkennbar sein – beispielsweise durch gestalterische Massnahmen.

Die Kommunikationsverantwortliche Sandra Baumgartner lebt selbst mit ihrer Familie in Brienz. Das Dorf und dessen Lage am See gefallen ihr sehr. Brienzerinnen und Brienzer wissen schon lange um die Gefahren, welche von den Bächen ausgehen können. Der bisher schlimmste Murgang ereignete sich 2005, damals starben mehrere Menschen. Doch seit der Milibach so unerwartet das Dorf unter sich begraben hat, macht sich bei Baumgartner jedes Mal ein Gefühl der Unsicherheit breit, wenn es stark regnet. Das wird sich – auch wenn der Milibach verlegt ist – nicht so schnell ändern, denn: In Brienz gibt es mehrere Wildbäche, die bei Unwettern zur Bedrohung werden können.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema