Unwetter

Achtung, Gefahrenzone

Die Unwetter haben diesen Sommer grosse Schäden verursacht in der Schweiz. Gebäude, Brücken und Strassen wurden teils schwer beschädigt. Kirchen blieben weitgehend verschont. Weshalb?

70 Menschen mussten nach dem Erdrutsch in Brienz evakuiert werden, das Geröll rollte mitten ins Dorf. (Bild: Drohnenaufnahme Adrian Reusser/ Keystone)

Diesen Sommer hat es in verschiedenen Regionen der Schweiz ausserordentlich stark und viel geregnet. Überschwemmungen, Hangrutsche und Schlammlawinen hinterliessen grosse Schäden, vor allem in den Bergregionen. Brücken wurden von den Wassermassen mitgerissen, Schlamm und Geröll drangen in Dörfer, zerstörten Häuser und verschütteten Strassen. Im Tessin starben mehrere Menschen durch die Folgen der Unwetter. Im Misox herrschte tagelang der Ausnahmezustand. Beim Unwetter in Brienz Anfang Woche mussten 70 Menschen ihre Häuser verlassen, mindestens zwei Personen wurden verletzt.

Kirchen indes blieben von Unwettern verschont. Dabei liegen beispielsweise in Graubünden etliche Kirchen und Friedhöfe in Gefahrenzonen, die der Kanton ermittelt hat. Es sollen dort Bergstürze oder Hochwasser drohen.

Am richtigen Platz gebaut

In einer solchen Lage befindet sich zum Beispiel die Kirche von Avers im gleichnamigen Tal. Die Region liegt abgelegen, südlich der Viamala und oberhalb des Schams – die schmale Hauptstrasse ist eine Sackgasse. Die reformierte Kirche steht ausserhalb des Ortsteils Cresta, daneben wurde der Friedhof angelegt. Laut der kantonalen Gefahrenkarte ist hier die Bedrohung durch Naturgewalten «mittel» bis «erheblich».

Die denkmalgeschützte Kirche aus dem 13. Jahrhundert wäre demnach ernsthaft gefährdet. Und ist es doch nicht: Menga Platz, Vizepräsidentin der reformierten Kirchgemeinde Avers-Ferrara, sagt auf Anfrage von ref.ch: «Für uns waren die Unwetter keine Bedrohung.» Extrem geregnet habe es im Tal zum Beispiel nicht in diesem Sommer. Platz sagt ausserdem: «Die Kirche und der Friedhof sind auf einer felsigen Anhöhe gebaut und daher nicht gefährdet.»

Szenenwechsel: Im Engadin führten ergiebige Niederschläge im Juli zu Unwetterschäden – zum Beispiel in St. Moritz Bad, wo Keller und Tiefgaragen mit Wasser vollliefen. Das könnte auch anderen Ortschaften blühen: Fast das ganze Dorf Bever befindet sich auf der kantonalen Gefahrenkarte in einer der drei Risikozonen, in der Schäden durch Erdrutsche und Hochwasser drohen. Mitten im Dorf steht die reformierte Kirche. Ist die Kirchgemeinde in Sorge um das Gebäude?

Die Bahn schützt vor dem Fluss

Einen besorgten Eindruck macht Stephanie Balmer nicht. Sie ist Geschäftsführerin der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Oberengadin – dem Zusammenschluss von acht reformierten Kirchgemeinden im Engadin. Dazu gehört auch Bever. Balmer sagt, man sei sich bewusst, dass die dortige Kirche in einer Gefahrenzone liege. Doch die grossen Niederschlagsmengen bringen sie nicht aus der Ruhe. Das hat zwei Gründe.

Erstens schützt die Linie der Rhätischen Bahn das Dorf vor Hochwasser. Die Gleise verlaufen erhöht zwischen dem Inn und dem Dorfkern und wirken wie ein Damm. Zweitens müsse man in den Bergen stets mit Naturgefahren rechnen – schon immer. «Unsere Kirchen sind alt», sagt Balmer – die Kirche in Bever wurde im 14. Jahrhundert erstmals schriftlich erwähnt –, «damals hat man sich genau überlegt, wo man etwas baut.»

Riskante Bauten kamen später

Nahezu denselben Satz formuliert Regula Armingeon, Fachbeauftragte Klimaschutz Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso). Die ältesten Kirchen in ihrem Gebiet datieren aus dem 8. Jahrhundert. Sie ergänzt: «Durch die umsichtige Ortswahl damals wurden mögliche Risiken minimiert.»

Doch auch das kann sich mitunter ändern, wie Armingeon an einem Beispiel zeigt: Die beliebte Kirche Scherzligen bei Thun steht in der Nähe des Ausflusses des Sees in die Aare. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden das Gebiet wie auch weite Teile der Stadt Thun regelmässig überflutet.

Der Grund dafür war die Umleitung der Kander zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Damals änderte man den Lauf des Flusses, um dessen Wasser in den See zu leiten. Zuvor war die Kander unterhalb von Thun in die Aare gemündet.

Der Umbau sollte sich schnell als Fehler erweisen: So viel Wasser konnte zwar gerade noch abfliessen, aber die Schneeschmelze oder grosse Niederschläge bedeuteten für Thun nun Hochwasser. Häufig sollen die Stadthäuser bis zum ersten Stock im Wasser gestanden sein. Armingeon sagt, damit hätten die Erbauer der Kirche Scherzligen nicht rechnen können, denn: Der Sakralbau stammt aus dem 9. Jahrhundert.