Mit KI die Forschung befeuern
Historische Handschriften zu erschliessen ist mühselige Kleinarbeit. Vom Entziffern der Texte bis zu ihrer inhaltlichen Auswertung ist es ein langer Weg. Das haben auch die Forscherinnen am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte erfahren. Seit 1964 sind dort Wissenschaftler daran, die umfangreiche Briefkorrespondenz des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger zu edieren.
Der Nachfolger Zwinglis am Grossmünster gehörte zu den fleissigsten Korrespondenten seiner Epoche, rund 12‘000 Briefe sind aus seinem Nachlass erhalten. Ein Glücksfall für die Forschung, wie Martin Volk betont. «Die Bullinger-Briefsammlung ist nicht nur wegen ihres Umfangs herausragend, sie gibt auch einzigartige Einblicke in die kirchlichen und politischen Umwälzungen der Reformation wie auch in den Zürcher Alltag vor 500 Jahren».
Volk leitet das Institut für Computerlinguistik an der Universität Zürich. Vor vier Jahren wurden er und sein Team damit betraut, die Briefsammlung auch digital zu erschliessen. «Unsere Aufgabe war es, sämtliche Briefe in elektronischen Text zu überführen und in einer Datenbank zusammenzuführen. Das haben wir mittlerweile fast erreicht», sagt er im Gespräch mit ref.ch.
Wenige Minuten für einen Brief
Zum Einsatz kamen dabei auch neue KI-basierte Technologien. Mithilfe einer automatischen Handschriften-Erkennung wurde die Transkription der Briefe deutlich beschleunigt. «Um einen handschriftlichen Brief in elektronischen Text zu überführen, benötigt unser Programm nur einige Minuten. Und das bei einer geringen Fehlerquote» sagt Volk.
Inzwischen ist die Digitalisierung der Briefe auf der Plattform «Bullinger digital» praktisch abgeschlossen. Über 11'000 Briefe können auf diese Weise nach Stichworten durchsucht und automatisch übersetzt werden. Aktuell arbeitet das Team um Martin Volk an der zweiten Projektphase. Dabei sollen die Briefe inhaltlich tiefer erschlossen werden.
ChatGPT stösst an Grenzen
Die Möglichkeiten von ChatGPT seien vielfältig, sagt Volk. So könne das Programm erfolgreich Texte aus dem Latein oder Frühneuhochdeutsch ins Deutsche oder Englische übertragen. Auch sei es in der Lage, Eigennamen in den Briefen automatisch zu erkennen und mit anderen Wissensressourcen wie Wikipedia zu verlinken. «Experimentiert haben wir zudem mit der Erstellung von Brief-Zusammenfassungen sowie der automatischen Rekonstruktion von fehlenden Briefen», sagt Volk.
Heinrich Bullinger (1504 bis 1575) korrespondierte mit über 1000 Briefpartnern in ganz Europa. Aus seinem Nachlass sind insgesamt rund 10’000 an ihn gerichtete und 2’000 von ihm selbst geschriebene Briefe überliefert. Ein Grossteil davon lagert im Staatsarchiv des Kantons Zürich sowie in der Zentralbibliothek.
In den 1960er Jahren begann das Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte mit der Edition der Briefe. 2019 wurde zudem das Projekt «Bullinger Digital» ins Leben gerufen, das die Bullinger-Sammlung online zur Verfügung stellt.
«Bullinger Digital» wird finanziert von der UZH Foundation, der Stiftung der Universität Zürich, über Zuwendungen von verschiedenen anderen Stiftungen. Die grössten Beträge stammen von der Baugarten- und der Hasler-Stiftung sowie von der reformierten Kirche. (no)
Dabei versuchten die Computerlinguisten, fehlende Briefe aufgrund der Informationen in den vorgängigen und nachfolgenden Briefen zu rekonstruieren. Sie fanden heraus, dass ChatGPT zwar schlüssig auf einen bestehenden Brief antworten konnte. Hingegen gelang es nicht, dabei Informationen aus den nachfolgenden Briefen zu berücksichtigen. Das hänge auch damit zusammen, dass meist grössere Abstände zwischen den einzelnen Briefen liegen. «Oft nehmen sie inhaltlich wenig Bezug aufeinander, sodass eine Rekonstruktion schwierig ist», sagt Volk.
Geschichte lebendig machen
Tücken hat auch das Erstellen von historischen Bildern durch die künstliche Intelligenz. Das Programm verwertet dabei Informationen aus historischen Bildern in der Datenbank und setzt diese neu zusammen – allerdings nicht immer fehlerfrei. Als sich Martin Volk ein authentisches Bild von Bullinger in dessen Studierstube wünschte, fügte das Programm eine Schreibmaschine hinzu – ein krasser Fehler, da es die ersten Schreibmaschinen erst lange nach der Reformation gab. «Auch die vielen Bücher auf dem Bild sind unrealistisch, die Druckerpresse war ja gerade erst erfunden worden», sagt Volk.
Angesichts des rasanten technologischen Fortschritts ist Volk dennoch überzeugt, dass KI bei der digitalen Edition von historischen Dokumenten bald unerlässlich sein wird. Für Bibliotheken und Archive eröffneten sich dadurch ganz neue Perspektiven. Potential sieht der Computerlinguist insbesondere bei der Darstellung von Geschichte. Historische Ereignisse könnten durch KI-generierte Bilder und Töne anschaulicher und lebendiger gemacht werden. «Eine Vision von uns ist, Bullinger und seine Briefpartner miteinander sprechen zu lassen», sagt Volk.