20 Jahre «Bibel in gerechter Sprache»

«Ich wollte bei keiner Übersetzung mitmachen, in der ständig von ‹Herr› die Rede ist»

Die «Bibel in gerechter Sprache» sorgte vor zwanzig Jahren für heftige Kontroversen. Mitübersetzerin Luzia Sutter Rehmann erklärt, warum sie mit patriarchalen Gottesbildern brechen wollte und wie sie mit der Kritik daran umging.
Die Geschichte der Bibelübersetzung ist seit Jahrhunderten von Kontroversen geprägt. (Bild: Tanja Luther / Keystone)

Frau Sutter Rehmann, die «Bibel in gerechter Sprache» hat vor zwanzig Jahren für Wirbel gesorgt. Wie breit wird sie heute genutzt?
Meines Wissens wurden bisher rund 100‘000 Exemplare verkauft. Sie wird also gut genutzt. Ich begegne ihr an unterschiedlichen Orten, meist in Ergänzung zu anderen Übersetzungen wie der Zwingli-Bibel. Auch ich selbst nutze verschiedene Übersetzungen.

Damals gab es heftige Kritik. Der Theologe Ingolf Dalferth etwa bezeichnete die Übersetzung als «theologische Bankrotterklärung». Hatten Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?
Nein, in diesem Ausmass war das überraschend für mich. Die Kritik von Ingolf Dalferth hat mich eher amüsiert, zumal er gar kein Exeget ist. Mir war es aber lieber, dass wir kritisiert als ignoriert wurden. Wenn die Kritik laut ist, wird das Kritisierte bekannt.

Ein zentraler Vorwurf lautete, dass die Übersetzung ideologisch sei, weil sie dem Urtext eine moderne Vorstellung von Gerechtigkeit überstülpe. Wie beurteilen Sie diesen Vorwurf heute?
Das ist eine Frage der unterschiedlichen Theologien, die miteinander diskutieren. Für mich ist klar, dass die Bibel kein neutrales Buch ist, es geht um das Herstellen sozialer Gerechtigkeit. Dem wollten wir mit unserer Übersetzung Rechnung tragen. Wenn man das ideologisch nennt, frage ich mich, wie diese Leute die Bibel lesen. Das heisst nicht, dass wir alles perfekt gemacht haben.

Philologisch genaue Übersetzungen gibt es bereits – etwa die Zürcher Bibel. Warum brauchte es eine weitere Übersetzung?
Es gibt weitere gute Übersetzungen. Sie alle enthalten eine bestimmte Theologie und damit auch bestimmte Scheuklappen, blinde Flecken. Darum halte ich es für wichtig, dass auch andere Sichtweisen möglich sind.

Die Bibel lebt auch von ihrer Bildsprache und ihrer Poesie. Kann der Anspruch, möglichst gerecht zu übersetzen, manchmal zulasten der sprachlichen Schönheit gehen?
Das muss nicht sein. Der Psalter wurde für die «Bibel in gerechter Sprache» sehr poetisch und genau übersetzt. Sprachliche Schönheit hat auch mit Lesegewohnheit zu tun. So finden viele die Lutherübersetzung sehr schön. Doch als Martin Luther seine Übersetzung damals veröffentlichte, wurde er scharf angegriffen für seine ungenaue und unleserliche Übersetzung. Man muss einen Text liebgewinnen, mit ihm leben, ihn brauchen – dann wird er auch verständlich und vielleicht sogar schön.

Sie selbst haben das «Lukasevangelium» übersetzt. Wie sind Sie konkret vorgegangen, um den Gerechtigkeitsaspekt stärker herauszuarbeiten?
Ich hatte es mir zuerst zu einfach vorgestellt. Ich dachte, es genüge, den griechischen Text mit den vorhandenen Übersetzungen abzugleichen und zum Beispiel an einigen Stellen die weibliche Form zu ergänzen. So leicht war es dann aber nicht. Das zeigte sich etwa an den Stellen, wo es darum ging, antijüdisch gefärbte Übersetzungen zu überprüfen.

Zur Person

Luzia Sutter Rehmann lehrt Neues Testament als Titularprofessorin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.

Sie ist Autorin mehrerer Bücher. Gemeinsam mit Ulrike Metternich veröffentlicht sie für die Evangelische Akademie Berlin den monatlichen Podcast «Feministische Bibelgespräche». (no)

Inwiefern war das schwierig?
Man muss solche Stellen sorgfältig prüfen, um keine Klischees zu transportieren. Der christliche Anti-Judaismus ist tief verwurzelt. In manchen Übersetzungen heisst es etwa: «Die Pharisäer stellten Jesus eine Falle». Schlägt man das entsprechende griechische Wort nach, zeigt sich jedoch, dass es eigentlich «jemanden prüfen» bedeutet. Jemanden zu prüfen, ist aber etwas anderes, als ihm eine Falle zu stellen.

Sie versuchen auch den Frauen in der Bibel sprachlich Gerechtigkeit zu verschaffen. Nun könnte man einwenden, dass die Bibel eben eine sehr patriarchale Gesellschaft spiegelt.
Die damalige Gesellschaft war zweifellos stark patriarchal geprägt. Dennoch gab es gewisse Freiräume für Frauen. Zum Beispiel hat man herausgefunden, dass es zur Zeit von König Salomo auch Architektinnen gab. Das darf man dann auch so schreiben. In meiner Übersetzung des «Lukasevangeliums» gibt es das Beispiel mit den Hirten. Traditionell wurde übersetzt: «Die Hirten auf dem Felde». In meiner Übersetzung wird daraus: «Die Hirtinnen und Hirten auf dem Felde», weil es erwiesenermassen auch Hirtinnen gab. Darüber haben sich Leute wahnsinnig aufgeregt.

Für Aufregung sorgte auch, dass Sie das Wort «Herr» für Gott an vielen Stellen ersetzt haben.
Das war mir von Anfang an wichtig. Ich wollte an keiner Übersetzung mitmachen, in der ständig von «Herr» die Rede ist. Stattdessen haben wir Ehrfurchtsnamen für Gott wiederentdeckt, etwa «der Ewige» oder «die Lebendige». Im Hebräischen steht der Gottesname JHWH, der aus Ehrfurcht nicht ausgesprochen und mit «Adonaj» wiedergegeben wird. Die deutsche Übersetzung davon – «Herr» – ist falsch. «Adonaj» bedeutet wörtlich «meine Herren». Genau genommen müsste es also heissen: «Meine Herren spricht». Diese ungewöhnliche Form soll deutlich machen, dass Gott sich nicht einfach in unsere Grammatik fassen lässt. Daher ist eine Wiedergabe von «Adonaj» mit «der Herr» sehr weit von diesen sorgfältigen Überlegungen entfernt.

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan, auch non-binäre Menschen wollen in der Sprache angemessen abgebildet werden. Braucht es bereits wieder eine neue Übersetzung?
Ja, in der Zwischenzeit haben sich neue Fragestellungen eröffnet. In unserer Übersetzung haben wir Ansätze dazu, wie wir das lösen könnten. Beispielweise übersetzen wir an einer Stelle mit «hat er, hat sie, hat Gott gesagt». Momentan gibt es jedoch keine konkreten Pläne für eine Neuübersetzung, weil die Kapazitäten nicht vorhanden sind.

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