Zürcher Bibel um neue Texte erweitert

Die sogenannten deuterokanonischen Schriften geniessen in der reformierten Tradition kein hohes Ansehen. Dass sie nun in neuer Übersetzung in die Zürcher Bibel aufgenommen wurden, ist auch ein ökumenisches Signal.

Nach 35 Jahren ist die Neuübersetzung der Zürcher Bibel abgeschlossen. (Bild: Keystone/Alessandro della Bella)

Es war ein episches Projekt: Rund 35 Jahre lang arbeiteten Übersetzer an der Neuausgabe der Zürcher Bibel, nun ist sie endlich vollendet. Am 20. Januar wurde die ergänzte Neuübersetzung im Zürcher Grossmünster präsentiert – am Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum.

Eine neue Ausgabe mit dem Alten und dem Neuen Testament war zwar bereits 2007 erschienen. Nicht darin enthalten waren aber die sogenannten deuterokanonischen Schriften. Diese galten als «apokryph», als dunkel, weil ihre Herkunft ungeklärt ist. In der abschliessenden ­Ausgabe sind sie nun integriert.

Theologisch fragwürdig

Die Texte in griechischer, aramäischer und hebräischer Sprache aus dem Alten Testament entstanden zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 1. Jh. n. Chr. Anders als in der katholischen Kirche gehören sie nach reformierter Tradition nicht zum Kanon der Heiligen Schrift.

Die Reformierten hätten sich mit diesen Schriften immer schwergetan, sagt Peter Schwagmeier, Dozent für Hebräisch und Aramäisch an der Universität Zürich. Er gehört zum dreiköpfigen Team, das die deuterokanonischen Schriften zwischen 2009 und 2018 ins Deutsche übersetzte. Die Apokryphen seien anfangs zwar formal ins Alte Testament integriert worden, so in der Froschauer-Bibel von 1531. «Gleichzeitig war man sich einig, dass sie nicht den gleichen theologischen Rang wie andere biblische Bücher hatten», sagt er.

Dies war mit ein Grund, warum sie sich schlecht für die Predigt eigneten. Zudem gebe es immer wieder Passagen in diesen Texten, die schon die Reformatoren für pro­blematisch hielten. So komme in den Zusätzen zum Buch Daniel beispielweise ein lebendiger Drache vor, der von den Babyloniern angebetet wurde. «Mit dem nüchternen reformierten Geist verträgt sich das nur schlecht», sagt Schwagmeier.

Ein ökumenisches Anliegen

Dass in den Apokryphen ein «eher blumiges Gottesbild» zum Tragen kommt, findet auch der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller. «Als Protestant rümpft man da schnell einmal die Nase.» Aus ökumenischer Sicht sei es aber wichtig, dass die Apokryphen nun in der neuen Zürcher Bibel enthalten seien. Müller sagt: «Diese andere Welt kann für Reformierte spannend sein. Sie verbindet uns mit all den christlichen Kirchen, in denen diese Schriften zum Kanon gehören.»

Die Neuübersetzung der Zürcher Bibel wurde 1983 vom Kirchenrat der Reformierten Landeskirche in Auftrag gegeben. Ziel war es, die letzte Fassung von 1931 wissenschaftlich zu überarbeiten und an den heutigen Sprachgebrauch anzupassen. Die Kosten für die Neuübersetzung ohne deuterokanonische Schriften betrugen rund 4,5 Millionen Franken.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.