«Beim Thema Homosexualität sind die Kirchen zu zurückhaltend»

Wie sollen sich Kirchen gegenüber Themen wie Ehe für alle, Regenbogen-Eltern oder Patchworkfamilien positionieren? Dieser Frage geht eine nationale Tagung der Fachstelle «Reformierte im Dialog» nach. Im Interview erzählt der Leiter der Fachstelle, Michael Braunschweig, wo seiner Ansicht nach dringend Handlungsbedarf besteht und warum er bei der Organisation der Tagung in freikirchlichen Kreisen auf Ablehnung stiess.

Michael Braunschweig, Leiter der Fachstelle Reformierte im Dialog, einem Projekt der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn in Zusammenarbeit mit der reformierten Gesamtkirchgemeinde Bern. (Bild: zvg)

Herr Braunschweig, warum wollten Sie eine Tagung zum Thema «Vielfältige Paare und Familien» organisieren?
Das Thema lag quasi auf der Strasse. In Deutschland hat der Bundestag vor einem Jahr die Ehe für alle eingeführt, ebenso der Supreme Court 2015 in den USA und auch in der Schweiz ist seit 2013 eine entsprechende parlamentarische Motion hängig. Die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren bewegt die Gesellschaft und ist ein breit diskutiertes Thema. Dem sollte sich auch die Kirche stellen. 

Wie nehmen Sie diese Diskussion in der Schweiz wahr?
In meinen Augen ist sie seit der Einführung des Partnerschaftsgesetzes 2007 weitgehend stehen geblieben. Damals wurde intensiv über die persönliche Lebensführung von Menschen debattiert. Seit der Einführung des Partnerschaftsgesetzes scheint für viele innerhalb der Kirche diese Diskussion abgeschlossen zu sein. Die Debatte wird der Politik überlassen. Das finde ich schade.

Warum?
Weil die Menschen auch von den Kirchen Antworten auf Fragen in diesen Lebensbereichen suchen. In den 90er-Jahren hat es innerkirchliche Arbeitsgruppen zur Gleichstellung gegeben, es wurden Regenbogen-Gottesdienste gefeiert. Heute scheint diese Form der Separierung vielen nicht mehr zeitgemäss. Es hat eine Normalisierung stattgefunden. Mit den genannten Entwicklungen in der Gesellschaft muss das Thema aber auch in den Kirchen wieder auf die Agenda kommen. Beim Thema Homosexualität, Transgender, Transexualität und Intersexualität sind die Kirchen zu zurückhaltend.

Wie äussert sich das konkret?
Es gibt zum Beispiel immer noch reformierte Kirchgemeinden, in denen ein Pfarrer aufgrund seiner homosexuellen Orientierung nicht gewählt wird. Bei allem Respekt vor der Gemeindeautonomie muss man sich fragen, ob man das heute noch hinnehmen kann.

Was finden Sie?
Für mich ist klar: Nein, kann man nicht. Das ist Diskriminierung. Es braucht Vorgaben von übergeordneter Ebene. Darüber soll auch an der Tagung diskutiert werden.

An der Tagung werden sich einige bekannte Namen äussern, darunter auch die Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes oder der Zürcher Kirchenratspräsident. Gab es auch Absagen?
Ja. Aus freikirchlichen Kreisen war es schwierig, Leute für die Teilnahme zu finden. Und auch seitens der römisch-katholischen Kirche spürte ich eine deutliche Zurückhaltung.

Wurden Gründe genannt?
Bei den Freikirchen hiess es, dass man schlechte Erfahrungen gemacht habe, wenn man sich öffentlich zu diesen Themen äussere. Es komme gar keine richtige Diskussion mehr zustande. Auch von römisch-katholischer Seite waren Ängste da, angefeindet zu werden. Das ist schade, weil wir die Tagung bewusst ergebnisoffen halten wollen.

Was erhoffen Sie sich von der Tagung?
Das Ziel ist, dass wir Impulse für die verhaltene Debatte über das christliche Ehebild geben können. Denn traditionelle Vorstellungen sind angesichts der wohl kommenden Ehe für alle oder der Realität von Patchworkfamilien fraglich geworden. Für Kirchen und Religionsgemeinschaften stellen sich damit zum Teil schwierige Herausforderungen. Wie weit wollen und sollen sie sich der allgemeinen Kulturentwicklung anpassen – und wie weit wollen sie ein Gegenmodell vertreten?

Welche Meinung vertreten Sie persönlich zu diesem Thema?
Als Theologe bin ich klar der Auffassung, dass jede Form von wirklicher Liebe eine Gabe von Gott ist. In der Liebe und durch sie begabt uns Gott zu wahrhaft menschlichem Leben. Sozialethisch entscheidend ist deshalb die Frage: Wie können wir Gemeinschaften unterstützen, in denen Liebe aufrichtig wachsen kann? An diesem Massstab muss sich das Handeln der Kirche ausrichten – und da scheint es mir keinen Unterschied zu machen, wie die Paare zusammengesetzt sind.

Samstag, 1. Dezember, 9.45 – 17.15 Uhr: Nationale Tagung zum Thema Vielfältige Paare und Familien – herausgeforderte Kirchen. Die Tagung lädt ein zum offenen Dialog darüber, wie Kirchen und Gesellschaft mit der Vielfalt an Paar- und Familienformen umgehen sollen.