Das Kreuz mit der Homosexualität

Eine SRF-Radiosendung ging der Frage nach, warum sich Kirchen oft schwer tun mit der Homosexualität. Herausgekommen ist eine unaufgeregte Erörterung christlicher Homophobie. Eine Medienkritik.


Als «Absage an die christliche Identität Europas» wertete das Moskauer Patriarchat jüngst den Sieg der bärtigen Conchita Wurst am European Song Contest. Die Hetze gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle nimmt in Moskau, Riga und Tiflis zu: Schwulsein gilt als «unrussisch». Und zutiefst «unchristlich»: Wer im ehemaligen Ostblock homosexuell und Christin ist, trägt doppelt schwer.

Warum nur das christliche Kreuz mit Homosexualität? Diese Frage stelle nicht nur ich mir. Auf der Suche nach Antworten begab sich Judith Wipfler bereits im Mai 2013 an das Europäische Forum lesbischer, schwuler, bi- und transsexueller Christen im reformierten Kirchenzentrum Zug.

Aus aktuellem Anlass wurde das Feature am letzten Wochenende erneut ausgestrahlt. Vor Ort traf Wipfler auf die Moldauerin Lea. Die junge LGBT-Aktivistin berichtet vom erdrückenden Einfluss der orthodoxen Kirche auf die moldauische Gesellschaft. Schwule und Lesben fänden in der Kirche keinen Platz. Dahingegen versteht Lea Jesu Botschaft als «radikal inklusiv». Diese wende sich doch gerade an Randständige und predige Liebe.

Schwule als Vorzeichen des göttlichen Zorngerichts

Haben die Patriarchen etwas falsch verstanden? Kann denn Liebe Sünde sein? Ja, in der orthodoxen Tradition schon, wie Theologe Michael Brinkschröder erklärt. Er sieht die gegenwärtige Homophobie im orthodoxen Mönchtum begründet: Dieses tue sich schwer mit fleischlicher Lust. Umso mehr sei Homosexualität eine Sünde. Die Ostkirchen orientierten sich bis heute an frühen Kirchenvätern, eine historisch-kritische Wende blieb bis anhin aus. Neuerdings seien auch apokalyptische Deutungen im Schwange: Schwule gelten als Vorzeichen des göttlichen Zorngerichts. Wie bei den Evangelikalen.

Alles nur ein Problem der Christen anderswo? Wie halten es hiesige Christen mit Andersliebenden? Schwule und Lesben seien in ihrer Adliswiler Gemeinde willkommen, meint die methodistische Pfarrerin Esther Baier. Auch in Führungspositionen. Allerdings gebe es weder Hochzeit noch Segnungen für homosexuelle Paare. Ist das nicht ein Widerspruch, frage ich mich. Gibt es Gleichheit ohne gleiche symbolische Anerkennung? Kaum.

Es ist das Verdienst von Wipflers Beitrag, unaufgeregt und profund christlicher Homophobie anderswo auf den Grund gegangen zu sein. Hiesigen Christen hätte eine kritischere Nachfrage gutgetan. Zumal in aktuellen Überlegungen zur rechtlichen Aufwertung von Homo-Ehe und Patchworkfamilie gerade christliche Mahner ihre Stimme erhoben.

Zur SRF2-Radiosendung «Perspektiven» zum Thema Das Kreuz mit der Homosexualität