«Meine Playstation ist meine Burg»
Tobias Zehnder, in einem Essay im Magazin «bref» schreiben Sie entwaffnend ehrlich von Ihrem Leben als autistischer Pfarrer. Welche Reaktionen haben Sie zum Artikel erhalten?
Ich kann nur von positiven Rückmeldungen berichten. Einige Unverbesserliche, die Autismus heilen oder weg beten wollen, gab es auch. So gut die Absichten sein mögen, implizieren sie, dass eine Autistin, so wie sie ist, nicht gut ist. Autismus lässt sich nicht heilen. Besonders gefreut hat mich die Nachricht einer Kollegin, die ebenfalls im Spektrum ist. Sie hat sich im Text wiedererkannt.
Sie schildern das Pfarrhaus als «Gefängnis». Welche Schwierigkeiten gab es?
Das Leben im Pfarrhaus ist ein Leben unter Beobachtung. Die Sozialkontrolle ist hoch. Es gibt «Zuhause» wenig Privatsphäre und kaum richtige Erholungsphasen. Meine Zwänge musste ich jederzeit kontrollieren. Nach aussen hin sollte man von meinen «Schwächen» nichts merken. Meinen Bedürfnissen und Interessen nachgeben, meine ziemlich direkten Gedanken aussprechen, ja sogar meinen eigenen Sprachrhythmus halten, das alles konnte ich nur hinter geschlossenen Türen. Es gab eine Version von mir, die nur meine Frau kannte. Früher oder später musste das implodieren.
Sie schreiben, Sie haben nun eine «wunderbare Stelle» gefunden. Was ist an Ihrem aktuellen Arbeitsort anders?
Ich behaupte, auch viele Nicht-Autistinnen leiden an Kirche, so wie ich es getan habe. Vielleicht, weil Botschaft und Kirchenleben sich nicht decken. Da ist zum Beispiel die Aussage, dass Gott alle Menschen so liebt, wie sie sind. Leben wir das als Kirche? Wie inklusiv sind wir? Ich bin überall freundlichen Menschen begegnet. Mit vielen habe ich gerne zusammengearbeitet. Der Unterschied ist: Ich wusste nicht, dass ich Autist bin. Mein Autismus ist in meiner jetzigen Gemeinde kein Geheimnis mehr. Das brauchte Mut, erleichtert aber das gegenseitige Verstehen. Ich darf ich sein und muss mich nicht ständig erklären.
Sie haben Ihre Arbeitskolleginnen also eingeweiht.
Ich habe gleich im ersten Vorstellungsgespräch von meiner Diagnose erzählt. Meine Kolleginnen wissen, dass ich vor einer neuen Situation genau wissen muss, was passiert. Sie beantworten geduldig meine vielen Fragen. Ein Kollege aus dem Pfarrteam hat die Leitung eines grösseren Anlasses übernommen, für den ich gleich nach Stellenantritt zuständig gewesen wäre. Das hätte mich überfordert. So konnte ich mitgehen und alles kennenlernen. Zudem arbeite ich Teilzeit mit einem Pensum von fünfzig Prozent, was Phasen der Regeneration ermöglicht. Im Pfarrteam haben wir unsere Aufgaben nach Stärken aufgeteilt. Ich kann meine Spezialinteressen einbringen, wie zum Beispiel das Schreiben von Texten oder die Mitarbeit am Aufbau einer digitalen Präsenz.
Gab es einen stressigen Moment im Beruf, der Ihnen bis heute geblieben ist?
Ich erinnere mich an die Einsetzung im ersten Pfarramt. Der Kirchgemeinderat hatte viel Herzblut investiert. Alle Vereine kamen, in der Turnhalle gab es ein Essen. Es war ein richtiges Dorffest – mit Liebe und Freude ausgerichtet. Allerdings: Der Fokus auf mir und meiner Frau (sie ist auch Pfarrerin), all die Leute und Eindrücke, das hat mich masslos überfordert. Ich habe danach drei Tage geweint und getickt. Gerne erinnere ich mich dagegen an Lager und Ausflüge, in denen meine Frau und ich allein mit Kids unterwegs waren. Die sozialen Regeln, die mir schleierhaft sind, gewichten die Jugendlichen noch nicht ganz so stark. Sie sind gnädiger. Das war dann ein regelrechter Urlaub von der Pfarrrolle.
Tobias Zehnder (38) arbeitet als reformierter Pfarrer in Münchenbuchsee im Kanton Bern. Zehnder war Kaufmann, bevor er in Bern und Freiburg Theologie studierte. Seine ersten Pfarrstellen trat er in Krauchthal und Biel an. Zehnder ist verheiratet, seine Frau Jasmin ist ebenfalls Theologin. Das Paar lebt mit Hund Diego und Kater Tulio in Grossaffoltern, Ende April steht der Umzug nach Münchenbuchsee an. (jow)
Nach einem Gottesdienst dagegen sind Ihre Batterien leer. Wie tanken Sie auf?
Dafür muss ich den Gottesdienst «weglegen». Dabei helfen mir Menschen aus der Gemeinde, die mir Feedback geben und das Erlebte mit mir einordnen. Zuhause bespreche ich den Gottesdienst einige Stunden mit meiner Frau. Alle diese Menschen ersetzen für mich den Filter, den ich nicht habe. Erst danach kommt mein analytischer Kopf einigermassen zur Ruhe. Zur Erholung helfen Stille und Rituale, die gleichen Lieder hören oder TV-Serien immer wieder anschauen. Meine Playstation ist meine Burg. Gamen versetzt mein Hirn in den Stand-by-Modus. Auch meine Spezialinteressen oder die Arbeit an meiner geplanten Dissertation helfen mir, mich zu fokussieren.
Worum geht es in Ihrer Dissertation?
Im deutschsprachigen Raum gibt es praktisch keine wissenschaftliche Literatur zum Thema. Dieses Schweigen ist vielsagend. Ich möchte keine theologische Arbeit über Autismus schreiben, sondern eine autistische Arbeit über Theologie. Einen zentralen Platz nimmt die Sinneswahrnehmung ein. Die Art, wie wir Autistinnen die Welt wahrnehmen, ist beispielhaft dafür, dass der Mensch mehr als nur Hirn und Verstand ist. Ich glaube, zu einer inklusiven Theologie, die den Menschen mit Leib und Seele anspricht, ist aus autistischer Perspektive einiges zu sagen.
Weshalb müssen sich Kirche – und Theologie – für Autismus interessieren?
Lange Zeit war die Annahme, dass eine Person von Zehntausend autistisch ist. Seit den 1980er-Jahren hat sich dieses Bild drastisch verändert. Je nach Studie geht man vom Verhältnis von 1:200 oder sogar 1:50 aus. Die Wahrscheinlichkeit ist also gross, dass in jeder Kirchgemeinde mehrere Autistinnen leben. Fühlen sie sich in ihrer Kirche willkommen? Ich bezweifle es. Und selbst wenn es weniger Autisten wären: Jesus erzählt von dem Hirten, der loszieht, um ein einziges Schaf zurück zu holen. Solange es auch nur einen einzigen autistischen Menschen gibt, hat sich Kirche dafür zu interessieren. Sonst kann ich sie nicht ernst nehmen.
Was wünschen Sie sich als autistischer Pfarrer von der reformierten Kirche?
Wir Autistinnen können viel zum Kirchenleben beitragen, von dem auch andere profitieren. Unser ausgeprägtes Sensorium ist eine Stärke. Wir reagieren auf Eindrücke wie Lärm, Licht oder unklare Kommunikation, die auch neurotypische Menschen beeinflussen. Unser Gespür für Dissonanzen und unser präzises Nachfragen prädestiniert uns als gute Seelsorgerinnen. Es ist notwendig, dass wir gehört werden. Ich wünsche mir, zu Autismus-Spektrum-Störungen wie zu Behinderungen allgemein jene Aufklärungsarbeit, die wir aktuell im Bereich der queeren Theologie erleben. Nur mit Sensibilisierung entstehen Rahmenbedingungen, die es beeinträchtigten Menschen erlauben, sich und ihre Fähigkeiten einzubringen und zu entfalten.
Was hilft autistischen Personen, die einen Gottesdienst besuchen?
Als Privatperson wünsche ich mir Anlässe, in denen auf Licht, Lautstärke und klare Abläufe geachtet wird. Warum nicht Oropax beim Eingang deponieren, ein Programmheft für den Gottesdienst hinlegen und die Möglichkeit von Rückzugsräumen bieten? Was ich mir am Allermeisten wünsche: Ein Verständnis von Gemeinschaft und Nähe, das über Körperlichkeit und Kirchenkaffee hinausgeht. Die spirituelle Gemeinschaft der Christinnen hätte das Potential dazu.