Austrittswelle nach Missbrauchs-Studie bleibt vorerst aus
Der Evangelische Pressedienst (epd) hat in mehreren grossen, eher protestantisch geprägten Städten Deutschlands nach den Austrittszahlen aus der Kirche gefragt. Das Ergebnis: Die Zahlen sind weitgehend gleich geblieben. Der Religionssoziologe Detlef Pollack sieht die Skandalträchtigkeit des Themas Missbrauch als «weitgehend verbraucht».
In Berlin traten nach Angaben der Amtsgerichte im ersten Quartal dieses Jahres 3558 Menschen aus der evangelischen Kirche aus. Im ersten Quartal 2023 waren es 3576 gewesen. In Hannover hätten zwischen Januar und März 1134 Menschen die evangelische Kirche verlassen, teilte die Stadt dem epd mit, im Vergleich zu 1110 Menschen im Vorjahreszeitraum. In Bielefeld und Stuttgart ist es das gleiche Bild.
Ende Januar hatte ein unabhängiges Forschungsteam die ForuM-Studie vorgestellt. Es geht darin von mindestens 2225 Betroffenen und 1259 mutmasslichen Tätern aus, vermutet aber eine deutlich höhere Dunkelziffer.
Religionssoziologe Pollack vermutete, nach den früher bekannt gewordenen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche hätten viele Menschen kaum noch Erwartungen an die Kirchen gehabt, die somit auch nicht enttäuscht werden konnten. «Ich kann mir vorstellen, dass das Teil der Erklärung ist», sagte er dem epd. Zwischen evangelischer und katholischer Kirche differenzierten viele, vor allem kirchendistanzierte Menschen nicht.
Besonders Kirchenmitglieder räumten der evangelischen Kirche hingegen noch ein Vorschussvertrauen ein, sagte der Soziologe: «Es haben sogar Katholiken im Durchschnitt mehr Vertrauen in die evangelische Kirche als in die eigene.» Auch in der Durchschnittsbevölkerung sei das Vertrauen in die evangelische Kirche noch bedeutend höher als das in die katholische.
Ob dieses Vertrauen erhalten bleibt, hängt nach Pollacks Worten stark vom Umgang der evangelischen Kirche mit der ForuM-Studie ab. Der Umgang der katholischen Kirche mit ihren Missbrauchsfällen sei in dieser Hinsicht ein warnendes Beispiel. In der Öffentlichkeit sei nicht der Eindruck entstanden, dass es den Bischöfen um schonungslose Aufklärung gehe. Sollte die evangelische Kirche hier nicht wesentlich besser agieren, könne die Studie doch noch für höhere Austrittszahlen sorgen. (epd/ dst)