100. Geburtstag von Kurt Marti

«Auf Schönheit wird in unserer Kirche kein Wert gelegt»

Seine Dialektgedichte machten ihn zum Erneuerer der Mundartliteratur, wegen seiner politischen Einmischungen war er für viele ein rotes Tuch: Am 31. Januar wäre der Dichter und Theologe Kurt Marti 100 Jahre alt geworden. Eine Würdigung in Zitaten.

Der Dichter und Pfarrer Kurt Marti (1921-2017). (Bild: Keystone/Brigitte Friedrich)

In seinen letzten Lebensjahren kam er sich zunehmend überzählig vor, Freunden gegenüber bekannte er offen, dass er den Tod herbeisehnte: Am 11. Februar 2017 ist der Dichter und reformierte Theologe Kurt Marti im Alter von 96 Jahren gestorben.

Viele Jahrzehnte hatte der 1921 als Sohn eines Notars geborene Marti die kulturelle und politische Landschaft der Schweiz mitgeprägt. Der Träger zahlreicher literarischer und theologischer Preise war ein Mehrfachtalent: Mit seinen Gedichten in berndeutschem Dialekt revolutionierte er die Mundartliteratur, sein Lyrikband «rosa loui» von 1967 war eine Sensation.

Als kritischer Beobachter mischte sich Marti zudem in die politischen Fragen seiner Zeit ein. Seine Stellungnahmen gegen den Vietnamkrieg oder die atomare Aufrüstung und seine Beteiligung an der «Erklärung von Bern» trugen ihm den Ruf eines «Marxisten» ein. 1972 verweigerte ihm der Berner Regierungsrat deswegen gar einen Lehrstuhl für Homiletik.

Bis heute aktuell

Marti machte sich aber auch mit zahlreichen theologischen Publikationen und Predigten einen Namen. Bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung 1983 war er Pfarrer an der Berner Nydeggkirche. Er verstand sich nie ausschliesslich als Schriftsteller oder als Theologe, beides war für ihn untrennbar.

Literatur, Theologie, Politik: Wie vielfältig Martis Interessen waren, zeigt vielleicht keine Publikation so deutlich wie die «Notizen und Details». Sie versammeln auf knapp 1'500 Seiten die Kolumnen, die Marti über vierzig Jahre lang für die Zeitschrift «Reformatio» verfasste. Darin gibt es kaum ein Thema, dem er sich nicht zuwandte: Über Wohnungspolitik, Ärztemangel, Tempolimiten, das Fernsehprogramm oder die neue Landeshymne schrieb Marti ebenso pointiert wie über Waffenhandel, Entwicklungspolitik oder Tschernobyl. Und natürlich befasste er sich immer wieder mit Literatur, Theologie und Kirche.

Die folgenden Zitate sind den Kolumnen Kurt Martis entnommen – viele bleiben bis heute aktuell.

Moral
«Moralisten, die etwas taugen, sind es mit Unlust, denn Moralist sein verdirbt den Charakter. Noch mehr freilich wird dieser geschädigt durch eine Moral, deren Verlogenheit zu entlarven die Aufgabe von Moralisten bleibt.»

Kirche und Politik
«Wenn die Kirche auf Politik ‹ausweicht›, so ist und wäre das in der Tat bedenklich. Nicht weniger bedenklich jedoch ist und wäre eine Kirche, die vor politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen ‹ausweicht›, bedeutet solches Ausweichen doch immer auch ein Ausweichen vor der ‹zentralen christlichen Botschaft›. Wird aus dieser Botschaft der Bereich der Gesellschaft ausgeklammert, so hat die Botschaft aufgehört, zentral zu sein. Sie betrifft dann nur noch einen abstrakten, ungesellschaftlichen und apolitischen Menschen, den es – in dieser Reduktion auf isolierte Individualität – gar nicht gibt.»

«Schweizerischer» Geist
«Was ist denn überhaupt schweizerischer Geist? Für mich lautet die Antwort: schweizerisch ist der Geist, der das Attribut ‹schweizerisch› nicht braucht, sondern Geist kurzum ist. Ich liebe die Schweiz, weil es in ihr (wenn auch nicht unangefochten) Raum und reale Wirkungsmöglichkeiten für den Geist (ohne Attribut!) gibt. Ich fürchte für die Schweiz, wenn in ihr nicht mehr der Geist schlechthin, sondern der ‹schweizerische› Geist regieren soll.»

Schweizerpsalm
«Sagen wir’s doch rundheraus: der Text dieser Verlegenheitslandeshymne ist ein Blubo-Text, eine Blut- und Bodentheologie enthaltend, von der wir meinten, dass sie durch die Nazi-Theologie der deutschen Christen endgültig diskreditiert worden ist. Der Dichter mag es seinerzeit subjektiv zweifellos redlich gemeint haben. Aber man sollte doch aus der Geschichte auch lernen können. Und inzwischen hat uns die Geschichte gelehrt, dass Gottesaussagen solcher Art unvereinbar sind mit dem 3. Gebot: ‹Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen›.»

«‹…sitzend zur Rechten Gottes›: dieses dogmatische Bild besagt keineswegs, dass Christus auch auf Erden bei der Rechten sitzt, wie diese gerne annimmt.»

«Asylanten»
«Mit der Verwandlung von ‹Flüchtlingen› in ‹Asylanten› wurde sprachlich die Voraussetzung für eine Asylpolitik des sacro egoismo geschaffen. Unter ‹Flüchtling› stellt man sich Menschen vor, die bedroht, verzweifelt sind und deshalb ihrer Heimat entfliehen. ‹Asylant› hingegen? Ein viel härteres, hässlicheres Wort, klingt fast schon wie ‹Vagant› oder ‹Querulant›. Vom ‹Vagantenpack› zum ‹Asylantenpack› ist der Sprachschritt klein.»

«Kulturschaffende»
«Wer mich als ‹Kulturschaffenden› bezeichnet, mich bei diesem Misswort sogar behaften, mich mit ihm für oder gegen etwas verpflichten und einsetzen will, muss a priori mit meinem Unwillen rechnen. Ich bin kein ‹Kulturschaffender›. Oder aber so, wie alle um mich herum: die Journalisten, die Wissenschaftler, die Politiker, die Pfarrer, die berufstätigen Frauen und die Hausfrauen, die Köche, die Dachdecker, die Strassenwischer, die Migros-Kassiererinnen. Ist unsere Kultur denn überhaupt denkbar ohne Briefträger, ohne Kioskfrauen, ohne SBB, ohne Bus und Strassenbahn, ohne Elektriker, ohne Kanalisationsarbeiter, ohne (meist ausländische) Maurer, ohne (meist ebenfalls ausländisches) Spitalpersonal, ohne Polizisten und erst recht! – ohne Gärtner, ohne Bauern? Sie alle schaffen Kultur!»

Frauen in der Theologie
«Nach der Theologin Elga Sorge ist die Frau bereits in 1. Mose 1,27 als ‹Zweitmensch› konzipiert worden und steht von da her in der jüdisch-christlichen Tradition – nicht jedoch bei Jesus! – im Schatten des Mannes und erst recht im Schatten des männlichen Gottes. Aufgabe der Theologie wäre es somit, vom Licht Gottes/der Göttin so reden zu lernen, dass die Frauen nicht länger in dessen Schatten nahezu unsichtbar bleiben. Oder mit Charlotte von Kirschbaum zu reden: Die Frauen sind auf die ihnen eigene Weise nicht bloss gleichberechtigt, sondern auch ‹gleichbegnadigt›. Ihre Schattenexistenz war und ist eine einzige Anklage gegen Theologie und Kirche.»

Kirche und Schönheit
«Ich lese theologische Bücher, Zeitschriften, kirchliche Rundschreiben, Verlautbarungen. Sozusagen nie stosse ich auf die Wörter ‹schön› oder ‹Schönheit›. Als Pfarrer, als Christ bekomme ich Anweisungen, Empfehlungen, Ratschläge. Auch in ihnen fehlt die Kategorie der Schönheit ganz, geschweige denn, dass mir Winke gegeben werden, wie etwas schön gestaltet oder gemacht werden könnte. Schönheit, so scheint es, ist kein kirchlicher Wert, auf Schönheit wird in unserer Kirche kein Wert gelegt.»

«Noch immer spricht Hoffnung aus dem Satz, dass Gott kein Macher, sondern ein Schöpfer ist.»

Ohnmacht der Männer
«Weshalb aber befehlen Männer so gerne? Einleuchtend die Erklärung Hannis, meiner Frau: weil sie ihrem Glied nicht befehlen können. Kompensation somit? Plato schon klagte im ‹Timaios›: ‹Ein ungehorsames und selbständiges Ding ist es, wie ein Tier, das sich der Vernunft nicht unterwirft.› Jedenfalls ist nicht auszuschliessen, dass Männer sich für diese Befehlsohnmacht unbewusst schadlos halten wollen durch Beweise ihrer Befehlsmacht andern gegenüber. Wenn man(n) sich selber nicht wunschgemäss im Griff hat, will man(n) wenigstens andere in den Griff bekommen.»

Sprache der Theologie
«Die Subtilität und genau kontrollierte Begrifflichkeit der Theologie zeitigt nicht selten einen ähnlichen Effekt wie der peinlich auf korrekte Repetition bisheriger Glaubensaussagen achtende, mehr oder weniger fundamentalistisch geprägte Konservativismus: die Sprache wird steril! Wissenschaftlichkeit dort und Bekenntniskonformität hier werden zu einer Gedanken- und Sprachzensur verinnerlicht, die die Sprache mehr und mehr entweltlicht, entfremdet, entfleischlicht und ausdörrt.»

Fernsehkrimis
«Mag man etwa hören, es gebe im Fernsehen zu viele Krimis, das sei nicht von gutem, so teile ich diese Meinung nach gründlichem Augenschein nicht mehr. Nichts kann einem im Glauben an eine moralische Weltordnung mehr bestärken als Fernsehkrimis. Wo bestgemeinte Predigten und Erbauungsbücher noch Zweifel hinterlassen – die Krimis räumen sie aus und beruhigen: noch gibt es Gerechtigkeit, und unsere Welt bleibt fest in den Händen derer, die nur das Gute wollen und der Gerechtigkeit dienen! Wer etwas anderes behauptet, sieht zu wenig fern. Die ewigen Nörgler, Kritiker, Subversiven sollten mehr Fernsehkrimis betrachten, das würde sie eines Besseren belehren! Ich bin also dabei, fernsehend aus einem misstrauischen ein gutgläubiger Bürger zu werden.»

Zitate aus: Kurt Marti, «Notizen und Details 1964-2007», Theologischer Verlag Zürich, 2010 (Neuauflage: Wallstein Verlag, Göttingen). Die Zitate wurden teilweise geringfügig gekürzt.

Das bref Magazin hat Kurt Marti 2017 eine Sonderausgabe gewidmet. Darin schreiben Autorinnen und Autoren wie Ruth Schweikert, Adolf Muschg, Guy Krneta oder Patti Basler über ihren liebsten Marti-Text. Das Heft kann hier bestellt werden.