«Auf Glaubenssätze verweisen, ohne die Moralkeule zu schwingen»

Kirchen sollten sich zurückhaltend in politische Debatten einmischen, findet CVP-Präsident Gerhard Pfister. Aber verschaffen sich Religionsgemeinschaften in der stark säkularisierten Gesellschaft überhaupt noch Gehör in der Medienwelt? Journalistik-Professor Vinzenz Wyss über mögliche Kommunikationsstrategien.

Vinzenz Wyss, Professor am Institut für Angewandte Medienwissenschaft in Winterthur. (Bild: zvg)

Herr Wyss, ein Thinktank rund um den CVP-Präsident Gerhard Pfister verlangt von den Kirchen, dass sie sich weniger in politische Debatten einmischen. Stattdessen sollen sie eine «ethisch saubere Güterabwägung» der Öffentlichkeit präsentieren. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
Der CVP-Präsident kann nicht ernsthaft meinen, die Kirchen sollten sich in der Öffentlichkeit nicht mehr Gehör verschaffen. Das wäre angesichts ihres Bedeutungsverlusts fatal. Gerhard Pfister geht es um das Wie und da teile ich seine Auffassung, dass sie in öffentlichen Debatten weder politisieren noch moralisieren sollten. Vielmehr sollten sie in der öffentlichen Kommunikation tatsächlich als religiöse Institution auf christliche Glaubenssätze, Werte und Normen verweisen, die allenfalls mit wirtschaftlichen oder politischen Argumenten in Konflikt geraten.

Hat die Stimme von Religionsgemeinschaften im öffentlichen Diskurs noch Gewicht?
Die Stimmen der Religionsgemeinschaften sind für den Journalismus dann interessant, wenn sich damit in einer journalistischen Geschichte eine Irritation fabrizieren lässt. Aufmerksamkeit lässt sich vor allem dann generieren, wenn das religiöse Argument auf ein politisches, wirtschaftliches oder auf ein wissenschaftliches prallt. 

Sich in die Debatte einmischen ist das Eine. Von den Medien wahrgenommen werden das Andere. Finden Kirchen überhaupt noch Gehör?
Unsere empirischen Studien machen deutlich, dass es religiöse Themen generell sehr schwer haben, von den Medien beachtet zu werden, wenn wir nicht gerade Ostern oder Weihnachten feiern. 

Werden Religionsgemeinschaften in den Medien unterschiedlich dargestellt?
Tatsächlich haben wir in Inhaltsanalysen das Muster festgestellt, dass verschiedene Religionsgemeinschaften häufig in unterschiedlichen Rollen medial inszeniert werden. Muslime werden häufiger als Kriminelle dargestellt, die Buddhisten als Helden, die Juden finden sich oft in der Opferrolle, die Katholiken in der Rolle der «guten Mutter».

Gute Mutter?
Die Rolle der sich aufopfernden Helferin, die ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt, auf vieles verzichtet, um eben Gutes zu tun. Dieses Rollenbild macht in der Berichterstattung über Katholiken immerhin 20 Prozent aus. Wir finden sie aber auch in 13 Prozent der Beiträge als Schuldige, etwa dann, wenn es um Pädophilie geht.

Wie werden die Reformierten wahrgenommen?
Da zeichnet sich leider kein klares Muster ab. Ihnen fehlt ein scharfes Profil, das von prominenten Köpfen verkörpert wird. Bei den Katholiken nehmen diese Rolle die Bischöfe oder der Papst ein.

Was bedeutet das für die reformierte Kirche?
Für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit wäre es tatsächlich wichtig, wenn man als Repräsentant einer Religionsgemeinschaft in einer journalistischen Geschichte eine narrative Rolle spielen kann. Warum nicht gerade die Rolle, die Gerhard Pfister für die Kirchen vorschwebt? Also die sozialethische Instanz, welche bei einer Güterabwägung bei Themen wie etwa dem Bankgeheimnis, erneuerbaren Energien oder Migration christliche Werte in die Waagschale wirft.

Die Kirche sollte bei diesen Themen die Moralkeule schwingen?
Keineswegs. Genau darunter leiden die Freikirchen, welche in den Medienberichten oft als ausgrenzende Moralisierer inszeniert werden und dieses Image nicht mehr loswerden. Die Kirchen sollten sehr wohl auf christliche Glaubenssätze oder Normen verweisen, jedoch ohne gleich die Moralkeule zu schwingen. Das heisst, sie sollten sich tatsächlich in politischen Diskursen proaktiv zu Wort melden. Und sich dort eben als religiöse und nicht als politische Instanz kommunikativ einbringen. Es gibt viele Themen, bei denen die religiöse Perspektive mit politischen oder wirtschaftlichen Perspektiven gekoppelt werden könnte, Themen wie die Kommerzialisierung unserer Welt, das gerechte Sozialsystem, der Umgang mit Flüchtlingen, oder die Ehe für Alle.

Sie denken, dass man in einer stark säkularisierten Gesellschaft mit Glaubenssätzen punkten kann?
Das kann tatsächlich eine Gratwanderung sein. Aber nur so bekommt die Kirche ein Profil, ein Alleinstellungsmerkmal. So bietet sie Orientierung. Vielleicht verliert man dadurch Mitglieder, ist dafür aber glaubwürdig. Wenn sich die Kirche kommunikativ anbiedert, es allen recht machen will, wird sie verzichtbar.

Wie sollen diese Glaubenssätze an die Medien getragen werden?
In Form von Geschichten. Mit Geschichten kennen sich die Kirchen ja dank der Bibel aus. Auch Journalisten wollen Storys erzählen. Nur sollte die Kirche das proaktiv machen und nicht warten, bis der Journalist auf sie zukommt. Im Regionalen sehe ich viel Potential, auf diese Weise Themen zu platzieren. Wobei man sagen muss, dass bei Journalisten mit Bezug auf Religion sehr wenig Spezialwissen vorhanden ist.

Wie kommt das?
Durch den Personalabbau bei den Medien gibt es kaum Fachjournalisten mehr. Kommt dazu, dass gemäss einer aktuellen Journalistenbefragung in der Schweiz 47 Prozent der Journalisten konfessionslos sind. Für sie ist Religion also etwas sehr fernes.

Was bedeutet das für die Kirchen?
Man muss damit leben, auch mal das ABC der Kirche zu erklären. Nicht viele wissen, was eine Synode ist. Es ist eine Chance der kirchlichen Kommunikationsabteilungen, diese Wissenslücken zu füllen.

 

Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik am Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW Winterthur.