«Die Kirchen sind zu Meinungsmaschinen geworden»

Theologieprofessor Ralph Kunz hat mit Gleichgesinnten wie CVP-Präsident Gerhard Pfister den Thinktank «Kirche/Politik» gegründet. Von der Kirche wünscht er sich differenziertere Stellungnahmen in politischen Debatten.

Wünscht sich mehr Ethik statt Moral in den kirchlichen Debatten über Politik: Der reformierte Theologe Ralph Kunz. (Bild: ZVG)

Herr Kunz, CVP-Präsident Gerhard Pfister sieht den Thinktank «Kirche/Politik» als Mittel, um die Einmischung der Kirche in die Politik einzudämmen. Sie sind als Theologe mit an Bord. Lassen Sie sich für die Ziele von Herrn Pfister einspannen?
Nein, überhaupt nicht. Erstens ist Herr Pfister nicht der Sprecher des Thinktanks, und zweitens ist der Thinktank kein Instrument, um die Einmischung der Kirche in die Politik zu verhindern. Im Gegenteil, es geht um die Frage, wie die Kirchen auf konstruktive Weise mitmischen. Herr Pfister drückte seinen Ärger darüber aus, wie einzelne Kirchenexponenten in die politische Debatte eingreifen. Nämlich so, dass ein Gespräch erst gar nicht in Gang kommt. Diesen Ärger kann ich ein Stück weit verstehen.

Inwiefern?
Die Kirchen, die reformierte Kirche im speziellen, sollten in erster Linie Diskursgemeinschaften sein. Wenn ich die Debatten in den letzten Jahren verfolge, habe ich den Eindruck, dass dieser Diskurs stecken geblieben ist. Man begnügt sich damit, moralische oder gesinnungsethische Parolen abzugeben. Die Kirchen sind zu Meinungsmaschinen geworden. Im Thinktank stellen wir uns daher die Frage, wie politische Sachfragen von der Kirche aufgegriffen und in der Öffentlickeit kommuniziert werden können, damit es nicht bei Parolen, Meinungsäusserungen und einem blossen Schlagabtausch bleibt.

Wie müssten politische Debatten in der Kirche denn geführt werden?
Ich erwarte von Kirchenvertretern, dass sie ihre politischen Überlegungen verantwortungsvoll zum Ausdruck bringen. Dass sie sich Gedanken darüber machen, welche Folgen ihr politisches Handeln hat und ob sie diese Folgen verantworten können. Es geht um eine ethische Reflexion über Moral. Wir sind sonst schnell bei einer Schlagwortpolitik, wenn wir als Christen nur herausposaunen, was wir für richtig und falsch halten und es religiös mit Jesus unterbuttern.

Trotzdem sind Pfarrpersonen keine Ethiker. Sie haben einen prophetischen Auftrag.
Das stimmt. Und zum prophetischen Amt gehören auch politische Stellungnahmen. Bei kontroversen Fragen braucht es aber zusätzlich Plattformen, auf denen andere Meinungen ausgedrückt werden können. Zum Beispiel in der kirchlichen Erwachsenenbildung. Das Redemonopol am Sonntagmorgen macht die Mitteilung politischer Überlegungen zu einer verantwortungsvollen Sache. Pfarrpersonen dürfen nicht vergessen, dass es aus christlicher Perspektive zu vielen Fragen unterschiedliche Haltungen geben kann. Auch für die Kirchenleitungen gilt, dass sie nicht einfach über die Köpfe ihrer Mitglieder hinweg Parolen ausgeben sollten.

Sollten Kirchen politisch zurückhaltender sein?
Ich glaube nicht, dass sich die Kirchen zu jeder Volksabstimmung äussern müssen. Aber es gibt so etwas wie den Bekenntnisfall, den Status Confessionis. Das heisst, es gibt Momente in der Geschichte der Menschheit, in der die Kirche Stellung beziehen muss. Die Kirchen müssen sich fragen, wann es wichtig ist, dass sie sich zu Wort melden. Und wann es überflüssig oder sogar kontraproduktiv ist.

Wann muss die Kirche unbedingt Stellung beziehen?
Darauf gibt es keine abschliessende Antwort. Das klassische Beispiel ist das Dritte Reich, als ein autoritäres Regime an die Macht kam. Da musste die Kirche dagegentreten. In der Demokratie ist die Sache aber etwas komplexer. Hier ist Politik ein Raum der Debatte, das heisst es braucht Kontroversen. Wenn nun die Kirche in diesen Raum tritt und sagt, sie habe Gott und die Heilige Schrift auf ihrer Seite, dann entsteht eine Asymetrie. Was das bewirkt, wenn im politischen Raum religiös argumentiert wird, darüber will der Thinktank nachdenken.

Die Kirchen werden immer wieder dafür kritisiert, dass sie sich in die Migrationspolitik einmischen. Sollten sie sich besser heraushalten?
Nein, es ist extrem wichtig, dass sich die Kirche in der Migrationspolitik für die Barmherzigkeit stark macht. Nur sollte das aus einer begründeten und gescheiten Position heraus geschehen. Dazu gehört, dass die Kirche nicht von vornherein moralisiert und die Menschen, die aufgrund der Migration um ihre Identität fürchten, nicht aufs rassistische Abstellgleis verbannt. Das wäre ein Beispiel, wie die Kirche mehr Nachdenklichkeit in die Debatte bringen könnte.

Mehr Reflexion in der Debatte ist ein erklärtes Ziel des Thinktanks. Wie wollen Sie das erreichen?
Bei uns in der Schweiz sind öffentliche Debattenräume immer noch selten. Mit dem Thinktank wollen wir einen neuen Raum erschliessen. Das könnte so aussehen, dass wir zweimal im Jahr eine öffentliche Tagung halten, zu der wir unterschiedliche Menschen einladen, Politiker, Akademikerinnen, aber auch Menschen von der kirchlichen Basis. Unser Ziel ist, dass wir lernen, auf eine gute Weise zu streiten.