«Meisterin der Dystopie» sorgt sich um die Zukunft
Frauenrechte, Rassismus, Klimawandel, religiöser Fundamentalismus und Populismus: Es sind zentrale Fragen, mit denen sich die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood beschäftigt. Die Autorin wird am 18. November 85 Jahre alt.
Der 1985 veröffentlichte Bestseller «Der Report der Magd» spielt in einer nahen Zukunft, in der ein totalitäres, religiöses Regime die Macht übernommen hat und Frauen zu «Gebärmaschinen» degradiert werden. Atwood schrieb den Roman 1984 in West-Berlin. Wer jedoch meint, dass die dystopische Erzählung nur ihrer Fantasie entsprungen sei, den korrigiert die zierliche Frau mit den silbernen Locken: Sie habe nichts erfunden, all die grausamen Dinge seien so oder so ähnlich schon irgendwo einmal passiert.
Knapp 40 Jahre nach Erscheinen stieg das Buch am Tag nach der Wahl von Donald Trump Anfang November erneut weit nach oben in der Amazon-Verkaufsliste – wie bereits 2017, als Trump erstmals US-Präsident war und der Roman als Serie verfilmt wurde. «The Handmaid's Tale» hat 15 «Emmys» erhalten. Die sechste und letzte Staffel soll im Frühjahr 2025 ausgestrahlt werden.
Im Buch tragen die unterdrückten Frauen rote Umhänge und weiße Hauben. So gekleidet haben US-Amerikanerinnen auch gegen strengere Abtreibungsgesetze protestiert, etwa 2022, als das Recht auf Abtreibung vom Obersten Gerichtshof der USA aufgehoben wurde.
Als «Prophetin» wird Atwood oft bezeichnet. So sieht sie sich aber nicht. Auch sei «Der Report der Magd» keineswegs anti-religiös. Vielmehr wolle sie zeigen, dass Religion auch missbraucht werden könne, hat sie in Interviews betont. Sie bezeichnet sich als Agnostikerin.
Schulen verbieten den Bestseller
Allein vom englischsprachigen Original wurden mehr als acht Millionen Exemplare verkauft. Aber das Buch provoziert noch immer und steht auf dem Index mancher Schulbibliothek in den USA. Als Autorin und eine von mehreren Vizepräsidentinnen der weltweiten Schriftstellervereinigung PEN International protestierte sie 2022 gegen die Zensur und präsentierte dafür ein feuerfestes Exemplar von «The Handmaid's Tale».
Atwoods rund 60 Romane, Essays, Kurzgeschichten und Gedichte sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden. Den internationalen Durchbruch brachte ihr 1969 erschienener Roman «Die essbare Frau». Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 2017 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seit Jahren gilt sie als Kandidatin für den Literaturnobelpreis.
Sorge um die Zukunft
Durch ihr Leben zieht sich die Liebe zur Natur: Ihr Vater war Insektenforscher, mit den Eltern verbrachte sie die Sommermonate regelmässig in der kanadischen Wildnis. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für den Vogelschutz und beschäftigt sich mit der Klimakrise, der Verschmutzung der Weltmeere, mit Bürgerkriegen und Flüchtlingskrisen. Die Mutter einer Tochter, die zweimal verheiratet war, lebt in Toronto.
Sie sorge sich um eine lebenswerte Zukunft – nicht für sie selbst, sondern für die jüngere Generation, erklärt Atwood. Trotz der Weltuntergangsszenarien in ihren Werken sei sie Optimistin geblieben, betont sie immer wieder.