Das Internet als Ort der antisemitischen Hetze

Laut Antisemitismusbericht 2019 ist die Zahl antisemitischer Vorfälle in der Deutschschweiz leicht gesunken. Anlass zur Sorge geben aber weiterhin Verschwörungstheorien. Gewütet wird vor allem online auf Facebook und Twitter.


Der leichte Rückgang betrifft sowohl die reale Welt als auch das Internet, wie der am 25. Februar veröffentlichte Antisemitismusbericht 2019 des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) aufzeigt.

In der Statistik erscheinen für das abgelaufene Jahr 38 Vorfälle, 2018 waren es 42. Online wurden 485 Vorfälle registriert, fünfzig weniger als im Vorjahr. Laut SIG und GRA muss jedoch von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.

Unter den 38 Vorfällen in der realen Welt waren neun Beschimpfungen und sieben Schmierereien. Tätlichkeiten und Sachbeschädigungen wurden in der Deutschschweiz keine gemeldet. In der Schweiz kommt es generell zu weniger gewalttätigen Übergriffen als in europäischen Nachbarländern.

Verschwörungstheorien weit verbreitet

Grosse Sorgen macht dem SIG und der GRA jedoch weiterhin der Onlinebereich. In Kommentarspalten von Medienwebseiten und in den sozialen Medien sind Qualität und Ausmass der Übergriffe in der Schweiz und im Ausland auf einem vergleichbaren Niveau. Die häufigsten Inhalte sind Verschwörungstheorien, gefolgt von israelbezogenem sowie allgemeinem Antisemitismus.

Sechzig Prozent der Online-Vorfälle wurden auf Twitter beobachtet, dreissig Prozent auf Facebook. Bei den Zeitungen lagen 2019 die Kommentarspalten von «Basler Zeitung» und «Tages-Anzeiger» in Sachen antisemitischer Äusserungen vorne, allerdings im tiefen zweistelligen Prozentbereich (je 2,7 Prozent).

Mehr Vorfälle nach bestimmten Ereignissen

Bei der zeitlichen Verteilung der Vorfälle spielen sogenannte Trigger eine zentrale Rolle. Darunter sind Anlässe zu verstehen, die für einen begrenzten Zeitraum eine massiv höhere Anzahl an antisemitischen Vorfällen auslösen.

Die grösste Spitze im Berichtsjahr wurde in der Kalenderwoche 14 durch einen grossen und einen kleinen Trigger ausgelöst: ein Artikel über einen jungen Mann, der sich entschieden hatte, nicht mehr Teil der streng religiösen jüdischen Gemeinschaft in Zürich zu sein, sowie die Ankündigung von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, das Westjordanland annektieren zu wollen.

Worte können zu Taten werden

Die jüngsten rechtsextremistischen Anschläge in Pittsburgh, Christchurch, Poway und Halle durch Anhänger von Verschwörungstheorien machen laut SIG und GRA deutlich, dass deren Verbreitung zu realen Taten mit gravierenden Folgen führen kann. Zivilgesellschaft, Politik und Bildung müssten deshalb mit Zivilcourage, politischem Engagement und Präventionsmassnahmen der Verbreitung solcher Theorien entgegentreten.

Im September hat der Ständerat beim Bundesrat einen Bericht bestellt zur Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance. Der Bericht könnte laut Innenminister Alain Berset als Basis für Diskussionen und Massnahmen dienen. (sda)