Krieg im Nahen Osten
Antisemitische Angriffe in Europa könnten von Iran aus gesteuert sein
In London brannten vier Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes (ref.ch berichtete), im belgischen Lüttich erschütterte eine Explosion die dortige Synagoge und die Nachbarschaft. Seit Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran kam es in mehreren europäischen Städten zu antisemitischen Attacken – als Teil einer hybriden Kriegsführung Teherans?
Obwohl es zum jetzigen Zeitpunkt keine eindeutigen Beweise für eine iranische Beteiligung an den Anschlägen gebe, «deuten die Umstände stark auf eine von Iran unterstützte Aktivität hin», schreibt Julian Lanchès vom International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) in einer aktuellen Analyse. Die Londoner Polizei prüft bei ihren Ermittlungen auch ein mutmassliches Bekennervideo der neuen Gruppierung Harakat Ashab al-Jamin al-Islamia, deren Name seit Tagen immer wieder auftaucht.
Verdacht besteht seit Jahren
Die Gruppe habe sich zu weiteren Anschlägen in Europa bekannt und habe möglicherweise Verbindungen zum iranischen Staat, sagte der Londoner Polizeichef Mark Rowley der Nachrichtenagentur PA zufolge. Er schränkte ein: «Es ist noch zu früh für mich, den Angriff in Golders Green dem iranischen Staat zuzuschreiben.» Noch gilt der Brandanschlag auf den Rettungsdienst als antisemitisches Hassverbrechen, nicht als Terrorakt. Die Polizei hat mittlerweile zwei Männer im Alter von 47 und 45 Jahren festgenommen, auf den Überwachungsvideos waren drei mutmassliche Täter zu sehen.
Die Sicherheitsbehörden etlicher Länder prüfen seit Jahren bei antisemitischen Straftaten oder Plänen dafür, ob Spuren nach Teheran führen. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 hat nach eigenen Angaben innerhalb von zwölf Monaten «mehr als zwanzig potenziell tödliche, vom Iran unterstützte Anschlagspläne verfolgt».
Zweifel an Echtheit der Gruppe
Inwieweit sich tatsächlich eine neue islamistische Gruppierung gebildet hat, ist offen. Harakat Ashab al-Jamin al-Islamia lässt sich in etwa mit der Islamischen Bewegung der Gefährten der Rechtschaffenden übersetzen. ICCT-Autor Lanchès listet mehrere Ungereimtheiten in der Verbreitung der Bekennerschreiben und Botschaften über die einschlägigen sozialen Netzwerke auf.
«Es sieht so aus, als ob es eine Fassade wäre», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Dafür spreche etwa, dass die Gruppe keinen eigenen Telegram-Kanal habe, und auch, dass das Wort «islamistisch» im Arabischen falsch geschrieben sei. Er betont, dass es viele Hinweise gebe, dass der Iran hinter diesen Anschlägen stecke.
Die bisherigen Angriffe könnten auch «als Signal» aus Teheran verstanden werden, dass es sowohl bereit als auch in der Lage sei, «Operationen in Europa durchzuführen», steht in der ICCT-Analyse. Dabei werde «eine gewisse plausible Abstreitbarkeit» aufrechterhalten, durch die eine europäische Reaktion erschwert werde. (dpa/ sda/ dst)