Abstimmung zur Biodiversität

Verbaut, begradigt, verschmutzt

Um die Biodiversität in der Schweiz steht es nicht gut. Das zeigen diverse Studien. Die Gründe sind vielfältig. Die meisten haben aber mit der Übernutzung der Landschaft durch uns Menschen zu tun.

Flüsse werden teilweise wieder renaturiert, hier zu sehen die Kleine Emme. (Bild: Urs Flüeler/ Keystone)

Diesen Sommer nahm mich ein Schmetterlingsforscher mit auf eine kleine Wanderung an den Gastlosen im Grenzgebiet der Kantone Bern und Freiburg. Die Sonne strahlte, die Wiesen leuchteten in allen Farben – und über ihnen tanzten, flatterten und segelten die Falter. Dutzende, Hunderte. Innert kürzester Zeit hatten wir – ich als staunender Zuschauer – über 30 Tagfalter-Arten gefunden und bestimmt.

Ich kenne mich etwas aus mit Tieren und habe selbst in meinem Garten viele Blumen, die einige Schmetterlinge und andere Insekten anlocken. Aber so etwas hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Vor allem auf einer solchen Fläche: Praktisch während der gesamten Wanderung wimmelte es von Tagfaltern – auf Trockenwiesen, an Strassenborden, in feuchten Senken entlang eines Bächleins. Es gab mir zu denken, als mir der Experte erklärte, früher seien solche Bilder auch im Mittelland gang und gäbe gewesen.

Tatsächlich haben Lebensräume, in denen sich Schmetterlinge wohlfühlen, im letzten Jahrhundert dramatisch abgenommen. So verschwanden in der Schweiz seit dem Jahr 1900 rund 95 Prozent der Trockenwiesen und -weiden, auf denen viele verschiedene Pflanzen gedeihen. Sie wurden entweder überbaut oder durch den Einsatz von Dünger in Fettwiesen verwandelt, die zwar nahrhafteres Futter fürs Vieh liefern, aber von wenigen, anspruchslosen Pflanzenarten dominiert werden.

Hälfte der Lebensräume gefährdet

Das Bild gilt nicht nur für Blumenwiesen und Schmetterlinge. Biologinnen und Biologen unterscheiden in der Schweiz 167 Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten – vom Rebberg und Hochstammobstgarten über den Flaumeichen- und den Orchideen-Buchen-Wald bis zum Moortümpel und zur Quellflur. Gemäss einer im Auftrag des Bundesamts für Umwelt im Jahr 2016 veröffentlichten Studie sind 48 Prozent dieser Lebensräume in der Schweiz gefährdet. 

Besonders stark gelitten hätten beispielsweise Lebensräume in und um Süssgewässer, sagt Eva Spehn, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Forum Biodiversität der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz. Der Mensch verbaute, begradigte, verschmutzte und überdüngte sie. 90 Prozent aller Moore und Auen wurden in der Schweiz seit 1850 zerstört. 

Schaut man sich die einzelnen Arten an, ist die Bilanz ähnlich düster: In der Schweiz wurden bislang 56‘000 verschiedene Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen nachgewiesen. Etwas mehr als 10‘000 Arten hat man genauer untersucht – mehr als ein Drittel davon gelten als gefährdet. Bei den Reptilien und Amphibien etwa sind 80 Prozent der Arten gefährdet. «Alles in allem», sagt Eva Spehn, «steht es nicht gut um die Biodiversität in der Schweiz.»

Verbesserungen – aber auf tiefem Niveau

Allerdings ist es enorm schwierig, die Situation der Biodiversität in der Schweiz insgesamt zu beurteilen», ergänzt Ariel Bergamini von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Denn von vielen Arten weiss man gar nicht, wie häufig sie sind – geschweige denn, wie gross ihre genetische Vielfalt und damit unter anderem auch ihre Anpassungsfähigkeit ist.

Zudem kommt es darauf an, welche Biodiversität man anschaut und welche Vergleichspunkte man setzt. Zählt man einfach Arten? Vergleicht man Populationen oder die Häufigkeit von Individuen? Schaut man in den Alpenraum oder ins Mittelland? Vergleiche man den heutigen Zustand mit jenem vor hundert Jahren sei klar, dass die Natur an Raum und an Vielfalt verloren habe, sagt Bergamini. Gegenüber den 1990er-Jahren hingegen seien in einigen Bereichen durchaus Verbesserungen zu verzeichnen.  

«Viele Moore trocknen weiter aus.»
Ariel Bergamini, WSL

«Seit dann wurden viele Natur- und Artenschutzmassnahmen eingeleitet – und es ist wichtig zu sehen, dass es mit geeigneter Förderung gelingt, den Biodiversitätsverlust aufzuhalten», sagt Bergamini. Ein Beispiel seien Amphibienlaichgebiete. Im Kanton Aargau wurden in den vergangenen 30 Jahren mehr als 400 neue Weiher und Tümpel erstellt – mit der Folge, dass der Abwärtstrend bei praktisch allen Fröschen, Kröten und Molchen gestoppt werden konnte. Ähnliche Projekte laufen auch in anderen Kantonen.

Ariel Bergamini leitet an der WSL die Wirkungskontrolle des Schutzes von Biotopen nationaler Bedeutung. Der Schutz dieser aus Naturschutzsicht wichtigsten verbleibenden Flächen sei grundsätzlich eine Erfolgsgeschichte, sagt er. Die Schweiz hat seit Beginn der 1990er-Jahre rund 7000 Biotope von nationaler Bedeutung unter Schutz gestellt, die eine Fläche so gross wie der Kanton Schwyz bedecken. 

Mehr Pflege, mehr Platz, mehr Vernetzung

Bergaminis Kontrollen haben zum Beispiel gezeigt, dass Hochmoore des Mittellandes etwas weniger stark von Gebüschen und Bäumen überwachsen sind als vor einigen Jahrzehnten. Trotzdem, sagt er, gebe es noch zu wenige Verbesserungen. «Viele Moore trocknen weiter aus, weil noch nicht alle Entwässerungsgräben entfernt wurden und in den Trockenwiesen nimmt teilweise die Verbuschung zu.» 

Um die biologische Vielfalt in der Schweiz zu erhalten und zu fördern, braucht es laut den beiden Experten verschiedene Massnahmen. «Gerade um die Juwelflächen, die Biotope von nationaler Bedeutung, müssen wir uns konsequenter kümmern – beispielsweise, indem wir Moore vollständig von Drainagen befreien», sagt Eva Spehn. 

Zudem benötige die Natur schlicht mehr Platz, damit auch anspruchsvolle, seltene Arten eine Überlebenschance hätten: Biodiversitätsförderflächen in der Landwirtschaft, renaturierte Gewässer oder artenreiche Gärten, Pärke und Strassenborde in Dörfern und Städten. «Solche Flächen müssen für die Nutzung nicht verloren sein», sagt Eva Spehn. «Eine schonende Bewirtschaftung oder Freizeitnutzung und Biodiversität schliessen sich nicht aus.»

«Arten müssen die Möglichkeit haben, neue Flächen zu besiedeln.»
Eva Spehn, Akademie der Naturwissenschaften Schweiz

Schliesslich, sagt die Expertin, müssten die Lebensräume besser vernetzt werden, sodass Arten die Möglichkeit haben, neue Flächen zu besiedeln oder ein grösseres Areal zu nutzen. Viele Fledermausarten beispielsweise jagen bevorzugt im Wald und vermeiden offene Flächen. Um von Waldstück zu Waldstück zu gelangen, brauchen sie Hecken, Baumreihen oder sonstige Strukturen, die das Echo ihrer Ultraschallrufe zurücksenden, sonst verlieren sie die Orientierung.

Abstimmung über die Biodiversitäts-Initiative

Soll die Natur in der Schweiz stärker geschützt werden? Im Kern um diese Frage dreht sich die Abstimmung zur Biodiversitätsinitiative, über die das Schweizer Stimmvolk am
22. September 2024 entscheidet.

Die Initianten, darunter Natur- und Umweltorganisationen wie die Stiftung für Landschaftsschutz, der Heimatschutz und Pro Natura, fordern unter anderem, dass Landschaften, Ortsbilder und Kulturdenkmäler zu «praktisch unantastbaren» Schutzobjekten deklariert werden und mehr Flächen für den Aufbau und Erhalt der Biodiversität bleiben.

Den Gegnern, darunter Vertreterinnen von Bauern- und Gewerbeverband, geht der Vorstoss zu weit. Sie argumentieren unter anderem, die Landwirtschaft würde zu stark eingeschränkt, Berggebiete und Tourismus würden geschwächt und die Umsetzung der Initiative würde zu hohe Kosten verursachen.

Die Redaktion von ref.ch beleuchtet das Thema in einer Artikelreihe, die bis zur Abstimmung vervollständigt wird. (jow)

Wie schlimm ist es, wenn einige Tier- oder Pflanzenarten vollständig aus der Schweiz verschwinden? Zum einen, argumentieren Naturschützer, sollte jede Art schon ihrer selbst willen überleben können. Zum anderen übernehmen Arten Aufgaben, die auch uns Menschen nützen. Um solche so genannten Ökosystemleistungen zu erkennen, müsse man manchmal genau hinschauen, erzählt Eva Spehn. 

Der Walliser Schwingel ist ein unscheinbares Gras, das in den Alpen und im Kaukasus wächst. Es hat eine Eigenschaft, die es sehr wertvoll macht: Es ist im Gegensatz zu anderen Pflanzen in der Lage, Trockenheit zu ertragen und kann deshalb an Erosionskanten gut gedeihen. «Der Schwingel sichert gefährdete Stellen und verhindert dadurch ein Fortschreiten der Erosion.» Dieses Beispiel zeige, dass wir alle von einer funktionierenden biologischen Vielfalt profitierten.