Abstimmung zur Biodiversität

Die reformierte Pioniergemeinde

Als eine der Ersten schweizweit hat die reformierte Kirchgemeinde Meilen auf Ökologie gesetzt. An Grenzen stösst das Engagement aber auch heute noch, wie ein Ortsbesuch zeigt.

Das Kirchendach in Meilen ist aus dem 16. Jahrhundert, Solarzellen sind darum hier keine zu finden. (Bild: Christian Beutler/ Keystone)

An den Stauden reifen die Tomaten, im Beet nebenan ragen Erdbeerblätter aus dem Boden. In einer Ecke liegen quer ein Dutzend Äste aufeinander, verblühte Disteln stehen daneben. Manche würden den Garten beim reformierten Pfarrhaus in Meilen «ungepflegt» nennen, doch dieser ist bewusst so gestaltet.

«Als meine Frau und ich vor drei Jahren hierher zogen, war es uns ein Anliegen, die Biodiversität zu fördern», sagt Pfarrer Erich Wyss. Das Ehepaar entfernte Kirschlorbeer, setzte stattdessen heimische Kulturpflanzen, liess Brennesseln wachsen. Die Disteln locken Finken an, unter den Ästen überwintern die Igel. Schafgarbe und Wiesenschaumkraut sind ohne Zutun gewachsen, und im Gebälk des Pfarrhauses haben sich Fledermäuse niedergelassen. 



Biodivers zu wirken sei eine Wissenschaft für sich, sagt Erich Wyss. Er versuche, mit einfachsten Mitteln etwas zu verändern. Für die Gartenbewirtschaftung gibt es gewisse Vorschriften. Einige Regeln sind in der Kirchenordnung festgehalten – etwa darf nicht ohne Zustimmung der Kirchenpflege ein Baum gepflanzt werden. Der Austausch ist laut Wyss sehr gut. «Wir arbeiten Hand in Hand zusammen.»

«Wir arbeiten Hand in Hand zusammen.»
Erich Wyss, reformierter Pfarrer Meilen

Biodiversität bedeute nicht nur Arbeitseinsatz, also Interesse und Zeit, sondern auch Geld. «Es ist einfach zu sagen: Man muss mehr tun. Es gibt immer auch pragmatische Gründe, die dagegensprechen können», sagt Wyss. Als er sich auf die Pfarrstelle in Meilen beworben habe, sei das ein bewusster Entscheid gewesen – auch weil Meilen das Label «Grüner Güggel» trägt. Damit werden besonders ökologische Kirchgemeinden ausgezeichnet. «Ich wusste, dass Meilen ein Pionier ist in Umweltfragen, das hat mich angesprochen», sagt Wyss. 

Kleine Veränderungen vornehmen

Tatsächlich gab es in der Zürichseegemeinde in einer Kirchgemeindekommisison bereits 2009 Überlegungen, umweltfreundlicher zu werden. 2010 begannen die Meilemer, Daten zu Strom-, Öl- und Wasserverbrauch zu sammeln, wie sich Feyna Hartman erinnert. Sie ist Landschaftarchitektin und kommt aus einem niederländischen Elternhaus, «in dem es bereits in den 70er-Jahren statt Familienauto Veloferien gab.» Das Umweltbarometer, das die Gemeinde in der Anfangszeit erstellte, sei ziemlich «handgestrickt» gewesen, sagt Hartman. «Wir haben an einer Magnetwand unsere Co2-Ziele skizziert.» 

Abstimmung über die Biodiversitäts-Initiative

Soll die Natur in der Schweiz stärker geschützt werden? Im Kern um diese Frage dreht sich die Abstimmung zur Biodiversitätsinitiative, über die das Schweizer Stimmvolk am
22. September 2024 entscheidet.

Die Initianten, darunter Natur- und Umweltorganisationen wie die Stiftung für Landschaftsschutz, der Heimatschutz und Pro Natura, fordern unter anderem, dass Landschaften, Ortsbilder und Kulturdenkmäler zu «praktisch unantastbaren» Schutzobjekten deklariert werden und mehr Flächen für den Aufbau und Erhalt der Biodiversität bleiben.

Den Gegnern, darunter Vertreterinnen von Bauern- und Gewerbeverband, geht der Vorstoss zu weit. Sie argumentieren unter anderem, die Landwirtschaft würde zu stark eingeschränkt, Berggebiete und Tourismus würden geschwächt und die Umsetzung der Initiative würde zu hohe Kosten verursachen.

Die Redaktion von ref.ch beleuchtet das Thema in einer Artikelreihe, die bis zur Abstimmung vervollständigt wird. (jow)

Mit Beginn einer neuen Legislatur stellten die Meilemer 2015 den Antrag auf den «Grünen Güggel». Gemeinsam mit Romanshorn (TG) war Meilen die schweizweit erste ausgezeichnete Gemeinde. Bereits damals seien auf der Kirchenwiese Buchsbäume und Forsythien, also ausländische Arten, gerodet und durch einheimische Sträucher und eine Natursteinmauer ersetzt worden.

Auch ein Eichenbaum wurde gepflanzt. Eichen sind punkto Biodiversität Spitzenreiter, kaum ein anderer Baum zieht laut Hartman dermassen viele Insekten und Vögel an. Ein Umdenken hin zu mehr Ökologie herbeizuführen, habe Zeit gebraucht, sagt die ehemalige Kirchenpflegerin.

Faxgeräte oder Kopierer seien permanent gelaufen. Die Mitarbeitenden hätten motiviert werden müssen, die Computer nicht nur abends, sondern auch bei längeren Pausen abzuschalten. Gar Widerstand gab es gegen die Einführung von Recyclingpapier. «Wir hatten cremefarbiges, freundliches Papier, das alle wunderschön fanden. Es hiess, der Kopierer könne mit Recyclingpapier nicht umgehen», erzählt Hartman. 

Mensch gegen Natur

Die Zertifizierung habe dazu beigetragen, Abläufe zu Selbstläufern zu machen. Rund zehn Jahre später sei es eine Selbstverständlichkeit, dass Gemeindereisen nicht mehr mit dem Flugzeug gemacht würden. Gleichzeitig gelte es zu akzeptieren, dass Biodiversität und ökologisches Denken Grenzen hätten, sagt Feyna Hartman.

«Wer möchte, dass Fledermäuse im Kirchturm nisten, muss bereit sein, ihn nachts nicht zu beleuchten.»
Feyna Hartmann, ehemalige Kirchenpflegerin reformierte Kirche Meilen

«Solarzellen auf einem Kirchendach aus dem 16. Jahrhundert zu installieren, ist nicht sinnvoll.» Die Kosten wären zu hoch. Generell könnten Kirchgemeinden zumindest im Kanton Zürich noch mehr tun für die Biodiversität, findet die Pionierin. «Wer möchte, dass Fledermäuse im Kirchturm nisten, muss bereit sein, ihn nachts nicht zu beleuchten.» Auch Experimentierfreudigkeit dürfe immer einen Platz haben. 

Mehr Biodiversität lasse sich nicht von jetzt auf sofort erwirken, das brauche Zeit, sagt auch Pfarrer Erich Wyss. Er hat beobachtet, dass die Dohlenkästen, die extra aufgehängt wurden, lange nicht besiedelt wurden, weil die Krähen den Dohlen überlegen waren. Noch haben sich die Dohlen nicht fix niedergelassen. «Es spielt immer noch die Natur.»