Alles begann mit Suppen für Junkies

Mitten in der Drogenszene der Neunzigerjahre begann die Heiliggeistkirche in Bern damit, Suppe an Bedürftige zu verteilen. Es waren die Anfänge der Offenen Kirche. Ein Rückblick zum 20-Jahr-Jubiläum.

Die Citykirche am Bahnhof Bern will offen für alle sein. (Bild: CC BY-SA 3.0/WillYs Fotowerkstatt)

Die Offene Kirche Heiliggeist in Bern ist heute eine der lebendigsten Kirchen in der Schweiz. Rund 70’000 Besucher zählte sie im vergangenen Jahr. Ein buntes urbanes Publikum verkehrt hier, Kirchenmitglieder, Touristinnen und Konzertbesucher ebenso wie Asylsuchende und Obdachlose. Ein pulsierendes kirchliches Zentrum mitten im Herzen Berns, offen für alle Menschen, unabhängig von ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrem sozialen Status.

Entstanden ist die Idee zu einer Kirche für alle in den späten 90-er Jahren. Damals hatte sich ein Teil der Berner Drogenszene in das Gebiet rund um die Heiliggeistkirche verlagert. Auf der Treppe zur Kirche hockten Junkies, Alkoholiker und Obdachlose. Polizeirazzien waren an der Tagesordnung.

Renate von Ballmoos, damals Pfarrerin in der Heiliggeistgemeinde und Mitinitiantin der Offenen Kirche, erinnert sich gut an diese Zeit. «Die Treppe war so voll, dass fast kein Durchkommen war. Manchmal ist mir auf dem Weg in die Kirche auch Stoff angeboten worden.»

Skeptische Stimmen

Ein unhaltbarer Zustand, für die Kirchgemeinde, vor allem aber für die vielen Süchtigen. «Die Bedürftigkeit dieser Menschen war gross, und so entstand die Idee, die Kirche zweimal in der Woche zu öffnen, um ihnen eine warme Suppe anzubieten», sagt von Ballmoos. Bei einzelnen Mitgliedern des Kirchgemeinderats sei diese Idee allerdings auf Skepsis gestossen: «Manche hatten schlicht Angst um das Gebäude. Man fürchtete, die Drogenabhängigen würden in der Kirche randalieren».

Die Mehrheit des Kirchgemeinderates stand jedoch hinter dem Projekt und bewilligte es schliesslich. Im Frühling 1998 wurde in der Heiliggeistkirche erstmals Suppe ausgeschenkt. «Wir wollten das Gemeinschaftsgefühl stärken und stellten in der Kirche eine lange Bank mit Tischen auf. Dort assen dann alle zusammen», sagt von Ballmoos. Meist sei es dabei friedlich zu und her gegangen. «Wenn doch einmal einer ausrastete, beruhigten ihn die anderen, indem sie ihm sagten, man sei doch hier in der Kirche.»

Hunde und Alkohol in der Kirche

Offiziell eröffnet wurde die Offene Kirche im Herbst 1999. Die Suppenabgabe sei so etwas wie ein Testlauf gewesen, sagt Hansueli Egli. Der reformierte Pfarrer sass in der Kommission, die das Konzept für die Offene Kirche erarbeitete, und half zuvor schon beim Aufbau der Suppenküche mit. Unter anderem mussten dafür rund 50 Freiwillige gesucht und ausgebildet werden.

Organisatorisch und menschlich sei das Projekt eine Herausforderung gewesen, sagt Egli. «Der Andrang auf die Mahlzeiten war riesig, und der Umgang mit den Abhängigen nicht immer einfach». So sei es schon mal vorgekommen, dass nach den Mahlzeiten ein Portemonnaie fehlte oder die Gäste Hunde und Alkohol in die Kirche mitbrachten.

In Erinnerung geblieben sind dem inzwischen pensionierten Pfarrer aber vor allem die amüsanten Momente. Zum Beispiel die Bekanntschaft mit einem drogenabhängigen Mann, der ebenfalls Egli hiess. «Wenn ich in die Kirche kam, rief er mir jeweils zu: ‹Egli, das ist meine Kirche!›, und ich habe ihm dann geantwortet: ‹Egli, das ist auch ein bisschen meine Kirche!›»

Eine lange Tradition

Zum Erfolg wurde das Konzept der Suppenküche auch, weil städtische Essensangebote für Randständige in den 90-er Jahren rar waren. Zudem fanden die Drogenabhängigen in der Kirche ein offenes Ohr für ihre Sorgen.

Zum Verschwinden gebracht habe man die Szene dadurch natürlich nicht, sagt Renate von Ballmoos. Aber es sei gelungen, die Situation zu entschärfen. «Mit den Suppentagen holten wir die Drogenabhängigen aus ihrer Anonymität heraus. Dadurch ist auch das Verständnis der Kirchgänger für diese Menschen gewachsen.»

Heute braucht es die Suppentage nicht mehr, die Drogenszene rund um die Heiliggeistkirche ist verschwunden. Nach wie vor ist die Offene Kirche aber ein Ort für die Randständigen und Schwachen der Gesellschaft. Sie knüpft damit an eine Geschichte an, die vor über 700 Jahren begann: 1228 gründeten die Spitalbrüder vom Heiligen Geist eine Hospitalkirche, in der Kranke und Arme versorgt wurden. Insofern feiert die Kirche dieses Jahr nicht nur ihr zwanzigjähriges Bestehen, sondern eine sehr lange Tradition.