900 religiöse Führer beraten über Lösungen für aktuelle Konflikte

Am Bodensee hat das Treffen «Religions for Peace» begonnen. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Versammlung eröffnet und hält die Einbindung der Religionen bei der Bewältigung von Konflikten für unerlässlich.


Fast tausend Religionsvertreter aus 100 Ländern beraten ab dem 20. August im deutschen Lindau am Bodensee über Lösungen für aktuelle Konflikte. Die viertägige Weltversammlung der grössten interreligiösen Nichtregierungsorganisation «Religions for Peace» (Religionen für den Frieden) wurde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier offiziell eröffnet.

Steinmeier sprach sich dafür aus, religiöse Repräsentanten aus aller Welt stärker in Friedensprozesse einzubinden. «Religionen können als wirkmächtige und belastbare Förderer des Friedens einen unverzichtbaren und auch unersetzbaren Dienst an den Menschen leisten.» Doch Glaube und Religion könnten auch missbraucht werden: «Als Motivation für im Grunde ausserreligiöse Intentionen und politische Ziele.»

Kein Krieg im Namen der Religion

Steinmeier sagte, «Religions for Peace» mache Ernst mit der Überzeugung, dass Religionen kein Anlass mehr sein dürften für Unfrieden und Krieg, sondern dass sie im Gegenteil Werkzeuge des Friedens sein könnten und müssten. Auch wenn es für jede Religion zunächst einmal eine Zumutung bedeute, «sich in eine Reihe mit anderen Religionen zu stellen – und anderen Religionen gleiche Bedeutung und gleichen Wert zuzusprechen». Denn jede Religion habe für sich den Anspruch, wahr zu sein. Aber dieser Wahrheitsanspruch könne und dürfe nur friedlich vertreten werden. Steinmeier betonte, die gemeinsame Botschaft von Lindau müsse sein: «Religion darf niemals Rechtfertigung von Hass und Gewalt sein. Kein Krieg darf geführt werden im Namen der Religion.»

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, bezeichnete das Treffen am Bodensee als «Zeichen der Hoffnung in einer verunsicherten Welt». Mit dieser  Versammlung wolle man ein weltweites Zeichen gegen Spaltungen setzen, die zu Hass und Gewalt führten sowie Wege finden zu Frieden, Gerechtigkeit und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Mitschöpfung, sagte Bedford-Strohm, der auch bayerischer Landesbischof ist. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte, in Zeiten der Globalisierung müssten die Religionen Instrumente des Friedens sein.

Eine Zukunft aller

Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., warb für eine globale Vision. «Wir müssen die Menschheit dazu bewegen, sich für ein weltweites Gemeinwohl einzusetzen», sagte er. «Keiner kann das alleine. Wir brauchen einander.» Bartholomäus, dessen Patriarchat mit Sitz in Istanbul der Ehrenvorsitz der orthodoxen Weltkirche zusteht, forderte, Regierungen, Wissenschaft, Wirtschaft und Religionen müssten zusammenarbeiten.

Scheich Abdullah bin Bayyah aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sagte, dass die Globalisierung zwei Kräfte hervorgebracht habe: Die eine, die darauf dringe, religiöse Identitäten zu zerstören und eine gemeinsame aufzubauen. Die andere, die Gemeinschaften dazu bringe, sich an ihre Sitten und Bräuche zu klammern. Doch werde es keine Zukunft einzelner geben, wenn es nicht eine Zukunft aller gebe. Denn die ganze Menschheit sitze im selben Boot, sagte der Vorsitzende des Forums für die Förderung des Friedens in muslimischen Gesellschaften.

Schweizer Delegation dabei

Unter den angemeldeten Teilnehmenden sind auch «einige Delegierte aus der Schweiz», wie das Nachrichtenportal kath.ch schreibt. Unter ihnen ist Marc Bundi, der als «Beauftragter für interreligiösen Dialog der reformierten Zürcher Landeskirche» teilnimmt. Auch Thomas Wipf, reformierte Pfarrer und ehemaliger Präsident des Schweizerischen Evangelischer Kirchenbunds und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa ist vor Ort. Wipf ist Mitglied des Vorbereitungskomitees der Versammlung in Lindau. Eingeladen sind auch Brigitta Rotach, die theologische Leiterin des Haus der Religionen in Bern, und der gegenwärtige Präsident des Schweizerischen Rats der Religionen, Bischof Harald Rein. (epd/bat)