ref.ch: Herr Diethelm, das von Ihnen befürwortete «Modell 1» will, dass die Kirchenpflegen vor Ort in eine zentrale Kirchenpflege zusammengeführt werden. Die Gegner befürchten, dass dadurch eine «alles dirigierende, administrative Zentrale mit einem teuren Verwaltungsgebilde» entstehen würde. Droht bei der Annahme von «Modell 1» tatsächlich ein bürokratischer, zentralistischer Moloch?
Roland Diethelm: Das «Modell 1» führt insgesamt zu deutlich weniger Bürokratie gegenüber heute mit einem Stadtverband und parallel 34 Kirchgemeindeverwaltungen. Diese 35 Verwaltungen werden durch eine ersetzt. Die Zentrale sorgt für eine gerechte und zukunftsorientierte Mittelverteilung und koordiniert die Aufgaben. Die künftigen Teilgemeinden können sich auf das konzentrieren, warum sich auch heute Menschen für die Kirche engagieren: Programm, Diakonie, Gottesdienste, Glaubenskurse, Spiritualität im Alltag, Kindern die Schätze der Bibel zu erschliessen, Zeugnis für eine humane Welt zu geben. Den Liegenschaftenpark unterhalten und die Buchhaltung machen zieht wenige an, verbraucht aber heute ungeheuer viel Zeit in den Behörden. Die Gegner von «Modell 1» arbeiten mit Klischees und Schlagworten. Mit «Modell 2» wollen sie aber selber einen stärkeren Stadtverband, sprich noch mehr Parallelstrukturen. «Modell 1» sorgt endlich wieder dafür, dass die Strukturen einfach sind und Kompetenzen und Verantwortung in der Hand einer direktdemokratisch gewählten Behörde liegen.
ref.ch: Sie sprechen in der Kampagne für eine gesamtstädtische Kirchgemeinde von einer Chance, die gepackt werden soll, ja gar von einer «Erneuerung der Kirche» ist die Rede. Was bedeutet das konkret?
Roland Diethelm: Heute sollte reformierte Kirche neben dem Quartierbezug auch eine gesamtstädtische Sicht und Wirkung haben. Der Zweckverband kann keine theologische Verantwortung übernehmen, er ist für Liegenschaftsunterhalt und Steuerverteilung gemacht. Eine direkt vom Volk gewählte Stadtkirchenpflege oder Stadtsynode kann diese Verantwortung übernehmen. Das ist reformierte Tradition. Ein zweites Argument kommt dazu: Wir brauchen frische Ausdrucksformen von lokalen Gemeinden. Wir brauchen mehr verschiedene Gemeinden, nicht wenige gleichere. Wenn sich in Zürich 7-12 Grossgemeinden die Mittel aneignen, wird dafür wenig Gehör bleiben. Eine gesamtstädtische Verantwortung kann hier die Balance zwischen herkömmlichen lebendigen Gemeinden und neuen besser halten. Mit «Modell 1» können wir die Ausgaben nachhaltig zugunsten des Programms verändern. Heute gehen zwei Drittel in die Aufrechterhaltung einer zu grossen Infrastruktur. Das ist nicht tragbar und muss sich ändern.
ref.ch: Beim «Modell 1» drohe eine Enteignung der Liegenschaften, weiter führe es zu Verlusten von Orten und Gebäuden. Was sagen Sie dazu?
Roland Diethelm: Das Gegenteil ist wahrscheinlich. Im «Modell 1» verlieren alle bisherigen einen Teil ihrer Autonomie – allerdings ist viel davon bereits heute eine Art Schein-Autonomie. Wo heute engagierte Leute lebendige Gemeinde bilden, wird auch künftig die Kirche ihren lokalen Ort haben. Neu gehören aber alle Liegenschaften der Gesamtheit der Stadtzürcher Reformierten. Diese entscheiden künftig demokratisch über die Verwendung. Einige Lokalfürsten sehen das nicht gerne und haben deshalb das «Modell 2» konstruiert. Bei diesem werden 34 Kirchgemeinden zu 7-12 fusioniert, das heisst: 22 bis 27 werden verlieren. Es müssten fast alle Gemeinden neu gegründet werden, sogar Höngg und Affoltern würden Neugründungen mit einer oder zwei Nachbargemeinden bevorstehen. Dass dies mit einem immensen Identitätsverlust einher gehen würde, ist klar.
Roland Diethelm über die Kritik der Fusionsgegner: «Da ist die Verzweiflung eines Fürstentums spürbar.»
ref.ch: Birgt nicht viel eher eine Einheitsgemeinde die Gefahr von Identitätsverlust bei bestehenden Kirchgemeinden?